Umstrittene Studie zu PenislängeKommt es doch auf die Größe an?

Macht die Penisgröße einen Mann für Frauen attraktiver? Ein Forschungsteam ist dieser Frage nun nachgegangen und kommt zu dem überraschenden Ergebnis: Ja, es kommt auf die Größe an. Doch Experten widersprechen vehement. Sie warnen vor einem wiederaufflammenden "Peniskult".
Aus Daten einer Befragung zu computergenerierten Silhouetten schließen Forschende, dass die Größe des Penis die Anziehungskraft eines Mannes auf Frauen mitbeeinflussen könne. Zudem hänge davon ein wenig mit ab, als wie stark und kampffähig Männer potenzielle Rivalen einschätzten, schreibt ein Team um Upama Aich von der University of Western Australia in Crawley im Fachjournal "PLOS Biology".
Der Berliner Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger sieht in der Studie ein weiteres Anzeichen dafür, dass uralte, längst widerlegte Thesen wieder Aufschwung erhalten, weil sie zum Zeitgeist passen. "Männer sollen wieder Kerle sein und Stärke ausstrahlen, Frauen fühlen sich als Hausfrau glücklich." Im Zuge dieser Entwicklung flackere auch der Peniskult wieder auf, Symbol der jahrhundertelangen gesellschaftlichen Vorzugsstellung des Mannes.
"Größe des Penis so unerheblich wie Größe der Füße"
Eine Auswirkung dieses Trends sei, dass sich in seiner Praxis vermehrt wieder Männer mit dem zwanghaften Gefühl meldeten, ihr Penis sei zu klein, sagt Krüger. Dabei seien zahlreichen Studien zufolge nur sehr wenige Penisse zu klein oder zu groß, um Einfluss auf die sexuelle Zufriedenheit von Frauen zu haben - von der Partnerwahl ganz zu schweigen. "Dafür ist die Größe des Penis so unerheblich wie die Größe der Füße", betont Krüger.
Das Team um Aich hatte 343 männliche Silhouetten konfiguriert, die sich in je sieben Abstufungen in Körpergröße (1,63 bis 1,87 Meter), Körperform (birnen- bis V-förmig) und Penisgröße (5 bis 13 Zentimeter) unterschieden. Insgesamt 600 männliche und 200 weibliche Teilnehmende wurden gebeten, die Figuren entweder online am Rechner oder als lebensgroße Abbilder zu bewerten. Frauen sollten die sexuelle Attraktivität einschätzen, Männer die Wahrnehmung als sexuelle Konkurrenz sowie als Bedrohung.
Breite Schultern, schmale Hüfte = attraktiv
Als attraktiv - und auch als besonders bedrohlich - wurden wenig überraschend größere Figuren mit eher V-förmigen Körperbau eingeschätzt. Mit erheblich geringerer Relevanz wurde im Mittel auch ein größerer Penis als sexuell attraktiver gewertet. Die Ergebnisse bestätigten zudem, dass Frauen einen Partner bevorzugen, der größer ist als sie selbst. Und sie ergaben, dass Männer die Bedeutung aller drei Merkmale für die Anziehungskraft auf Frauen überschätzen.
Sie halten also attraktivere Rivalen für eine stärkere Konkurrenz, als diese tatsächlich sind. Auch wenn der Blick einer Frau durchaus mal zur Hose wandere wie der eines Mannes zum Dekolleté: "Nicht mal bei einem klar auf Sex ausgerichteten One-Night-Stand spielt die Penisgröße eine Rolle", meint Krüger. "Es geht darum, wie der Mann redet, wie er flirtet, seine Ausstrahlung, wie gut er küssen kann." Im Nahbereich komme der Geruch als oft unterschätzter Einflussfaktor hinzu.
Körperliche Merkmale spielten zwar eine große Rolle dafür, wie anziehend ein Mensch optisch eingeschätzt werde, sagt die Sexualmedizinerin Aglaja Stirn von der Universität Kiel. Für eine Beziehung, für Partnerschaft und Bindung seien andere Faktoren aber weit bedeutsamer - Loyalität, Zuverlässigkeit und Humor zum Beispiel. "Warum Paare zusammenbleiben und sich lieben, ist ein komplexes Zusammenspiel aus vielen Merkmalen."
