Panorama

Montgomery bei ntv "Politik schiebt Hausärzten das Problem zu"

213753577.jpg

Bei den jährlichen Grippeimpfungen sind die Hausärzte auch an vorderster Front dabei, argumentiert der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery bei ntv.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Impfpriorisierung für Hausärzte aufzulösen, schürt die Hoffnungen vieler Menschen auf eine baldige Impfung. Doch noch ist nicht genug Impfstoff da - Praxen müssen nun den Mangel bewältigen. Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes Montgomery findet das unschön, glaubt aber, dass die Ärzte das gut regeln werden.

In einigen Bundesländern wird heute die Impfpriorität in den Arztpraxen aufgehoben. Hat jetzt jeder einen Anspruch auf sofortige Impfung?

Ja, jeder kann dort seinen Anspruch, der ja politisch längst ausgesprochen ist, einlösen. Allerdings darf das nicht dazu führen, dass jetzt das Problem der Priorisierung der Auswahl auf die Hausärzte und in die Arztpraxen verlagert wird. Denn der Kern des Problems ist ja nach wie vor der Mangel an Impfstoff. Und ob man das jetzt besser regelt, wenn das durch die Hausärzte verteilt wird und die sich jetzt mit Impfdränglern auseinandersetzen müssen, da habe ich noch meine Bedenken. Aber in zwei, drei, vier Wochen ist uns ja ausreichend Impfstoff versprochen, und dann müsste das wirklich klappen. Dann ist es auch ein kluger Weg.

Aber ist es dann jetzt ein guter Zeitpunkt dafür?

Das ist klassische Verantwortungsverlagerung von der Politik. Sie macht sich einen schlanken Fuß und schiebt den Hausärzten das Problem zu. Aber da werden wir schon immer wieder dran erinnern. Ich glaube, dass das meine Kolleginnen und Kollegen in den Praxen dann einigermaßen gut regeln würden. Da bedarf es eines festen Praxismanagements, und das haben die.

Wenn es genug Impfstoff gibt, werden dann die Arztpraxen dem Ansturm gewachsen sein?

Ja, das glaube ich schon. Wir schaffen es ja auch jeden Herbst zwischen 15 und 20 Millionen Bürger gegen Grippe zu impfen. Anfang Juni kommen dann auch noch die Betriebsärzte dazu. Ich habe immer sehr dafür plädiert, das betriebsärztliche, arbeitsmedizinische System zu nutzen, um auch in den Betrieben die jüngeren Menschen zu erreichen. Denn die sind ja in der Regel unter 60, die dort arbeiten. Also, ich glaube, wir sind auf einem richtigen Weg. Wir müssen jetzt einfach noch ein bisschen Geduld haben. Solche Verantwortungsverschiebungen, wie wir sie zurzeit erleben, muss man zwar ertragen, aber sie sind nicht schön.

Die Frage ist auch, wie lange die Hausärzte das ertragen müssen, schließlich ist schon von Auffrischungsimpfungen die Rede. Müssen sich Arztpraxen langfristig darauf einstellen, die Corona-Impfungen on top zu leisten?

Das Corona-Virus wird uns noch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, begleiten - genau wie das Grippevirus. Und es wird große Schwankungen dabei geben - auch genau wie beim Grippevirus. Ich richte mich darauf ein, dass wir in Zukunft alle Jahre im Herbst einen Impf-Cocktail werden gespritzt bekommen müssen gegen Grippe und Corona. Vielleicht erhöht ja auch die Wahrnehmung dieser Pandemie und der Katastrophe, die da passiert ist, die Bereitschaft zum Impfen.

Wir haben immer weniger Neuinfektionen, und erste Bundesländer öffnen. Ist das ein guter Zeitpunkt dafür?

Wir sehen zurzeit nur ein bisschen den Impfeffekt, vor allem bei den über 80-jährigen, bei den ganz Alten. Aber vor allem, das muss man klar sagen, haben Lockdown und Bundesnotbremse gewirkt. Deswegen bin ich sehr dafür, jetzt auch langsam und vorsichtig wieder zu öffnen. Ich glaube, die Politik hat ein bisschen dazugelernt und macht das jetzt vorsichtiger. Hinzu kommt hoffentlich besseres Wetter. Hinzu kommt der zunehmende Impfeffekt. Ich glaube, wir können inzwischen davon ausgehen, dass wir so zur Mitte/Ende des Sommers aus dem Allergröbsten raus sind. Nur die Wachsamkeit dürfen wir nie verlieren, denn neue Virusmutationen, die nur noch wenig oder gar nicht auf den Impfstoff reagieren, können auf uns zukommen. Und dann wird es wieder brenzlig.

Wie in Großbritannien: Da sind zwei Drittel der Bevölkerung erstgeimpft und trotzdem kann sich die indische Variante ziemlich rasant ausbreiten. Steht uns das auch bevor?

Das ist ein interessantes Phänomen. Indien hat eine große Verbindung zu Großbritannien. Das heißt, die indische Variante wird vor allem von Briten indischer oder pakistanischer Abstammung dorthin gebracht. Diese Community ist zugleich relativ impfmüde. Das könnte uns auch passieren. Bisher gibt es allerdings in Deutschland nur relativ wenige nachgewiesene indische Mutationen. Aber das kann auch hier passieren. Auch hier hilft nur impfen, und wir müssen irgendwann uns auch mit denjenigen auseinandersetzen, die sich der Impfung verweigern. Wir werden irgendwann mal darüber reden müssen, wann Herdenimmunität erreicht ist. Wir werden darüber reden müssen, wie man Kinder impfen kann. Denn, richtig Ruhe vor dem Virus werden wir erst haben, wenn wir eine Durchimpfung der Bevölkerung so in der Dimension zwischen 80 und 90 Prozent haben.

Seit Monaten reden wir über den digitalen Impfpass, wir haben ihn immer noch nicht. Mittlerweile sind viele Menschen in Deutschland geimpft, und deren Impfung muss irgendwann auch mal nachgetragen werden. Wird dabei die Verantwortung wieder auf die Hausarztpraxen übertragen werden?

Ich bin noch nicht sicher, wer am Ende diesen Schwarzen Peter bekommen wird. Das weiß ich noch nicht, aber es ist mal wieder in Deutschland eine typische Debatte. In Israel gibt es seit fast einem halben Jahr einen solchen Impfpass, in anderen Ländern der Welt ist das inzwischen Routine geworden. Wir Deutschen reden ja auch gar nicht über die Sicherheit und Notwendigkeit des Impfpasses, sondern wir machen uns Gedanken, wie wir den Missbrauch verhindern. Das ist typisch deutsches Denken, nicht eine gute Sache schnell machen, sondern erst einmal 110 Sicherungen gegen Missbrauch einziehen. So wird das nichts, muss man ganz ehrlich sagen. Wir brauchen schnell einen Nachweis, sowohl für die, die geimpft sind, aber auch die, die diese Erkrankung durchgemacht haben. Und vergessen wir auch nicht die, die mit einem validen PCR-Test, in den letzten zwei Tagen, getestet worden sind. Für diese drei Personengruppen müssen wir irgendeine digitale Lösung finden, dass die sich ausweisen können, denn die dürfen wieder ins Restaurant gehen, die dürfen ins Theater gehen, die dürfen ins Kino gehen, und die können auch im Flugzeug sitzen, ohne dass man vorher einen PCR-Test machen muss. Aber hier müssten wir in Deutschland wirklich mal mehr über den vernünftigen Gebrauch, als über irgendwelche verrückten Formen des Missbrauches reden.

Mit Frank Ulrich Montgomery sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.