Panorama

Ausbeutung in arabischen Golfstaaten Debatte um moderne Sklaverei

Mehr als zehn Millionen ausländische Arbeiter schuften derzeit in den arabischen Golfstaaten. Viele von ihnen werden regelrecht ausgebeutet. Trotzdem reißt der Strom der Hungrigen und Verzweifelten nicht ab.

Sie wechseln Babywindeln, bauen Hochhäuser, fördern Öl und massieren verspannten Urlaubern den Rücken. Mehr als zehn Millionen ausländische Arbeiter schuften derzeit in den arabischen Golfstaaten. Ohne diese mehr oder weniger rechtlosen Niedriglohnarbeiter aus Asien, die oft mehr als zwölf Stunden pro Tag arbeiten, wäre das Wirtschaftswachstum von Dubai oder Katar nicht denkbar. Sie bauen für die Araber luxuriöse Einkaufszentren und nehmen ihnen die Hausarbeit ab.

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Ein ausländischer Arbeiter kümmert sich darum, dass die Straße vor der Scheich-Said-Moschee in Abu Dhabi sauber ist.

(Foto: dpa)

Seit Jahrzehnten prangern Menschenrechtler und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die oft inhumanen Lebensbedingungen der ausländischen Arbeiter an. Einige von ihnen werden von ihren Arbeitgebern und von halblegalen Vermittlungsagenturen ausgebeutet wie Zwangsarbeiter. Bauarbeitern werden die Pässe abgenommen. Wer protestiert oder streikt, riskiert die sofortige Abschiebung. Hausmädchen klagen über Schläge und sexuellen Missbrauch. In Saudi- Arabien wurden in den vergangenen Jahren mehrfach Fälle von Hausangestellten bekannt, die von ihren Arbeitgebern gefoltert wurden. Trotzdem reißt der Strom der ungelernten Arbeiter aus Bangladesch, Indien, Sri Lanka und Pakistan nicht ab: Ein Heer der Hungrigen und Verzweifelten.

Auf Gedeih und Verderb ausgeliefert

Ein System, das den Arbeitgeber in den Golfstaaten zum "Bürgen" ("Kafiel") für des von ihm rekrutierten Ausländers macht, führt dazu, dass ihm die Arbeiter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Wer sich ohne Erlaubnis des Arbeitgebers eine neue Stelle sucht, macht sich strafbar und wird, wenn ihn die Polizei schnappt, sofort abgeschoben.

"Es ist unzivilisiert, wenn Geschäftsleute aus der Privatwirtschaft den Arbeitern ihre Pässe wegnehmen", erklärt der stellvertretende Generaldirektor der kuwaitischen Industrie- und Handelskammer, Rabah al-Rabah. Mit Entsetzen erinnert er sich an den Fall eines kuwaitischen Unternehmers, der Arbeiter, die für ein Projekt in die Wüste gebracht worden waren, so schlecht versorgt hatte, dass diese vor lauter Hunger Echsen und andere Tiere jagten.

Bahrain will Gesetze ändern

Bahrain will dieses System, das die ILO als "altes Modell aus der Zeit der Sklaverei" bezeichnet, nun abschaffen. Vom 1. August an soll es in dem Königreich keine "Bürgen" mehr geben. Ausländer, die ausgebeutet oder misshandelt werden, können sich dann in dem Golfstaat auch ohne Einwilligung ihres Arbeitgebers einen neuen Job suchen. In der Geschäftswelt des Königreiches regt sich Protest gegen die Gesetzesänderung und auch in den anderen Golfstaaten befürchten nun viele Arbeitgeber, die von der Ausbeutung der Ausländer profitieren, dass ihre Gewinne demnächst schrumpfen könnten.

Die Regierungen reagieren unterschiedlich. Aus dem Arbeitsministerium in Abu Dhabi, das wegen der Arbeitsbedingungen auf der prestigeträchtigen neuen Museumsinsel kürzlich von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert worden war, hieß es im Mai: "Wir werden uns sicher nicht vom Bürgen-System trennen, das wir in den vergangenen 40 Jahren perfektioniert haben."

Aufenthaltsdauer verlängern

Aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise will man in den Emiraten aber demnächst möglicherweise die Aufenthaltsdauer für Arbeiter und Angestellte, denen gekündigt wurde, verlängern. Denn bislang muss jeder Ausländer, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) arbeitet, das Land nach einer Kündigung innerhalb von 30 Tagen verlassen, wenn er in dieser Zeit keinen neuen Job fand. Das gilt für Bauarbeiter aus Indien genauso wie für Ingenieure aus Deutschland.

"Natürlich wäre es toll, wenn das Bürgen-System abgeschafft würde, dann würde ich mich sofort viel freier fühlen", sagt ein indischer Chauffeur, der seit fünf Jahren in Katar arbeitet. Bei einer Umfrage der Website "Arabian Business" sprachen sie im Mai 91 Prozent von 400 Befragten für eine entsprechende Gesetzesänderung in allen Golfstaaten aus.

Rechte von Kindermädchen und Putzfrauen stärken

Menschenrechtsorganisationen fordern derweil, dass mögliche Gesetzesänderungen nicht nur die Rechte der von Firmen beschäftigten Arbeiter berücksichtigen sollten, sondern auch die Millionen von Kindermädchen, Putzfrauen, Köchinnen und Fahrern, die den wohlhabenden Golfarabern das Leben erleichtern. Denn sonst wird es auch in Zukunft Fälle wie den der Haushaltshilfe Scharifa geben, der kürzlich von der ILO dokumentiert wurde.

Die verheiratete Frau aus Bangladesch war von ihrem mittellosen Ehemann gedrängt worden, am Golf Arbeit zu suchen. Dort wurde sie von dem Sohn ihres Arbeitgebers mehrfach vergewaltigt. Als sie sich bei der Mutter des jungen Mannes beklagte, wurde sie von ihr als Frau von "loser Moral" beschimpft. Man ließ sie bis zu 19 Stunden pro Tag arbeiten und kürzte ihr die Essensration. Scharifa wurde schwanger und entschloss sich zur Abtreibung. Als sie sich schließlich hilfesuchend an den Vater ihres Peinigers wandte, schickte dieser sie zurück nach Bangladesch, wo ihr Ehemann die Scheidung einreichte.

Quelle: ntv.de, Anne-Beatrice Clasmann, dpa

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