Panorama

Gestörtes Verhältnis zu Pfizer Lateinamerika hat ein Astrazeneca-Problem

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Argentinien und Mexiko wollen ganz Lateinamerika mit Astrazeneca versorgen, doch die Produktion stockt.

(Foto: REUTERS)

Südamerika leidet besonders stark unter der Corona-Pandemie. Die Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr stark eingebrochen, die Aussichten sind düster, Armut greift noch mehr um sich. Und mit den Impfkampagnen geht es in den meisten Ländern noch langsamer voran als in Deutschland.

Knapp 300.000 Corona-Tote allein in Brasilien, 200.000 in Mexiko, jeweils über 50.000 auch in Argentinien und Kolumbien. Und noch ist kein Ende in Sicht - im Gegenteil. In Lateinamerika bahnt sich die nächste Welle der Pandemie an. Auf der Südhalbkugel geht der Sommer zu Ende, das Leben wird in absehbarer Zeit wieder mehr drinnen stattfinden. Keine guten Voraussetzungen, um das Virus einzudämmen.

"Im Moment gibt es in Argentinien eine Erholungsphase des ersten Lockdowns, der einer der härtesten der Welt war", sagt Roland Peters, der in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires lebt und für ntv.de von dort als Lateinamerika-Korrespondent berichtet. "Man durfte nur zum Einkaufen auf die Straße, was dazu geführt, dass man zum Spazierengehen immer den Einkaufsbeutel in die Hosentasche gesteckt hat. Man durfte sich nur 500 Meter vom eigenen Wohnort wegbewegen. Alle nationalen Reisemöglichkeiten waren gekappt, in der Stadt war man praktisch eingesperrt", erzählt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Zuletzt seien die Infektionszahlen während des südamerikanischen Sommers aber etwas gesunken. Reisen im Inland waren in Argentinien beispielsweise erlaubt, Restaurants sind immer noch geöffnet. "Das ist alles sehr viel lockerer als noch vor ein paar Monaten. Jetzt aber geht die Angst vor der nächsten Welle und dem nächsten Lockdown um. Der Herbst hat angefangen, die Infektionszahlen gehen bereits wieder leicht nach oben", beschreibt Peters die Lage.

Pfizer hat mit harten Bandagen verhandelt

Zu allem Überfluss läuft die Impfkampagne bislang in den meisten südamerikanischen Ländern auch eher schlecht als recht, wie die Zahlen der Oxford-Universität belegen. Schon die Verhandlungen mit den Herstellern gestalteten sich schwierig, vor allem Pfizer hat mit harten Bandagen verhandelt. Das legen Recherchen, die das "Bureau of Investigative Journalism" in Zusammenarbeit mit regionalen Medien veröffentlicht hat, nahe. Pfizer hat demnach von den lateinamerikanischen Ländern weitreichende Garantien für die Lieferung von Impfstoffen gefordert. "Pfizer wollte Botschaftsgebäude, Militärbasen oder Teile der Nationalbankreserven der Länder als Sicherheiten überschrieben bekommen haben. Man hat den Ländern mutmaßlich nicht vertraut, dass sie die Impfstoffe auch bezahlen. Die Regierungen von Argentinien und Brasilien sollten sogar Schadenersatzforderungen übernehmen von Leuten, die an Nebenwirkungen des Impfstoffes leiden", berichtet Lateinamerika-Experte Peters.

Manche Länder haben sich regelrecht erpresst gefühlt. Verhandler von Regierungen sprachen von "Schikane auf höchster Ebene". Pfizer habe immer wieder Druck gemacht, noch mehr Impfstoff zu bestellen. Eine Verhandlerin aufseiten Pfizers habe zu einer Regierung sogar den Satz gesagt: "Ihr werdet Menschen töten, sie werden wegen euch sterben".

