Panorama

Impfstoff im Hauruckverfahren Experten kritisieren Moskaus "Husarenstück"

Impfstoff Russland.JPG

Zwei Portionen des russischen Corona-Impfstoffs, den Putin angeblich "Sputnik V" getauft hat.

(Foto: via REUTERS)

Russland lässt offenbar im Eilverfahren einen Impfstoff gegen Covid-19 zu. Wissenschaftler sind skeptisch bis entsetzt. Sie warnen vor gesundheitlichen Komplikationen, aber auch vor negativen Folgen für die Akzeptanz von kommenden Corona-Impfstoffen.

Beim Wettlauf zum ersten Corona-Impfstoff halten sich die meisten Länder und Unternehmen bisher an weltweit anerkannte Regeln, die sicherstellen sollen, dass ein Wirkstoff nicht nur schützt, sondern auch sicher ist. In der Regel muss ein Vakzin dafür drei Phasen der klinischen Prüfung an Menschen durchlaufen. Die dritte Phase ist die entscheidende, weil der Impfstoff über einen längeren Zeitraum mit sehr vielen Probanden quasi unter Alltagsbedingungen getestet wird. Doch Russland hat jetzt ein Vakzin genehmigt, offenbar ohne die Phase-3-Studie abzuwarten. Beifall aus der Wissenschaft erhält Moskau dafür nicht. Experten warnen stattdessen vor möglichen Nebenwirkungen und negativen Folgen für die Akzeptanz von kommenden Impfstoffen.

"Ich sehe die Zulassung sehr, sehr zurückhaltend", sagt etwa der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. "Gerade, wenn Impfstoffe aus nicht ganz so freien Systemen kommen, ist eine unabhängige Begutachtung besonders wichtig. Sonst kann da jede Firma irgendwas erzählen."

"Hochriskantes Experiment"

Ärztepräsident Klaus Reinhardt kritisiert ebenfalls das Vorgehen Russlands. "Die Zulassung eines Impfstoffs ohne die entscheidende dritte Testreihe halte ich für ein hochriskantes Experiment am Menschen", sagte er der "Rheinischen Post". Es dränge sich der Eindruck auf, dass es sich um eine populistische Maßnahme handele, so der Präsident der Bundesärztekammer. "Es ist unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen."

Auch russische Wissenschaftler sind mehr als skeptisch. So sagte laut "Tagesschau.de" Vitali Zwerjev vom renommierten russischen Metschnikow-Institut, man könne in so kurzer Zeit unmöglich beweisen, dass ein Impfstoff effektiv und ungefährlich sei. Man wisse auch nicht, wie lange die Immunität anhalte.

Der Epidemiologe Timo Ulrichs äußerte bei ntv erhebliche Bedenken. "In der zweiten Phase testet man noch an relativ kleinen Gruppengrößen, das wird jetzt etwas übers Knie gebrochen", sagte Ulrichs. "Da wäre ich zurückhaltend, was die Aussagen über die Daten angeht." Ein Impfstoff könne nicht "mal eben einfach so" zugelassen werden. Er müsse härtere Kriterien erfüllen als ein neues Arzneimittel. "Die Daten müssen verlässlich sein. Und deshalb müssen die größeren Studien der Phase 3 verlässlich durchgeführt werden."

"Russen müssen jetzt großes Glück haben"

Der Arzt und Medizin-Journalist Christoph Specht äußerte im ntv-Interview ebenfalls erhebliche Zweifel an dem russischen "Husarenstück". Man wisse im Westen nur, dass mit dem Impfstoff bisher gerade mal 38 Menschen in Berührung gekommen seien, sagt er. Es sei also noch eine ganz frühe Phase des Impfstoffs, weit entfernt von Phase 3. Und die Aussage, er habe überhaupt keine Nebenwirkungen sei auch nicht glaubwürdig. "Ich würde mir das jetzt nicht verabreichen lassen", sagt Specht. Die Russen müssten jetzt einfach nur großes Glück haben, dass tatsächlich nichts passiert, wenn sie Tausende, Hunderttausende oder gar Millionen impften.

Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums sagte dem "RND", es müsse ein positives Nutzen-Risiko Verhältnis des Impfstoffs nachgewiesen werden, bevor der Impfstoff in der Breite angewendet werden könne. In der EU gelte: "Der Patientensicherheit kommt höchste Priorität zu. Zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des russischen Impfstoffs sind hier keine Daten bekannt."

"Russland handelt verantwortungslos"

US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding von der Federation of American Scientists twitterte unter anderem, Russland handele verantwortungslos. Impfzurückhaltung sei eine der größten Herausforderungen für die Weltgesundheit und ein schlechter Versuch riskiere die Akzeptanz der Corona-Impfungen. Ein schwacher Impfstoff sei möglicherweise auch schlimmer als kein Impfstoff, schreibt er. "Wir wollen keine Menschen, die sich für unverwundbar halten, obwohl sie nur ein wenig geschützt sind."

Mehr zum Thema

Das Risiko, dass ein überhasteter Impfstoff Impfskeptiker in ihrer Ablehnung bestärken könnte, sieht auch die Präsidentin des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx. Man müsse transparent erklären, um was für einen Impfstoff es sich handelt, wie sorgfältig er entwickelt wurde und nach welchen Kriterien er verteilt werde, sagt sie. Deswegen sei es sehr wichtig, dass der Start der Impfungen gut gelinge.

US-Chef-Immunologe Anthony Fauci sagte schon zuvor auf CNN, er hoffe die Russen testeten tatsächlich den Impfstoff, bevor sie ihn irgendjemanden verabreichen. Denn zu behaupten, man habe einen einsatzbereiten Impfstoff, bevor er getestet wurde, sei bestenfalls problematisch.

Quelle: ntv.de, mit dpa