Panorama

Dialog statt ÜberheblichkeitWarum uns etwas mehr Streit ganz guttäte

24.10.2026, 18:39 Uhr imageVon Torsten Landsberg
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Wir sollten uns anstrengen, im Gespräch zu bleiben, in der Familie, mit Nachbarn, im Sportverein - gerade, wenn es anstrengend wird. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Es gehört zur Demokratie, abweichende Meinungen auszuhalten. Doch immer öfter endet Dissens nicht im Streit - sondern der gegenseitigen Verurteilung. Grund sei destruktive Empörung, sagt die Politologin Saba-Nur Cheema.

Immer stärker drängen die Filterblasen der sozialen Netzwerke ins Alltagsleben. Die Verrohung der Sprache und ständige Zuspitzung reduzieren das Grundmaß an respektvollen Umgangsformen. Man muss nur mal eine Sitzung des neu gewählten Landtags in Sachsen-Anhalt verfolgen. Es geht ums recht haben, da kann die abweichende Meinung des Gegenübers natürlich nur stören. Die inhaltlichen Unterschiede führen zu tiefen Gräben über das eigentliche Streitthema hinaus. Was bleibt, ist gegenseitige Abneigung.

"Uns bleibt nur der Glaube an Dialog und an das bessere Argument", sagt die Politologin Saba-Nur Cheema. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, hat sie das Buch "Die Empörungsfalle - Wie wir wieder streiten lernen" geschrieben. Wir sollten mit Menschen Kontakt halten, auch wenn sie ganz andere Ansichten vertreten. Fast jeder kenne im Bekanntenkreis oder der Familie inzwischen jemanden, der oder die AfD wähle, so Cheema: "Es ist kaum möglich, den Kontakt zu jeder dieser Personen einzustellen."

Gerade mit Blick auf die erfolgreichen Wahlergebnisse der AfD wird mancher argumentieren, genau jetzt müsse man sich empören. Bereits 2010 hatte der Buchenwald-Überlebende und frühere Diplomat Stéphane Hessel die Streitschrift "Empört Euch!" vorgelegt, die sich schnell zum Bestseller entwickelte und großen Protestbewegungen als Grundlage diente. Er kritisierte darin Sozialabbau, die gefährdete Unabhängigkeit der Medien, die verfehlte Entwicklungs- und Bildungspolitik. Und plötzlich soll Empörung schlecht sein - in Zeiten des weltweiten Rechtsrucks, von Kriegen und sozialen Härten?

Man müsse unterscheiden zwischen einer konstruktiven und einer destruktiven Empörung, sagt Cheema. Es könne notwendig sein und eine demokratische Funktion erfüllen, sich zu empören, etwa um gegen Unrecht zu mobilisieren. "Bei der viel dominanteren Form der Empörung geht es aber nicht um die Frage: 'Was passiert, was kann ich ändern?', sondern: 'Wer ist schuld und wen kann ich bestrafen?'"

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Wir würden uns gegenwärtig von einer Skandalisierung zur nächsten bewegen. "Es bleibt nur bei dieser oberflächlichen Empörung, wir kommen gar nicht zum richtigen inhaltlichen Streit." Das werde durch die Algorithmen der sozialen Netzwerke verstärkt. Kürzlich hätten sie und ihr Mann mit Schülerinnen und Schülern zum Nahostkonflikt diskutiert: "Zweimal 45 Minuten Geschichtsunterricht die Woche können gegen Fake News in 60-Sekunden-Videos auf Tiktok nichts ausrichten", sagt sie. Empörung und Ragebait seien zum Geschäftsmodell der Tech-Konzerne geworden, ein faktenbasiertes Gespräch sei kaum möglich gewesen.

Raus aus Bubbles und Komfortzonen

Dem Streit als Austragung von Argumenten will das Ehepaar Cheema/Mendel nicht aus dem Weg gehen. "Es kommt vor, dass Leute uns bei Diskussionsrunden beschimpfen und wütend sind." Sie würden daraus kein großes Thema machen, denn vielleicht gehöre das einfach dazu. "Streit ist manchmal unbequem, aber genau den brauchen wir, um aus den Safe Spaces, unseren Komfortzonen und Bubbles, rauszukommen, in denen wir es uns ein bisschen zu gemütlich gemacht haben."

