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Eine verdammt harte Nuss "Polizeiruf 110" setzt auf Teamarbeit

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"Bis Mitternacht" ist Verena Altenbergers vierter "Polizeiruf 110"-Einsatz als Bessie Eyckhoff.

(Foto: imago images/SKATA)

Nach dem "Tatort" in der Vorwoche ist nun also auch der "Polizeiruf 110" wieder angelaufen. Kaum ein Zufall, dass erneut Bessie Eyckhoff im Einsatz ist. Aber es ist nicht allein Verena Altenberger, die den Fall trägt. Der Star ist das Team - vor und hinter der Kamera.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, auch dem Anfang einer neuen Sonntagskrimi-Saison im Ersten. Wobei sich die Magie in der Vorwoche, beim ersten "Tatort" nach dem großen Sommerbreak, nur in Teilen entfaltete. In Frankfurt watete man beim Auftaktfall "Wer zögert, ist tot" noch durch knietiefe Ironie-Gewässer, was den ntv.de-Kollegen Julian Vetten immerhin noch zu einer soliden 7 in der Gesamtnote greifen ließ. "Wer mit den stark überzeichneten Charakteren etwas anfangen kann, wird seinen Spaß (…) haben", so seine Prognose im Vorabcheck.

Mit Überzeichnung und deklamatorischem Gedöns hat "Bis Mitternacht" wenig bis gar nichts zu tun, im Gegenteil - es gibt zwar immer wieder Eruptionen, Ausbrüche, Übergriffe, aber Regisseur Dominik Graf, mit all seiner Erfahrung, kennt sich bestens aus in Sachen Timing und Tempo, in puncto Rhythmus und Radau. Bis man drin ist im Stoff, im Fall, dauert es dennoch eine kurze Weile. Anfangs sieht alles doch sehr nach einer Adaption, oder zumindest einer Referenz an die ebenfalls sehr gelungene Netflix-Serie "Criminal" aus: Der Verhörraum, die unterschiedlichen Aggregatzustände vor und hinter der Scheibe, auch die Uhr mit der roten LED-Anzeige - dabei hätte es bleiben können, Stichwort Kammerspiel.

Aber Graf haut wie mit dem Hammer auf das Geschehen, lässt Plot-Scherben im Licht funkeln, spielt mit Kontrasten und Farbfiltern, urbane Jazz-Fetzen geben manchen Szenen einen fast halluzinatorischen Touch. Im Kontrast dazu wieder das Innenleben des Reviers, Jonas Borutta (bestens in Form: Thomas Schubert), diese verdammt harte Nuss, die Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger) fast schon geknackt hat, als es dann doch nichts wird. Wie sie eine Pause einlegt, vor Aufregung und Anspannung kotzen muss, während ihr neues Team mit Dorfmeister (Robert Sigl), Hader (Daniel Christensen) und Staatsanwältin Ehrmann (Birge Schade) es hinbekommt, die Lage in kürzester Zeit zu eskalieren. Überhaupt eine wunderbar beiläufig erzählte Parabel auf das Kräfteverhältnis zwischen Frauen und Männer im Revier: Was Bessie mühsam binnen Stunden an Draht zu Borutta aufbaut, hauen die Kerle binnen Sekunden zu Klump, blutige Stirn inklusive.

Stichwort neues Team: Den Revierwechsel thematisiert Autor Tobias Kniebe mit leichter Hand, versteigt sich gar nicht erst in Begrüßungs-Blumensträußen und Namensschildchen, taucht vielmehr direkt ein in den Ermittlungsalltag der Mordkommission. Während andernorts Erklärdialoge und allzu Plakatives der Geschichte den Flow nehmen, reichen bei Kniebe und Graf wenige Sätze, manchmal nur eine Geste, um etwas über die Figuren zu erzählen. Josef Murnauer (Michael Roll) etwa, der Kommissar im Ruhestand, der seine Tochter besucht, das Handy im Blick, bis tatsächlich der Anruf kommt, der ihn noch einmal ins Auge des Hurrikans befördert. Roll, mit dunklem Mantel und elegantem Hut, versieht die Szenerie mit einem Hauch Film noir. Auch ihm kommt Metaphysisches zu, wie er im Gegensatz zu seinen Kollegen die Gräben zwischen den Fronten fast spielerisch überwindet, indem er mit Bessie Eyckhoff in Nullkommanichts auf Augenhöhe agiert.

Dieses Teamwork ist nötig, denn Borutta alias Schubert ist, fast jedenfalls, mit allen Wassern gewaschen. Erst eine kommunikative Volte, die Murnauer und Eyckhoff im Duett ausführen, legt ihm schlussendlich die Schlinge um den Hals. Ein furioses Finale, das jetzt schon die Vorfreude auf den nächsten Fall aus München schürt. Fast etwas schade, dass Murnauer wieder in Rente geht.

Quelle: ntv.de

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