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"Tatort" aus Kiel Von Hippies, Nazis und Indianern

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Ein "Tatort" wie eine impressionistisch angelegte Spätherbst-Ballade.

(Foto: NDR/Felix Althaus)

Borowski verschlägt es an die See. Der Vater eines Pfarrers ist ermordet worden, der einstige Reformpädagoge hatte zuletzt an Alzheimer gelitten. Leider ist auch der Kieler "Tatort" eine jener Episoden, die man am liebsten schnell wieder vergisst.

Erneut wirft sich der kriminelle Zufall dem Ermittler direkt vor die Füße. Hatte Falke (Wotan Wilke Möhring) kürzlich erst auf eben jenem Rastplatz gestanden, den sich ein Sniper für seine Warnschüsse ausgesucht hatte, ist nun Borowski (Axel Milberg) zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vielleicht gar nicht einmal so schlecht für den chronisch schläfrigen Kommissar, ihm ein paar Wege zu ersparen. Zumindest kurzzeitig hellwach ist er jedenfalls, als ihm der achtjährige Simon (Anton Peltier) vor den Wagen läuft. Der Junge ist durcheinander, erzählt etwas von seinem toten Opa, einem bissigen Hund und sogar ein Indianer kommt in seinen Erzählungen vor.

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Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) greifen Simon (Anton Peltier) auf.

(Foto: NDR/Sandra Hoever)

Was nach einem Fiebertraum klingt, nimmt nach und nach Gestalt an. Beim Großvater von Simon handelt es sich um Heinrich Flemming (Reiner Schöne). Einst rebellierte er gegen die Nazi-Vergangenheit seiner Altvorderen und gründete in Dänemark eine progressive Pädagogik-Gemeinschaft. Seinen eigenen Sohn jedoch ignorierte er. Erst als Flemming an Alzheimer erkrankt, nimmt Simons Vater, Johann Flemming (Martin Lindow), mittlerweile Pastor in einer kleinen Gemeinde, ihn bei sich auf. Das Verhältnis ist zerrüttet, auch die Beziehung zu Ehefrau Nadja (Tatiana Nekrasov) alles andere als harmonisch. Und dann gibt es da noch ein Schiff, das vor der Küste ankert, darauf die Gefolgsleute des alten Flemmings, der vor seiner Erkrankung als ebenso charismatischer wie gefürchteter Sektenführer die Fäden in der Hand hielt.

"Heinrichs Vater war ein grauenvoller Kriegsverbrecher. Sein Sohn trifft aus Angst vor einer eventuellen genetischen Disposition die radikale Entscheidung, keine Kinder in die Welt zu setzen. Sein abgelehnter Sohn Johann entwickelt aus dieser Zurückweisung eine extreme Gläubigkeit, die ihn zu normalen Emotionen kaum noch fähig macht." erläutert Regisseur Niki Klein die psychologischen Hintergründe seiner Protagonisten. "Das prägt die Beziehung zu seiner von ihm abhängigen Frau, einer Spätaussiedlerin, die dankbar ist, aufgenommen worden zu sein. Sein Sohn Simon leidet unter dieser Unbedingtheit im Glauben. Am Schluss sind die Kinder die Opfer."

"Die eigene traumatische Erinnerung an NS-Erziehung und Nazi-Eltern machte es vielen schwer, das richtige Maß für eigene idealistische Ideen zu finden", ergänzt Borowski-Darsteller Axel Milberg. Das richtige Maß, ein passendes Stichwort, denn so interessant die Geschichte im Kern sein mag, so begrenzt ist das 90-Minuten-Format wieder mal für ein derart komplexes Thema. Wenig hilfreich zudem die oft traumartig anmutende Inszenierung, die kaum Fokus oder Linie bietet.

Geschehen bleibt über weite Strecken im Nebel

Zwischen naturalistischen Sequenzen, lose montierten Rückblenden und trockenen Verhör-Szenen bleibt das Geschehen über weite Strecken im Nebel. Auch das Personal selbst - vom Schäfersmann bis zum Indianer, der plötzlich von der Traumwelt in die Realität wechselt, dazu die kaum über Andeutungen hinauskommenden Beziehungen untereinander - scheint oft nicht zu wissen, worum es eigentlich geht.

Ein "Tatort" wie eine impressionistisch angelegte Spätherbst-Ballade, die bei unbestritten schöner Landschaft und geheimnisvoller Atmosphäre, kaum einen Rhythmus findet und am Ende ein Gefühl latenter Verwirrung hinterlässt.

Quelle: ntv.de