Zurück zum Recht des Stärkeren
Frühere Studien würden zudem der Annahme widersprechen, dass Frauen größere Penisse bevorzugen, sagt Stirn. Beim Online-Dating zum Beispiel schrecke es Frauen auch ab, wenn Männer merklich auf ihre Penisgröße fixiert seien.
In männerdominierten Gesellschaften sei der Penis über Jahrhunderte als äußeres Zeichen für die Privilegierung des Mannes gewertet worden, erläutert Krüger. Inzwischen werde gerade über soziale Medien wieder viel zu viel Aufhebens um den kleinen Körperteil gemacht. Das Streben nach Gleichberechtigung werde wieder infrage gestellt, und es werde stärker in den Kategorien von männlich und weiblich gedacht. "Es ist ein unguter Zeitgeist, der sich da widerspiegelt."
Politik werde zunehmend vom Recht des Stärkeren, von radikalem Durchsetzen geprägt, so Krüger. Parallel dazu laufe der Trend zu vermeintlichen biologischen Erklärungen, über die der Machismus Eingang auch in die Wissenschaft finde.
Der Penis als Kampfkraft-Barometer?
Das Team um Aich sieht als wichtigste Erkenntnis seiner Studie, dass die Penisgröße die Einschätzung der Kampffähigkeit eines Rivalen durch Männer - zumindest ein bisschen - mitbeeinflusst. Womöglich hätten Männer einst bei sonst vergleichbaren Körperattributen seltener eine aggressive Auseinandersetzung mit einem Rivalen begonnen, an dem ein größerer Penis als der eigene baumelte, spekuliert die Gruppe.
Die Penisgröße könnte einer von mehreren körperlichen Hinweisen auf den Grad der Kampffähigkeit gewesen sein, mutmaßen die Forschenden weiter. Es sei durchaus plausibel, dass die männlichen Genitalien als Statussignale fungierten und die Wahrscheinlichkeit für einen Kampf beeinflussten, heißt es: "Bei Säugetieren beeinflusst Testosteron die Genitalentwicklung, die Muskulatur und die Aggressivität, wodurch ein plausibler Zusammenhang zwischen Penisgröße und Kampffähigkeit hergestellt werden kann."
In der Natur gebe es Vergleichbares, heißt es in der Studie auch: Vogel-, Eidechsen- und Libellen-Männchen bestimmter Arten mit vergleichsweise großen Farbflecken würden seltener von Rivalen angegriffen.
Eine zweite potenzielle Erklärung für den Penis als Kampfkraft-Anzeige ist den Forschenden zufolge, dass sich ein Penis als Reaktion auf Stress oder Angst verkürzen kann, da Adrenalin den Blutfluss von den Genitalien weglenkt. Ein längerer Penis könne deshalb vielleicht als Zeichen von Selbstvertrauen, geringem Stress oder dem Fehlen einer wahrgenommenen Bedrohung interpretiert werden.
Menschlicher Penis - ungewöhnlich dick und lang
Männer haben verglichen mit anderen Primatenmännchen einen ungewöhnlich dicken und langen Penis. Über den Grund rätseln Evolutionsbiologen schon lange. Angenommen wird, dass die Penislänge über die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft den Fortpflanzungserfolg beeinflusst. Die Forschenden werten ihre Daten nun als Hinweis darauf, dass einst vielleicht auch die Vorlieben von Frauen und die Konkurrenz mit anderen Männern eine Rolle gespielt haben könnten.
"Während der menschliche Penis in erster Linie der Übertragung von Sperma dient, deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass sich seine ungewöhnlich große Größe eher zu einem sexuellen Schmuckstück entwickelt hat, um Frauen anzulocken, als zu einem reinen Statussymbol, um Männer abzuschrecken, obwohl er beides tut", sagt Mitautor Michael Jennions von der Australien National University in Canberra.
Auch hier sehen die Forschenden allerdings selbst schon eine Einschränkung: Der Einfluss hänge davon ab, ob Frauen in frühen evolutionären Zeiten großartige Wahlmöglichkeiten hatten, räumen sie ein.
Später war dem jedenfalls nicht so: In männerdominierten Gesellschaften und auch bei heute noch existierenden Jäger- und Sammlergesellschaften hätten in der Regel vor allem die Eltern erheblichen Einfluss auf die Partnerwahl ihrer Töchter.