Panorama

Von Beinahweiß bis Dunkelgrau Sadisten leben mit vielen Schattierungen

Millionen Zuschauer wollen die Sadomaso-Romanze "Fifty Shades of Grey" sehen. Im wahren Leben läuft ihnen bei der Vorstellung, einem Sadisten zu begegnen, der kalte Schweiß herunter. Dabei sind die wenigsten Sadisten gefühlskalte Killer.

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In "Fifty Shades of Grey" agiert ein sadistischer Mann nicht immer im Einklang mit seiner Partnerin.

In Lydia Benecke fände Christian Grey mit seiner sexuellen Neigung zu Bondage, Dominanz und Sadismus eine verständnisvolle Gesprächspartnerin. Seit Jahren beschäftigt sich die Kriminalpsychologin mit verschiedenen Modellen, um die Gefährlichkeit von psychopathischen oder sexuell sadistischen Menschen besser einschätzen zu können.

Für die Psychologin Benecke ist ein Sadist zunächst einmal wertfrei ein "Mensch, der sich sexuell angeregt fühlt, wenn er anderen Schmerzen zufügt und/oder sie erniedrigt und/oder ein bisschen Angst in ihnen auslöst". Doch schon beim Versuch einer Definition kommen die Grautöne ins Spiel. Denn es gibt Menschen, die sehr dominant sind und wenig sadistisch. "Das wären also Menschen, die das erniedrigende Element in einem Rollenspiel sehr erregend finden, und die Schmerzzufügung nur sekundär als Erregungsquelle brauchen", beschreibt Benecke. "Und es gibt sehr sadistische Menschen, die schlagen ihrer Freundin auf den Po und haben sofort eine Erektion. Sie sind aber nicht besonders dominant, das Machtgefälle in dem Rollenspiel ist ihnen also nicht so wichtig." Außerdem gibt es alles dazwischen und das ist nur die Welt der einvernehmlichen Sadisten, die ihre Neigungen in der BDSM-Szene ausleben.

Wie so oft macht erst die Menge das Gift. "Der kriminelle Psychopath hat einfach mehr Eigenschaften, die in ihrer Gesamtheit die Chance deutlich erhöhen, dass er kriminelle Handlungen begehen wird", erläutert Benecke. Dazu gehört, dass sie ihre Impulse schlechter kontrollieren, kaum langfristig zielstrebig agieren können, sich leicht ablenken lassen und schnell frustriert sind. Außerdem haben sie - aufgrund belasteter Familien, denen sie stets entstammen - eine schwere Bindungsstörung. Einerseits macht ihnen zwischenmenschliche Nähe panische Angst, sie sind unfähig, normale vertrauensvolle Bindungen einzugehen.

Andererseits haben sie - oft unbewusst - wie alle Menschen ein Bedürfnis nach Nähe. Diesen Konflikt lösen vor allem psychopathische, gefährliche Sadisten dadurch, exzessive Sexualität, extreme Macht und Kontrolle an Menschen auszuleben, die sie sexuell interessant finden. Um nicht von Menschen, an denen sie sexuell interessiert sind, gekränkt, abgelehnt oder anders verletzt werden zu können, degradieren sie diese zu Objekten, an denen sie sich ausleben und die sie anschließend - emotional oder wie bei Tötungsdelikten körperlich - wegwerfen. Das alles führt dazu, dass kriminelle Psychopathen und kriminelle Sadisten es nicht schaffen, ihre Neigungen in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen zu leben.

Der Spielzeugkisten-Mörder

In ihrem gerade erschienenen Buch "Sadisten" beschreibt Benecke sowohl einvernehmliche Sadisten, wie man sie in der BDSM-Szene findet, als auch gefährliche Sadisten, die nicht selten als besonders grausame Serienmörder in die Kriminalgeschichte eingehen. So widmet sie ein ausführliche Kapitel David Parker Ray, dem Spielzeugkisten-Mörder. Ray folterte und tötete seine wahrscheinlich etwa 60 Opfer in einer selbst gebauten, 100.000 US-Dollar teuren Folterkammer. Den Raum, den er seine Spielzeugkiste nannte, hatte er schalldicht isoliert und unter anderem mit einem Gynäkologenstuhl, Peitschen, Ketten und vielen selbst entwickelten Instrumenten ausgestattet. Neuen Opfern spielte er nach deren Entführung ein Tonband vor, im dem ihnen erklärt wurde, dass sie künftig als Sexsklavin gehalten werden.

Ray ist narzisstisch und hat auch noch eine antisoziale Persönlichkeitsstörung. Die macht ihn, gepaart mit seiner sadistischen Neigung, zu einem besonders gefährlichen Psychopathen. Er begegnet seinen Opfern ohne jedes Mitgefühl, Schuldgefühle kennt er nicht. Die wirkliche Nähe in Beziehungen ersetzt er komplett durch Macht und Kontrolle. Damit bildet er einen extremen Pol der sadistischen Persönlichkeit.

Für einen einvernehmlichen Sadisten ist Ray trotzdem ein Verlierer. Denn er muss die Kontrolle über sein Gegenüber mit brutaler Gewalt erzwingen. Nichtkriminelle Sadisten mit einem stabilen positiven Selbstbild bringen ihre Sexualpartner dazu, "für sie über Grenzen zu gehen und das zu mögen". Ein wichtiger Punkt ist dabei das Mitfühlen mit dem Sexualpartner. "Wenn das Gegenüber auch nur nonverbal Nichtgefallen zu verstehen gibt, dann gefällt das BDSM-Spiel auch dem Sadisten nicht. Ohne den Rückkopplungseffekt der Lust des Partners sind sie auch nicht erregt."

Durchaus unmoralisch

Trotzdem würde Christian Grey wahrscheinlich in der BDSM-Szene auch negativ auffallen. Denn Grey ignoriert das Safeword, das normalerweise zum sofortigen Abbruch der Session führen würde und sucht sich vor allem gezielt eine unerfahrene Partnerin, die nicht masochistisch ist, um sie durch emotionale Abhängigkeit zu Erlebnissen zu drängen, die ihr nicht gefallen und unter denen sie wirklich leidet. Das würde in der BDSM-Szene kaum toleriert. Auch das Trinken von Alkohol oder der Konsum von Drogen gelten den meisten als No-go.

Bei Grey bestätigt sich, was Benecke bei ihrer bisherigen Forschung häufig festgestellt hat: "Mittelgradige Psychopathen - ob sie Sadisten sind oder nicht - können deutlich schneller als andere Menschen relativ gewissenlos ihre Mitmenschen manipulieren, um sich selber einen Nutzen zu verschaffen. Oder auch mit den Werten und Überzeugungen der anderen spielen. Solange sie jedoch nur unmoralisch handeln, aber in einem juristisch irrelevanten oder schwer beweisbaren Rahmen, kommen sie mit ihrer Masche meistens ein Leben lang durch."

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Quelle: n-tv.de

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