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Neue Corona-Risiken in Europa Virus-Krise trifft Deutschlands Nachbarn

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Europa gegen Ende des ersten Pandemie-Sommers: Die Zahl der Coronavirus-Infektionen steigt in vielen Regionen wieder an.

(Foto: picture alliance/dpa)

In mehreren Staaten Europas scheint sich die Corona-Situation gerade dramatisch zu verändern. Spanien spricht von der zweiten Welle, rapide steigende Fallzahlen kommen aus Frankreich, Ungarn schließt die Grenzen für Ausländer. Wie lange können sich die Deutschen der Entwicklung widersetzen?

Seit dem Frühjahr kämpfen die Staaten Europas mit teils massiven Einschränkungen gegen die Ausbreitung des Erregers der potenziell tödlichen Infektionskrankheit Covid-19. Die Regierungen der Länder verfolgen dabei verschiedene Strategien der Pandemie-Abwehr - bei teils sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Zu Beginn des Spätsommers laufen die Bewegungen auseinander: Während einige europäische Regionen solide Fortschritte vorweisen können, drohen andere in den Folgen neuer lokaler Ausbrüche zu versinken.

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Große Probleme bereitet den Gesundheitsexperten vor Ort derzeit vor allem der während der Sommersaison angeschwollene Reiseverkehr. In Deutschland gelang es, den auch durch heimkehrende Urlauber ausgelösten neuerlichen Anstieg der Fallzahlen zumindest einzudämmen. Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen entwickelt sich seit vergangener Woche im 7-Tage-Schnitt wieder rückläufig.

Anderswo dagegen sieht es düster aus. Spanien zum Beispiel verzeichnet seit Mitte August einen dramatischen Anstieg bei den neu nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen. Im mehrtägigen Mittel sind es mittlerweile deutlich mehr als 8000 Fälle pro Tag. Zum Vergleich: Während des Höhepunkts der ersten Welle im Frühjahr waren es in Spanien niemals mehr als 9300 Neuinfizierte am Tag. Aktuell jedoch meldete Madrid für Montag inklusive der beiden Tage des zurückliegenden Wochenendes landesweit mehr als 23.500 Neuinfektionen - also im Schnitt rund 7850 pro Tag.

Bei der Zahl der spanischen Neuinfektionen kommt es zudem zu erheblichen Schwankungen. Grund ist eine Entscheidung der spanischen Behörden: Seit Anfang Juli werden dort am Wochenende keine neuen Zwischenstände mehr veröffentlicht. Dadurch häufen sich Nachmeldungen an, die zu Wochenbeginn dramatisch wirkende Ausschläge auslösen.

Eine rapide Verschlechterung der Gesamtsituation zeigt sich in Frankreich. Das Nachbarland im Westen musste die Corona-Auflagen in den vergangenen Wochen gleich in mehreren Landesteilen wieder verschärfen. Das Auswärtige Amt stuft derzeit zwei Regionen als Risikogebiete ein, darunter auch den Großraum Paris.

Landesweit hat das Fallaufkommen die nach deutschen Maßstäben geltende Obergrenze von 50 Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage je 100.000 Einwohner überschritten. Wenn die Entwicklung anhält, wäre bald auch mit einer formellen Reisewarnung für ganz Frankreich zu rechnen. Laut Daten des französischen Gesundheitsministeriums überschritten in der Kalenderwoche 34 insgesamt 13 Departements die Obergrenze.

Bei der Gesamtzahl der bisher nachgewiesenen Ansteckungen hat Frankreich Deutschland längst überholt. Die französischen Behörden gehen derzeit von mehr als 281.000 Coronavirus-Fällen aus. Die Zahl der Todesfälle liegt mit 30.635 sogar um ein Vielfaches über dem deutschen Niveau. Dafür kann es eigentlich nur zwei plausible Gründe geben: Entweder ist es in Frankreich in den vergangenen Monaten nicht gelungen, das Vordringen des Erregers in die älteren Bevölkerungsschichten zu verhindern, oder die Zahl der nicht entdeckten Ansteckungen im Land ist sehr viel höher als in Deutschland.

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Generell gehen Epidemiologen davon aus, dass sich die Sterberate im Zusammenhang mit Coronavirus-Infektionen international eigentlich angleichen müsste. Schließlich unterscheidet das Virus nicht nach Nationalitäten. Den Schwachpunkt in den Berechnungen zum Fall/Verstorbenen-Anteil bilden natürlich die Meldedaten und die damit verbundenen Unsicherheiten. Die Annahme sich angleichender Werte gilt natürlich nur, sofern die auftretenden Infektionen auch in vergleichbaren Ausmaßen erfasst werden.

Ein auffallend hohes Fallaufkommen zeigt sich derweil nicht nur in Spanien und Frankreich. Auch andere Teile Europas werden wieder von der Pandemie-Welle erfasst. In der Balkan-Region sind es gleich mehrere kleinere Staaten, in denen das Virus noch nicht unter Kontrolle ist. Über der Obergrenze liegt aktuell Bosnien-Herzegowina mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von knapp 59 Neuinfektionen. Das Nachbarland Montenegro kommt auf 73,5 aktuelle Fälle je 100.000 Einwohnern. Den europaweiten Spitzenwert weist die Republik Moldau aus: Dort zählen die Behörden in den vergangenen sieben Tagen offiziellen Angaben zufolge 76,5 nachgewiesene Coronavirus-Fälle je 100.000 Einwohnern.

Sehr viel besser in der Pandemie-Abwehr schlägt sich derzeit Italien. Das Land, das in Europa zum Ursprungsort Zehntausender Ansteckungen wurde und das im Frühjahr lange Zeit die europaweit mit Abstand meisten Coronavirus-Fälle zählte, konnte eine neuerliche Ausbreitung des Virus bislang erfolgreich verhindern.

