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Die größten Mythen zum Thema Sex"Haben alle anderen mehr Sex als ich, Dr. Khadjavi?"

14.02.2026, 18:02 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Stephanie Khadjavi ist systemische Paartherapeutin mit Praxis in Berlin. Sie unterstützt Paare, auch online, in allen Phasen und Konflikten - von ersten Verliebtheitskrisen bis zu langjährigen Partnerschaften. Ihr Herz schlägt besonders für Paare, die schon viele Jahre zusammen sind und spüren, dass mehr möglich ist. (Foto: privat)

Sexualität ist kein "nice to have", sondern ein wichtiger Anteil von Beziehungspflege, sagt die Paartherapeutin Stephanie Khadjavi. Wir wollen wissen, ob Sex einen anderen Stellenwert hat als früher. Vor allem wollen wir aber wissen, ob Mythen über Sex wirklich Mythen sind. Oder vielleicht doch stimmen?

ntv.de: Wir beginnen mit dem Mythos: "Alle anderen haben mehr Sex als ich". Stimmt das?

Stephanie Khadjavi: Zunächst einmal: "Der Vergleich ist des Glückes Tod", und nein, so darf man da nicht herangehen. Sich zu vergleichen hat etwas sehr Kompetitives, die zugrundeliegende Sorge jedoch, dass man vielleicht zu wenig oder qualitativ zu schlechten Sex hat, die gibt es und die ist auch normal. Die Libido ist unterschiedlich, vor allem in festen Beziehungen ist sie großen Schwankungen unterworfen. Auch das ist total normal. Die gelebte Praxis richtet sich, im besten Fall, nach der Person, die weniger will. Problematisch wird es, wenn es für den anderen nicht reicht. Und das ist etwas sehr Individuelles.

Dennoch - gibt es Richtwerte?

Es gibt eine Studie der US-amerikanischen Psychologin Amy Muise von der University of Toronto, die besagt, grob zusammengefasst, dass es keine klare Empfehlung für die Häufigkeit von Sex gibt, zumal der Wunsch nach Intimität individuell unterschiedlich ist. Studien mit Paaren weisen allerdings darauf hin, dass einmal Sex pro Woche ideal für das mentale Wohlbefinden in der Beziehung ist.

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Leichtigkeit, Tiefe und Freude wieder finden - mit kleinen, machbaren Impulsen, die den Alltag erleichtern, ist das durchaus machbar.

Und mehrmals Sex pro Woche? Oder pro Nacht?

Kann schön sein, muss aber nicht. Mehr Sex macht nicht automatisch glücklicher oder zufriedener. Weniger Sex hingegen korreliert mit einer größeren Beziehungsunzufriedenheit.

Einmal in der Woche ist ein Durchschnittswert, am Anfang einer Beziehung haben die meisten Menschen wahrscheinlich mehr Sex.

Ja, die Spannung ist größer. Aber es geht ja nicht nur um die Frequenz, sondern darum, "es" regelmäßig zu machen. Das heißt unter Umständen, dass Paare nicht zählen sollten, wie oft sie Sex haben. Vielleicht ist es nur einmal im Monat, aber besonders schön. Paare sollten aber über ihre Bedürfnisse sprechen und das Thema auf keinen Fall komplett einschlafen lassen, weil man sonst emotional aus dem Kontakt kommt.

Das kann sich im Alltag leicht einschleichen, oder?

Ja, wenn kein Raum mehr für die Intimität eines Paares ist. Vor allem dann, wenn ein Teil mehr will als der andere, wird sehr viel leichter die Tür für Außenbeziehungen geöffnet.

Kommen viele Paare mit diesem Thema in Ihre Sprechstunde?

Zuerst gibt es meist ein anderes Problem, das gelöst werden soll, die Sexualität kommt dann oft später. Und ist nicht selten ein großes Thema, vor allem das unterschiedliche Verlangen des Einzelnen.

Ein weiterer Mythos, so stand es jedenfalls in der "New York Times", besagt, Sex bedeute Penetration.

Das ist hart. Das würde ich so niemals sagen. Und das sagt hierzulande auch niemand. Das ist auch zu technisch und setzt eine Zielfokussiertheit voraus, die alles andere, was auch zum Sex dazugehört und ihn schön macht, vernichtet. Esther Perel - sie zählt zu den international führenden Paar- und Sexualtherapeutinnen und ist quasi ein Pop-Star der Szene - sagt dazu: "Sex ist nicht etwas, was wir tun, sondern ein Ort, an den wir gehen." Dort können wir unartig sein, verspielt, leidenschaftlich oder spirituell verbunden, auf jeden Fall an einem Ort sein, an dem wir uns lebendig fühlen. Und das ist weit mehr, als sich auf den Orgasmus zu fokussieren. Insbesondere in längeren Beziehungen ist es wichtig, diesen Ort zu haben, an dem man sein kann, wie man ist.

