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"Tatort" aus Kiel Wann ist ein Mann ein Mann?

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Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) macht diesmal ein Fass mit besonders ekligem Inhalt auf.

(Foto: NDR / Christine Schroeder)

Am Abend vor dem Internationalen Weltfrauentag stellt sich auch der ARD-Krimiklassiker in den Dienst der guten Sache. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der neueste Fall von Borowski und Sahin letztlich dann doch wieder hauptsächlich eines im Fokus hat: Männer.

Christchurch, Halle, Hanau, Oslo und Utøya, der Zuschauer kann kaum so schnell blinzeln, wie hier die Orte des rechtsextremen Terrors der jüngeren Vergangenheit aufgezählt werden. Es gilt im "Tatort" wieder einmal, vieles zu erklären, auszubreiten, zu kontextualisieren. Inhaltlich macht Autor Peter Probst dabei ein Fass mit besonders ekligem Inhalt auf. "Borowski und die Angst der weißen Männer", so lautet der Titel des neuesten Falles aus Kiel. "Starke Frauen in der ARD" wiederum ist der Themenschwerpunkt überschrieben, in dessen Rahmen der "Tatort" diesmal inhaltlich am Internationalen Weltfrauentag andockt.

Die Ausgangslage der Ermittlungen ist zunächst übersichtlich: eine Tote in der Nähe einer Kieler Diskothek, ein Tatverdächtiger, ein mögliches Motiv. Aber es geht um mehr als den gekränkten Stolz eines in Liebesdingen ungelenken jungen Mannes, der Zurückweisung erfährt. Für die rechtsextremistischen Attentäter von Halle, Hanau, Christchurch und Oslo war auch der Hass auf Frauen ein Motiv. Das Profil der Täter weist Parallelen auf.

Komplexes Thema in 90 Minuten

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Borowski und Mila Sahin (Almila Bagriacik) haben sich gut aufeinander eingespielt.

(Foto: NDR / Christine Schroeder)

"Der Antifeminismus ist quasi eine weitere Baustelle der rechtsextremen Szene, gehört bei den meisten Radikalen sozusagen mit ins Portfolio", so Regisseurin Nicole Wegmann über die Hintergründe dieser Geschichte. "Diese Zusammenhänge sind der breiten Öffentlichkeit in Deutschland überhaupt nicht bekannt. In angelsächsischen Ländern gibt es dafür schon längere Zeit ein Bewusstsein. Die englisch-sprachige Presse hat den Attentäter von Hanau sofort unter dem Label 'Involuntary Celibates', verkürzt Incels, einsortiert: Die rechte Szene hat sich dieser Milieus schon lange angenommen, indem sie entsprechende Foren im Internet unterwandert und radikalisiert."

Ein komplexes Thema also, dass der "Tatort" hier ins zeitlich beschränkte 90-Minuten-Format einpasst. Die vielschichtige Gemengenlage der Incels gilt es darzulegen, gleichzeitig folgt der Zuschauer dem Protagonisten Mario Lohse (Joseph Bundschuh), in dessen Figur sich klassischer Verdächtigen-Status und Radikalisierungs-Fallstudie vereinen. Das Darknet als Brutstätte von Verschwörungstheorien muss verhandelt werden, die exponierte Situation von Politikerinnen beleuchtet und schlussendlich die Sache mit den sogenannten Pickup-Artists, einer Spezies von Macho-Flüsterern, darauf spezialisiert, ihren untersexten Geschlechtsgenossen ein krankes Instrumentarium zur Fraueneroberung an die Hand zu geben.

Berge von Botschaften

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Ach ja, und dann ist da noch die Sache mit den vierzehn Buchstaben, dem "14 Words"-Code, ein unter Rassisten und Neonazis verbreiteter Leitsatz, bestehend aus eben jenen namensgebenden 14 Worten: "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weißen Kinder sichern." Berge von Botschaften also, unter dem dieser Kieler "Tatort" ächzt, interessant dabei, dass es im Schlussdrittel dann doch noch kompakter und wirklich fesselnd wird.

Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) haben sich binnen kurzer Zeit ein unaufgeregtes Binnenverhältnis erspielt, die Szenerie der Incels dampft vor männerbündischem Abscheu, der Cast um die Geschwister Bundschuh, Arnd Klawitter, Jördis Triebel und Vidina Popov ist toll, auch wenn es sich am Ende des Tages dann doch weniger um den initialgebenden Weltfrauentag dreht als vielmehr wieder einmal um sie: die Männer.

Quelle: ntv.de

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