Argentinien und Brasilien haben wegen dieser Verhandlungspraktiken lieber ganz auf den Impfstoff von Biontech/Pfizer verzichtet und stattdessen anderswo bestellt, zum Beispiel in Russland. Argentinien hat am 23. Dezember als drittes Land der Welt nach Russland und Belarus den russischen Impfstoff "Sputnik V" zugelassen. Zuvor war bereits ein Transportflugzeug auf den Weg geschickt worden, um die ersten Dosen abzuholen. Das argentinische Fernsehen hatte den Start live übertragen, unterlegt mit dramatischer Musik und leidenschaftlichem Kommentar. Der TV-Kommentator sprach von der "Reise für das Leben". An Heiligabend kehrte das Flugzeug mit 300.000 Impfdosen nach Argentinien zurück, am 29. Dezember wurden schließlich die ersten Dosen verabreicht. Argentinien stieß damit die Tür auf für "Sputnik V" in Lateinamerika - weitere Länder folgten, setzen mittlerweile ebenfalls auf den russischen Impfstoff.

Ansonsten ist der Impfstoff von Astrazeneca in der Region weit verbreitet. Die Produktion für Lateinamerika haben Argentinien und Mexiko übernommen. Argentinien kümmert sich um die Herstellung, die Stiftung des schwerreichen Mexikaners Carlos Slim, die Fundacion Carlos Slim, ist für Verpackung und Verteilung zuständig. Ein durchaus kurioses Bündnis, zumal Argentinien und Mexiko tausende Kilometer trennen. Aber der Deal wirkt auf den ersten Blick verlockend: 250 Millionen Dosen Astrazeneca-Impfstoff sollen Argentinien und Mexiko für ganz Lateinamerika mit seinen knapp 650 Millionen Einwohnern produzieren.

Zu wenige Fläschchen für den Impfstoff

Doch es gibt ein Problem: Es mangelt an Gefäßen, um den Astrazeneca-Impfstoff in großen Mengen abzufüllen, berichtet Roland Peters bei "Wieder was gelernt": "Schon am 2. Februar waren zwölf Millionen Impfdosen produziert und wurden dann nach Mexiko gebracht. Inzwischen befinden sich dort mehrere Dutzend Millionen Dosen, aber es fehlen die Fläschchen." Weil der Impfstoff deshalb nicht abgefüllt und somit nicht verabreicht werden kann, komme die Impfkampagne nur langsam voran. "Die Produzenten dieser Fläschchen sitzen in den USA. Trump hatte zu Beginn der Pandemie den Verteidigungsfall ausgerufen, um den Export von elementaren medizinischem Material zu verhindern. Das ist der Flaschenhals."

Wegen der Produktionsschwierigkeiten erwarte man aktuell, dass auf dem Kontinent erst ab Ende April oder Anfang Mai flächendeckend geimpft werden kann. Bislang impfen Argentinien und fast alle anderen lateinamerikanischen Länder sehr langsam. Selbst das nicht gerade für seine Impf-Schnelligkeit bekannte Deutschland macht laut Daten der Oxford-Universität mehr Tempo.

Einzig Chile sticht heraus. Da kann kaum ein anderes Land der Welt auch nur ansatzweise mithalten. Einzig Israel, die Seychellen, die Vereinigten Arabischen Emirate und Mini-Staat Monaco haben bezogen auf 100 Einwohner noch mehr Impfdosen verabreicht als die Anden-Republik. "Die haben sich sehr früh verschiedenste Impfstoffe vertraglich zusichern lassen. Chile hat knapp 19 Millionen Einwohner, das ist also auch kein kleines Land, aber trotzdem ist es sehr effektiv abgelaufen. Das hat auch mit dem konservativen Präsidenten Sebastián Piñera zu tun. Der hatte vor der Pandemie sehr viel Ansehen verloren."

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Gut möglich, dass sich Piñera insgeheim erhofft hat, mit einer erfolgreichen Impfkampagne auch in den anderen Gesellschaftsschichten an Zuspruch zu gewinnen. Das hat nicht geklappt. Der liberal-konservative Politiker ist laut Umfragen immer noch ein sehr unbeliebter Präsident. Er wird das aber wohl auch verschmerzen können. Denn bei der Präsidentschaftswahl im November darf er gemäß Verfassung ohnehin nicht mehr antreten. Seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin wird er aber sehr wahrscheinlich ein durchimpftes Land hinterlassen.

Quelle: ntv.de

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