Ein Blick auf die Italien-Karte der Regionen zeigt, dass die Pandemie dort zwar ebenfalls noch längst nicht überwunden ist. Das Fallaufkommen jedoch entwickelt sich dort vergleichsweise moderat. Im schwer getroffenen Norden des Landes mit den dicht besiedelten Ballungsräumen bleibt die Lage stabil. Die Schwerpunkte des Infektionsgeschehens haben sich mehr in den Süden verlagert.

Die ntv-Karte zur Virus-Lage in Italien erscheint komplett in Grautönen: Keine einzige der italienischen Regionen bewegt sich bei der Sieben-Tage-Inzidenz bei Werten über 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern. Lediglich auf Sardinien, in der Emilia-Romagna und in Kampanien, also die Region um Neapel, übersteigt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell den Wert von 20. Zugleich signalisieren die Grautöne jedoch auch, dass kein Landesteil Italiens auch bisher in die Nähe jener Zielwerte kommt, in denen die Anzahl der gemeldeten Neuinfektionen in Richtung null sinkt.

Wie eine leuchtende Ausnahme erscheint da die Lage in Luxemburg: Auf der Europa-Karte der am schwersten betroffenen Staaten erstrahlt das Herzogtum zwischen Deutschland, Belgien und Frankreich seit vergangenem Freitag in sattem Grün. Die Einstufung geht allerdings im Wesentlichen auf eine größere Datenkorrektur der luxemburgischen Behörden zurück. Seit dem 28. August werden dort in den offiziellen Daten nur noch die Infektions- und Todesfälle unter Einwohnern des Landes aufgeführt.

Die Umstellung bei der Fallerfassung führte dazu, dass die Gesamtzahl der registrierten Infektionsfälle von einem Tag auf den anderen um fast 1400 nach unten korrigiert wurde, was immerhin 17,5 Prozent der Gesamtfälle entsprach. Da die ntv-Berechnungen zum Neuinfektionstrend und zur Sieben-Tage-Inzidenz auf diesen amtlichen Angaben aufbauen und anders als zuletzt in Großbritannien keine tagesgenaue Fallzahlkorrektur vorgenommen wurde, fielen die entsprechenden Kennzahlen für Luxemburg teils weit in den negativen Bereich. Dieser Verzerrungseffekt wird noch bis Ende der Woche anhalten.

Belastbar sind dagegen die Angaben aus den übrigen Staaten Europas. Die Gesamtsituation hat sich dort flächendeckend verdüstert. Großbritannien zum Beispiel ist noch immer weit davon entfernt, das Infektionsgeschehen der ersten Coronavirus-Welle in den Griff zu bekommen.

Die Behörden in London meldeten für das Vereinigte Königreich zuletzt mehr als 9200 Fälle pro Woche. Im Schnitt entspricht das rund 1300 Neuinfektionen pro Tag - etwas mehr als in Deutschland. Da Großbritannien insgesamt weniger Einwohner als Deutschland zählt, fällt die Sieben-Tage-Inzidenz mit einem Wert von 13,9 höher aus.

Legt man das deutsche Fallaufkommen als Maßstab an, so zeigt sich ein geteiltes Bild der Entwicklung: Die aktuellen Brandherde des Infektionsgeschehens befinden sich demnach in Westeuropa und auf dem Balkan. Länder wie Schweden - das bei den Corona-Auflagen und den Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung im Frühjahr einen etwas lockereren Ansatz verfolgte - liegen mit Deutschland nahezu gleichauf.

Höhere Infektionszahlen als in Deutschland sind - gemessen an der Sieben-Tage-Inzidenz - jedoch zum Beispiel in Griechenland (14,0 Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage je 100.000 Einwohner) zu erkennen. Belgien kommt bei dieser Vergleichszahl auf einen Wert von 19,7 und die Niederlande auf 20,4. Stärker betroffen sind derzeit Österreich (21,0), Tschechien (22,9) und die Schweiz (24,7).

Bemerkenswert niedrige Werte erreichen dagegen europäische Länder wie Serbien (9,9), Slowakei (9,0) und Finnland, wo das aktuelle Fallaufkommen bei 2,7 liegt. Auch das zentral in Mittel- und Osteuropa gelegene Ungarn kann sich zu dem Kreis der Staaten zählen, die bislang vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise kam. Trotzdem hat die Regierung in Budapest die Landesgrenzen Anfang September für nahezu alle einreisenden Ausländer gesperrt. Auch Deutsche dürfen seitdem nur noch in begründeten Ausnahmefällen ins Land.

Der Grund für diese energische Maßnahme liegt jedoch nicht etwa in den Ansteckungsrisiken durch Touristen aus Deutschland und den zeitweise deutlich angestiegenen Fallzahlen in den deutschen Bundesländern. Das EU-Land mit seinen rund 9,8 Millionen Einwohnern sieht sich vielmehr vor allem im Süden und Osten von Risikogebieten umgeben. In der Ukraine zum Beispiel, das sich mit Ungarn eine immerhin rund 130 Kilometer lange Grenze teilt, steigen die Fallzahlen derzeit immer weiter an.

Noch gravierender stellt sich die Lage aus der Sicht der ungarischen Behörden im östlichen Nachbarland Rumänien dar: Dort nähert sich die Sieben-Tage-Inzidenz der Alarmschwelle von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern. In dem EU-Land mit seinen gut 20 Millionen Einwohnern mussten seit Anfang August gleich mehr als ein Dutzend Regionen zu Risikogebieten erklärt werden. Seitdem hat sich die Lage dort nicht verbessert. Das Virus breitet sich auch in der rumänischen Hauptstadt Bukarest weiter aus.

Quelle: ntv.de