Nun ist gepflegter Streit schon im privaten Umfeld schwierig ist, Unstimmigkeiten bleiben zugunsten des Haussegens häufig lieber unausgesprochen. Kein Wunder, dass es auf gesellschaftlicher Ebene nicht einfacher ist, sich auf den richtigen Umgang mit der komplexen Weltlage zu verständigen. "Beim privaten Streit kann man schneller verzeihen oder etwas zurücknehmen. Das ist natürlich im politischen Kontext, in sozialen Medien kaum mehr möglich", sagt Saba-Nur Cheema. In dieser Empörungsdemokratie werde nicht verziehen, alle Seiten reagierten zu empfindlich.

Zu dieser Überempfindlichkeit hätten auch gut gemeinte Ansätze beigetragen. Ein bewusster Umgang mit sensiblen Themen sei ein Jahrzehnt lang eine demokratische Errungenschaft gewesen. "Wir haben viel mehr über Minderheiten und Diskriminierung gesprochen, über die Perspektive von Betroffenen: Was heißt Antisemitismus? Was heißt Rassismus? Was heißt Sexismus?" Diese Errungenschaften hätten jedoch gleichzeitig dazu beigetragen, dass heute jede Irritation, jedes falsche Wort als Verletzung und jede Verletzung als Diskriminierung interpretiert werde.

"Für manche ist 'Woher kommst du?' eine rassistische Frage, weil sie natürlich eher Menschen gestellt wird, die so aussehen wie ich", sagt die Tochter pakistanischer Eltern. Man könne diese Frage völlig zurecht nervig oder blöd finden. "Aber daraus gleich Rassismus zu machen, ist ziemlich harter Tobak."

"Wir verlieren das Maß"

Um den berechtigten Rassismus-Vorwurf weiterhin ernst nehmen zu können, dürfe der Begriff nicht inflationär verwendet werden: "Jeder, der kritisch zur Migration steht, gilt gleich als Rassist. Je wässriger die Verwendung wird, je häufiger man diesen Ausdruck verwendet, desto größer ist die Gefahr, dass Menschen eines Tages sagen: 'Puh, dann bin ich halt ein Rassist.'" Damit setze man aber Menschen formal gleich mit Attentätern, die unzählige Menschen töten. "Wir verlieren absolut das Maß", sagt Saba-Nur Cheema.

Das gelte auch im Umgang mit der AfD-Wählerschaft. "Wir müssen klar benennen, dass die AfD im Kern eine völkische Partei ist und Menschen diese Ideologie in Kauf nehmen, weil sie denken, es geht ihnen vermutlich besser, wenn sie diese Partei wählen." Dafür sei jede Wählerin und jeder Wähler mitverantwortlich. In den vergangenen Jahren seien ihr und Meron Mendel auf mehreren Hundert Veranstaltungen Menschen begegnet, "die uns klargemacht haben, dass sie überlegen, die AfD zu wählen, oder es schon getan haben". Es seien dennoch gute Gespräche gewesen, in denen die Leute ihre Sorgen nachvollziehbar erläutert hätten. "Es stimmt eben nicht, dass alle AfD-Wähler ein rassistisches Weltbild haben."

Natürlich könne man es kritisieren, wenn andere einer in Teilen rechtsradikalen Partei ihre Stimme gäben. Es dürfe aber kein irreparabler Gesichtsverlust entstehen, wenn wir als Gesellschaft wieder näher zusammenrücken wollten. "Bei vielen Themen gibt es eine gewisse Form der Arroganz den Menschen gegenüber, die 'noch nicht so weit sind'", sagt Cheema. "Man merkt schon, dass viele Menschen, die gendern, sich auf der richtigen Seite und anderen moralisch überlegen fühlen. Mit dieser Haltung werde ich aber niemanden für meine Sache gewinnen."

Die plurale, liberale Gesellschaft sei in Gefahr, wenn Menschen aufgrund ihrer Meinung oder irgendeiner Identität die Gleichwertigkeit abgesprochen werde. Deshalb müssten wir uns anstrengen, im Gespräch zu bleiben, in der Familie, mit Nachbarn, im Sportverein - gerade dann, wenn es anstrengend wird.

Quelle: ntv.de

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