Braucht es manchmal schöne, besondere Orte für Sex? Sollte man Sex mehr zelebrieren?

Man unterscheidet Sex in "Sex, der spontan ist", wie es meist beim anfänglichen Sex in einer Beziehung ist, und dem "reaktiven oder repulsiven Sex". Der ist bei Frauen in der Regel wichtiger - also auch, ob eine Frau sich sicher und geborgen fühlt - aber auch bei Paaren, die lange zusammen sind. Die wenigsten Männer fallen, wenn sie von der Arbeit kommen, direkt über ihre Frauen her (lacht), das ist in den meisten Fällen nicht so.

Sollte man sich zum Sex verabreden?

Das ist einer der besten Tipps, den man geben kann, auf jeden Fall! Sex zu planen eröffnet völlig neue Erfahrungen. Und wenn man der alten Regel: "Auswärts immer, zu Hause nimmer" Glauben schenkt, dann heißt das nicht nur, dass man sich außerhalb von zu Hause woanders umschaut, sondern mit dem eigenen Partner auswärts ganz neue Erlebnisse haben kann. Also raus aus dem Gewohnten, rein in die Fantasie oder einen Kurzurlaub.

Thema Gleitmittel und Co. - da heißt es gern, dass es das nicht braucht, wenn der Sex gut ist.

Man darf nicht unterschätzen, wie sehr dieses Thema, also "die Frau ist zu trocken", mit Scham behaftet ist. Denn nicht immer fallen Verlangen und körperliche Erregtheit zusammen, und darüber zu sprechen ist für viele schwer. Dabei wäre dieses Problem noch am leichtesten zu lösen, durch Ratgeber oder ein Gespräch mit der Frauenärztin, denn auch Frauen in anderen Alters- und Lebensphasen, ausgelöst durch Stress oder Krankheit, Medikamente oder das Stillen, können betroffen sein.

Männer wissen in unserer aufgeklärten Welt auch um diese Möglichkeiten, oder?

Das ist der Wunsch (lacht)! Im Zweifel sollte man das offene Gespräch suchen. Was mir aber auffällt, ist, dass jüngere Menschen viel besser über alles sprechen können. Sie sind offener. Aber manchmal wollen sie vielleicht auch zu viel.

Stichwort Polyamorie und offene Beziehung?

Genau, das ist nach wie vor schwierig, denn meist will einer mehr als die andere oder umgekehrt. In einem meiner Lieblingspodcasts, er heißt "Die Sache mit der Liebe", wird gesagt, dass es drei Paare in Deutschland gibt, bei denen die offene Beziehung funktioniert. Und die sind alle in Talkshows (lacht).

Geht der Wunsch nach mehreren PartnerInnen häufiger von Männern aus?

Meist schon, sie labeln es gern als "sexuelle Weiterentwicklung", was nichts mit Gefühlen zu tun hat, es ist aber ehrlich gesagt nur ein anderes Wording für eine Art Spannungsabbau. Tatsächlich geht der Wunsch nach einer offenen Beziehung mehr von Männern aus, Frauen ziehen nach. Was dann passiert ist: die Frau verliebt sich. Ende der Beziehung. Der Mann wundert sich, weil die Frau gegen die Regeln verstoßen hat. Gegen die Kraft der Verliebtheit kommt er dann nicht mehr an. Ob er was gelernt hat für die nächste Beziehung, steht in den Sternen.

Kein Gender-Bashing, einfach die Feststellung: Männer funktionieren anders als Frauen, und umgekehrt.

Ja, Männer werden leichter getriggert, zum Beispiel visuell, quasi aus dem Nichts, und bei Frauen ist es eher kontextgetrieben. Und wenn Frauen auch andere Partner zulassen wollen, dann eher in Form von Polyamorie, weil sie eben auch seelische Verbundenheit suchen.

Ist Monogamie ein Wunschbild?

