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Mehr als eine Frage des Geldes Wie soll ein Impfstoff verteilt werden?

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Impfstoffe gegen das Coronavirus können nur erfolgreich sein, wenn sie weltweit verfügbar sind.

(Foto: imago images/Science Photo Library)

Mehrere Corona-Impfstoffe sind in der entscheidenden Studien-Phase, könnten schon bald verfügbar sein. Doch was geschieht dann, nach welchen Kriterien werden sie verteilt? Wird es ausreichend Dosen für alle geben? Und sind die Impfungen sicher? Vier Wissenschaftler geben Antworten.

Noch nie in der Geschichte wurden Impfstoffe so schnell entwickelt wie aktuell gegen Sars-CoV-2. Die WHO zählt mehr als 160 Projekte, 26 davon befinden sich bereits in der klinischen Phase, die Mittel werden also an Menschen getestet. Sechs Impfstoffe sind sogar schon in der letzten Studien-Phase, müssen Wirksamkeit und Verträglichkeit im Alltag in besonders hart getroffenen Ländern wie Brasilien beweisen. Es ist also durchaus realistisch, dass kommendes Jahr mehrere Vakzine bereitstehen. Aber wie geht es dann weiter? Wer muss, kann oder darf zuerst geimpft werden? Und wie funktioniert die weltweite Verteilung?

Vier renommierte Wissenschaftler sagen im NDR-Podcast, worauf es ankommt: Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE); Alena Buyx, Professorin für Medizinethik und Präsidentin des Deutschen Ethikrates; Hans-Georg Eichler, Professor für klinische Pharmakologie der MedUni Wien und leitender Mediziner der Europäischen Arzneimittel-Agentur; Wolfgang Greiner, Professor für Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement Universität Bielefeld.

Auch wenn es vielen nicht schnell genug gehen kann, weist Hans-Georg Eichler darauf hin, dass es zu keinen übereilten Zulassungen kommen, dass es keine Abkürzungen bei den Nachweisen von Sicherheit und Wirksamkeit geben darf. Trotzdem sei es möglich, schneller zu sein. Zum einen hätten alle Beteiligten Reserven, zum anderen könnten Teilprozesse parallel ablaufen. Weil man so aber bereits in die nächste Phase investieren müsse, ohne zu wissen, ob die vorherige erfolgreich war, stiegen die Entwicklungskosten.

Reichtum darf nicht entscheidend sein

Eigentlich würden Impf-Projekte von Unternehmen bezahlt, da durch die hohe Nachfrage für sie im Erfolgsfall hohe Gewinnaussichten lockten, sagt Wolfgang Greiner. Der Staat finanziere üblicherweise nur Grundlagenforschung. Dass sich viele Länder an der Finanzierung von Impfstoffen beteiligen, liege vermutlich daran, dass sie sich diese sichern wollen, so Greiner. Dies sei aber keine optimale Lösung der Verteilung.

Alena Buyx stimmt ihm zu. In Deutschland machten sich beispielsweise die ständige Impfkommission und andere Gruppen bereits Gedanken darüber, nach welchen Kriterien ein Impfstoff verteilt werden sollte, solange Knappheit herrscht, sagt sie. "Ganz grob" gehe es darum, Schaden zu minimieren, Leben zu retten, Sterblichkeit zu reduzieren, die Verbreitung des Virus einzuschränken oder die Gesellschaft am Laufen zu halten. Außerdem gehe es um Solidarität, also die Schwachen und die, die sich besonderen Risiken aussetzen, zu schützen. Ein wichtiges Gerechtigkeitskriterium sei aber auch Effektivität, erklärt Buyx.

Knappheit bedeutet Auswahl

"Wir brauchen ein Modell, mit dem wir im Grunde Aussagen dazu machen können, welche Auswirkungen die Impfung bestimmter Gruppen hätte, wenn wir andere nicht impfen", ergänzt Greiner. "Weil Knappheit bedeutet, dass wir auswählen müssen." Auch, wenn dies unangenehm sei. Ökonomen würden immer sagen, man wolle möglichst wenig Infektionen, Krankenhausaufenthalte und Komplikationen und viel Lebensqualität für Patienten. Dies könne aber bedeuten, dass bestimmte Gruppen ausgeschlossen werden, beispielsweise besonders alte Menschen. Daher müsse man andere Regeln finden.

In einer Sache seien sich wohl alle Experten einig, sagt Buyx: Die Gesundheitsarbeiter hätten oberste Priorität. Unklar sei noch, wo bestimmte Risikogruppen stehen oder Personen, die Systemrelevanz haben, etwa Lehrer oder Kita-Mitarbeiter. Und der Teufel stecke im Detail, beispielsweise welche Gesundheitsarbeiter genau ganz vorne in der Schlange stünden.

In der Debatte dürfe man auch die möglicherweise unterschiedliche Wirksamkeit und Verträglichkeit nicht vergessen, sagt Eichler. So seien ältere Menschen zwar eine Risikogruppe, sie hätten aber auch ein schwächeres Immunsystem. So könnte es sein, dass eine bestimmte Dosis bei jungen Menschen eine sehr positive Wirkung auslöse, bei Senioren aber schwächer oder gar nicht wirke.

