Panorama

Neue Corona-Maßnahmen Hoffen auf Bruch von Infektionsketten

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Ohne die Einhaltung der AHA-Regeln wird es trotzdem schwierig.

(Foto: dpa)

Bundesregierung und Ministerpräsidenten schnüren ein Maßnahmenpaket, mit dem Deutschland aus der Zweiten Welle kommen soll. Aus der Wissenschaft kommt dafür durchaus Unterstützung, allerdings mit mahnenden Untertönen.

Hotels, Restaurants, Kinos und Theater, Fitnessstudios und Bordelle sollen von Montag an für den gesamten November schließen. Schulen, Kitas und Geschäfte sollen - anders als im Frühjahr - offen bleiben. Maximal zehn Personen aus zwei Haushalten dürfen sich in der Öffentlichkeit treffen, private Reisen sind nicht erwünscht, wer kann, soll im Homeoffice arbeiten. Im Bundestag nennt Kanzlerin Angela Merkel, die aktuell gegen das Corona-Virus ergriffenen Maßnahmen "geeignet, erforderlich und verhältnismäßig". Aus wissenschaftlicher Sicht fällt das Urteil nicht ganz so eindeutig aus.

Der Epidemiologe Timo Ulrichs hält den beschlossenen Teil-Lockdown für richtig. Aus seiner Sicht hätte er sogar noch früher erfolgen sollen. "Denn es war absehbar, dass die vorher beschlossenen Maßnahmen von Bund und Ländern nicht die erhoffte Wirkung haben würden", sagte Ulrichs ntv. "Eine Woche früher wäre besser gewesen, denn da hatten wir schon die Information, dass diese flächige Ausbreitung nicht mehr aufzuhalten war."

Andererseits habe die Bundesregierung gerade noch rechtzeitig reagiert. "Was passiert wäre, wenn wir nur ein bisschen länger gewartet hätten, kann man in Frankreich sehen. Dort sind die Betten voll und die Intensivstationen ausgelastet", so Ulrichs. So weit werde man es in Deutschland nicht kommen lassen. Er rechne damit, dass durch die Maßnahmen wieder Zahlen wie vor der aktuellen Wellen erreicht werden können. "Etwa sieben bis zehn Tage müssen wir Geduld haben, dass da tatsächlich ein epidemiologischer Effekt sichtbar wird. Aber dann sollte es konsequent runtergehen." Sobald die Reduzierung der persönlichen Kontakte sichergestellt sei, "hat das Virus keine Möglichkeit mehr, die Zahl noch weiter nach oben zu treiben".

Ventile schaffen

*Datenschutz

Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hatte schon vor Verkündung der neuen Maßnahmen deutlich gemacht, dass er eine lokale Ampel-Lösung für die vielversprechendste Lösung hält. Im "Tonspur Wissen"-Podcast der Leibniz-Gesellschaft sagte er: "Wir haben ja zum Beispiel Gegenden, wo der Grenzwert durch einen Ausbruch in einem Altersheim verursacht wurde. Das ist ein ganz anderes Geschehen, hat ganz andere Auswirkungen, als wenn eben viele kleine Partys im privaten Bereich oder auch illegale Partys im öffentlichen Raum dazu geführt haben, dass dieser Grenzwert erreicht wird."

Für Bürgerinnen und Bürger seien die verschiedenen Zahlen, die in einer Pandemie bestimmte Entwicklungen abbilden, nicht immer leicht zu verstehen. Einfacher und anschaulicher sei das "mit der sogenannten Ampel" wie in Berlin darstellbar. Dort fließen genau diese Zahlen ein, würden dann aber "mit einfachen Farben dargestellt" werden.

Schmidt-Chanasit hatte aber auch betont, dass er die Zulassungen von Veranstaltungen weiterhin für wichtig hält: "Immer unter der Prämisse, dass man das Infektionsrisiko gering hält, dass dadurch keine anderen gefährdet werden." Wenn man eine bestimmte Anzahl negativ getesteter Personen zusammen feiern oder ein Fußballspiel besuchen lasse, könne man ein Ventil schaffen. "Wenn man das nicht macht, findet es, so wie jetzt eben, in der Illegalität statt. Und das ist viel, viel schlimmer, weil dann hat man eben gar keine Kontrolle darüber", argumentierte er.

"Normales Weihnachten" in weiter Ferne

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer nennt die geplanten Maßnahmen sinnvoll, um die zweite Welle zu brechen - aber nur dann, wenn sich danach das Verhalten der Menschen wirklich ändert. "Es steht und fällt damit, dass sich die Menschen bewusst sind, dass es ohne ihr Mitwirken nicht funktioniert", sagte der Laborleiter und Dozent. Wenn die einfachen Regeln wie Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen und Lüften nicht eingehalten würden, führe das zu einer Endlosschleife. Mit massiven Kontaktbeschränkungen gebe es eine gute Chance, die Infektionsketten zu durchbrechen, sagte Stürmer.

Auch dass Schulen und Kitas geöffnet bleiben, sieht der Frankfurter Virologe nicht als problematisch an. Zwar gebe es so immer noch eine gewisse Chance für ein Infektionsgeschehen, sagte Stürmer. "Es gibt aber noch keine Signale darauf, dass Schulen und Kitas Infektionstreiber wären." Die angedachten Maßnahmen würden zwar kein "normales Weihnachten" ermöglichen, aber ein "etwas normaleres Weihnachten" als unter massiven Kontaktbeschränkungen.

Dem Epidemiologen Gérard Krause vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) fehlt ein Bekenntnis zum Schutz von Menschen mit höherem Risiko. Er vermisse "ein klares Statement, ein klares Bekenntnis mit klaren Maßnahmen unterfüttert, wie wir die Menschen schützen werden, von denen wir jetzt schon wissen, dass sie ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf oder einen tödlichen Verlauf haben". Dazu zählt Krause beispielsweise die Stärkung des Personals im Pflegebereich. "Man kann sich überlegen, dass das Personal ausreichend mit FFP2-Masken ausgestattet und gezielt im Umgang mit Covid-19 geschult wird." Wichtig wäre aber auch, wie Besuchsregelungen aussehen könnten, damit auch "Personen im hohen Alter trotzdem noch Besuch bekommen können".

Quelle: ntv.de