Wenn alle happy sind, gut. Meine berufliche Erfahrung in der Praxis sagt mir, dass Monogamie das dominante Modell ist. Menschen sind per se keine monogamen Wesen, aber die anderen Formen der Beziehung bringen oft eine große Komplexität mit sich, die für die meisten schwer zu handeln ist. Monogamie wirkt auf mich jedoch wie das beste und das beliebteste Modell. Allen, die das jetzt langweilig finden, gebe ich den Rat, dass man eine Beziehung nicht "ertragen" muss, und dass man Monogamie nicht "ertragen" muss, sondern dass man es sich, auch in der Sexualität, richtig schön machen kann. Man muss sich aber kümmern. In meiner Definition ist Liebe auch eine Haltung: Du willst das Glück des anderen mehren und Unglück fernhalten. Die Konzentration auf eine Person ist wahrscheinlich einfacher und sinnvoller, Faktoren wie Ehrlichkeit und Loyalität spielen eine große Rolle. Vielleicht empfindet man sonst nie, wenn man sich quasi verzettelt, dieses schöne Gefühl der großen Liebe.

Ein weiterer Mythos: Sex tut weh. Für viele gehört das angeblich dazu.

Das muss ich mit einem klaren Nein beantworten. Was man sich allerdings vorstellen kann, ist natürlich, dass es Menschen gibt, die vieles aushalten, um sich an den Partner anzupassen, ihm damit einen Gefallen tun. Schmerzen sind grundsätzlich aber immer ein Signal, dass etwas nicht stimmt. Ob die Schmerzen nun "nebenbei" entstehen oder mit Absicht zugefügt werden, ist das nichts, was irgendeine Person aushalten muss.

Und wenn es nicht nur körperlich ist? Erniedrigung, Psychospiele, die man nicht mitmachen möchte …

Sobald Sexualpartner nicht im Dialog sind, würde ich davon abraten. Zumindest, wenn es um eine Form der Partnerschaft geht. Sex darf Spaß machen und soll sich gut anfühlen.

Ein weiterer Mythos: Männer wollen mehr oder öfter. Stimmt das?

Diese Aussage gehört auf jeden Fall in die Abteilung Legendenbildung. Studien bestätigen, dass es keinen messbaren Unterschied gibt zwischen dem Verlangen von Mann und Frau. Es gibt aber wie gesagt auf jeden Fall einen Unterschied darin, wie Verlangen ausgelöst wird. Und diese Trigger, also Männer eher spontan, Frauen repulsiv, sind ein häufiger Grund, warum Paare zu mir in die Praxis kommen. Frauen bevorzugen in den meisten Fälle Nähe, das heißt, wenn sie mit dem Mann Zeit verbringen, dann kommt es für sie eher zum Sex, als wenn sie sich immer nur morgens und abends kurz sehen. Frauen wollen sich begehrt fühlen. Und davor gesehen.

Da wir ja länger jung bleiben, zumindest so tun, und irgendwann nach dem Liebestöter "Nachwuchs im Haushalt" die Kinder dann irgendwann wirklich aus dem Haus sind, besteht die Chance, sich wieder zu finden. Oder gar nichts mehr miteinander anfangen zu können.

Genau. Die, die es schaffen, die neue Phase ohne Kinder und mit mehr Freizeit als Chance für die Beziehung zu sehen, die haben viel erreicht. Sich Zeit, Raum und Energie auch für seine Sexualität zu nehmen, ist wichtig. Dass wir gut ohne Sex leben können, ist nämlich auch ein Mythos. Sex ist wichtig, es gibt Studien dazu. Meist geht das von einem Beziehungsteil aus, und weil die meisten Menschen sich auf das Gute konzentrieren, auf das, was da ist und nicht das, was fehlt, machen viele das überraschend lange mit. Bis, wie gesagt, einer von außen ins Spiel kommt.

Die Mythen "Sex muss spontan sein" und "Geplanter Sex ist langweilig" haben wir widerlegt, bleibt noch die Frage nach dem idealen Penis. Und was er können muss.

Wie er auszusehen hat, spielt in liebevollen Partnerschaften außerhalb von "Sex and the City" keine Rolle (lacht). Was er können muss schon eher. Sowohl frühzeitige Ejakulation als auch Erektionsprobleme sind sehr schambehaftete Themen, für beide Probleme gibt es jedoch Lösungen. Und auch darüber sollte man sprechen.

Vielleicht nach dem Tatort am Sonntag, wo laut "Bild"-Zeitung die meisten Paare dann Pornos schauen anstatt "Caren Miosga" …

Wenn es zu einem partnerschaftlichen Ritual dazu gehört, why not? Meine erste Empfehlung wäre es nicht. Denn wer sich immer stärkeren Reizen aussetzt, der findet zunehmend weniger Gefallen an seinem eigentlichen Sex. Das ist leider so.

Mit Stephanie Khadjavi sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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