Es kann nur eine weltweite Lösung geben

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Gesundheitsökonom Greiner fürchtet allerdings, dass ethische Argumente bei der Frage der Verteilung zu kurz kommen könnten, da bereits Regierungen versuchen, durch Investitionen Impfstoff für ihr Land zu sichern. Das sei nicht nur für Schwellen- oder Entwicklungsländer schlecht, die nichts oder nur geringe Mengen bekommen, sondern auch für die reichen Staaten, die das machten, sagt er. Die Pandemie schwappe immer wieder zu ihnen zurück, solange sie auf der Welt grassierte. Das gelte auch für Deutschland, "weil wir ein offenes Land und eine offene Volkswirtschaft sind".

Als Exportnation habe die Bundesrepublik auch ein großes Interesse daran, dass andere Länder die Krise bewältigen können, so Greiner. Mit Staaten wie den USA, die nur mit sich selbst kämpften, hohe Arbeitslosigkeit und schwindende Einkommen hätten, ließe sich weniger gut Handel treiben. "Ich sage das mal so kalt, damit verstanden wird, dass es keinen Sinn macht, schon jetzt Impfdosen durch Verträge zu horten, obwohl sie noch gar nicht da sind." Internationale Kooperation, bei der man sich zumindest für einen Teil der Produktion abspreche, sei viel klüger.

EU muss Verantwortung übernehmen

Aber wer soll das organisieren, durchsetzen? Die USA sind Greiners Meinung nach nicht dabei, die WHO derzeit zu geschwächt. Aber die EU könne sich über ihre Grenzen hinaus mit anderen Ländern auf Kriterien zur internationalen Verteilung einigen. Auch auf Ebene der UNO sieht er Chancen. Herauskommen müsse aber mehr als eine Geberkonferenz, bei der nur Geld für die Forschung gesammelt werde. Es müssten Kriterien gefunden werden, nach denen wenigstens eine halbwegs gerechte Verteilung zwischen den Ländern möglich sei.

Die Schwäche der WHO in dieser Frage sieht auch Alena Buyx. Die Organisation habe beispielsweise eine Initiative zum Teilen von Wissen gestartet, an der sich nur relativ wenige westliche Länder beteiligten. Und die Medizinethikerin weist ebenfalls darauf hin, dass Inseldenken reicher Länder in der Pandemie nutzlos sei. Abgesehen davon, dass dies kaltherzig sei und man sich zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet habe, sei es falsch, zu sagen, man erledige das Problem in Europa und dann sei alles gut. "Solange nicht die ganze Welt teilhat, werden wir die Pandemie nicht los. Die wird dann immer wieder kommen, weil wir einfach so globalisiert leben und arbeiten."

Als Wissenschaftlerin, die selbst an einem Impfstoff arbeitet, spürt Marylyn Addo den Druck und versteht, dass es auch um sehr viel Geld geht. Sie ist schon positiv überrascht, dass das Thema der gerechten Verteilung überhaupt politisch und in der EU diskutiert wird. Ob dem auch Taten folgen und hinter den Kulissen dann eben doch Impfstoffvorräte beispielsweise nicht in Indien oder Afrika ankommen, müsse man abwarten. Aber man dürfe auch nicht vergessen, dass die finalen Studien in Ländern mit den höchsten Infektionszahlen durchgeführt würden, unter anderem in Südafrika, Brasilien und Bangladesch. Man könne die Firmen dort nicht einfach wieder abziehen, ohne Impfstoff auch dort verfügbar zu machen.

Akzeptanz durch Transparenz

Um im Kampf gegen die Pandemie ein wichtiger Baustein sein zu können, müssen Impfstoffe aber nicht nur gerecht verteilt, sie müssen auch von einem ausreichenden Teil der Bevölkerung angenommen werden. Zumal man noch gar nicht wisse, wie hoch die Schutzwirkung der verschiedenen Vakzine sei, sagt Addo. Der Weg aus der Krise werde sicher mehrere Jahre dauern, mahnt die Infektiologin. Nicht nur, weil man den Impfstoff verteilen müsse, sondern weil es Menschen geben werde, die sich nicht impfen lassen wollen.

Wenn man die Immunität in der Bevölkerung erhöhen und Infektionsherde eingrenzen könne, sei dies schon ein wichtiger Beitrag, betont Addo. Im ersten oder zweiten Quartal 2021 habe man voraussichtlich ausreichend Daten, um die Wirksamkeit der Impfstoffe zu bestimmen. Und dann könne man anfangen, zu berechnen, wie viel Leute oder wen man impfen muss. "Da sind ganz viele Sachen noch offen."

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Was die Impfgegner betrifft, bleibt Alena Buyx relativ gelassen. Die harte Gruppe mache aktuell vielleicht 4 oder 5 Prozent der Bevölkerung aus. Die könne man auch nicht erreichen, sagt sie. Aber es gäbe so 20, 30 Prozent, die vorsichtig oder skeptisch seien und erst mal abwarteten, wie sicher eine Impfung sei. Und deswegen sei es sehr wichtig, dass der Start der Impfungen gut gelinge. Dafür müsse man transparent erklären, um welche Mittel es sich handelt, wie sorgfältig sie entwickelt wurden und nach welchen Kriterien sie verteilt werden.

Pharmakologe Eichler weist darauf hin, dass man dabei langfristig vorgehen muss. Es gelte, Geimpfte weiter zu beobachten, um zu demonstrieren, dass auch nach ein, zwei Jahren keine negativen Folgen zu befürchten sind, sagt er. Dann würden sich letztendlich auch ohne Pflicht genügend viele Menschen impfen lassen, sind sich die Wissenschaftler einig.

Quelle: ntv.de