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Mehr Schwerkranke und Tote? Was steigende Inzidenzen jetzt bedeuten

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Trotz des Impffortschritts in den Pflegeheimen und bei den über 80-Jährigen könnten die Intensivstationen schon bald an ihre Kapazitätsgrenzen kommen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Inzidenzen wachsen rasant, schon zu Ostern könnten sie über 200 liegen. Besonders betroffen sind Jüngere, vor allem Kinder. Auch bei den über 80-Jährigen steigen die Zahlen wieder. Was bedeutet das für die kommenden Wochen, muss man wieder mit mehr Schwerkranken und Toten rechnen?

Die Zahl der registrierten Neuinfektionen steigt in Deutschland sehr schnell an. Aktuell beträgt die 7-Tage-Inzidenz rund 108 Fälle pro 100.000 Einwohner, vor einer Woche waren es noch 79 Fälle, vor 14 Tagen 65. Bereits vor zwölf Tagen warnte das RKI daher, zu Ostern könnten die bisherigen Höchststände der Vorweihnachtszeit erreicht werden. Heute ist die Entwicklung so gut wie sicher, da mit den zusätzlichen Oster-Ruhetagen auch noch die letzte einigermaßen wirksame Zusatzmaßnahme ad acta gelegt wurde. Modelle zeigen, dass alleine mit der Verlängerung des Lockdowns bis zum 18. April ein steiler Anstieg nicht abzuwenden ist und Inzidenzen über 200 sogar schon vor Ostern erreicht werden könnten.

Allgemein wird davon ausgegangen, dass das beschleunigte Infektionsgeschehen trotz einschränkender Maßnahmen vor allem auf die sich in Deutschland rasch ausbreitende Virus-Mutante B.1.1.7 zurückzuführen ist. Schon vergangene Woche lag ihr Anteil bei den positiven Corona-Tests bei 63,5 Prozent. Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, erwartet, dass die Variante bis Ostern schon für rund 90 Prozent der Infektionen verantwortlich sein wird.

Gestiegene Anzahl der Tests spielt kaum eine Rolle

Dass die Inzidenzen so stark steigen, weil mehr getestet wird, ist nicht richtig. Zwar gibt es einen gewissen Effekt durch die Schnelltests, aber laut RKI waren von Anfang Januar bis zum 14. März nur 4 Prozent der positiven PCR-Tests auf einen vorangegangenen positiven Schnelltest zurückzuführen. Kostenlose Schnelltests in Apotheken oder Testzentren werden erst seit dem 4. März angeboten, Selbsttests gibt es noch nicht lange genug, als dass sie sich bereits in der Statistik niederschlagen könnten.

Hinzu kommt, dass zwar die Gesamtzahl der durchgeführten PCR-Tests auf rund 1,2 Millionen wöchentlich leicht angewachsen ist. Aber gleichzeitig ist auch die Positivrate seit Anfang März von rund 6,5 auf knapp 8,3 Prozent gestiegen. Würde die Dunkelziffer der Infektionen kleiner, müsste sich die Rate umgekehrt entwickeln.

Steigende Zahlen vor allem bei den Jungen

Besonders die jüngeren Menschen stecken sich immer häufiger an. "Der stärkste Anstieg ist bei Kindern zwischen 0 und 14 Jahren zu beobachten, wo sich die 7-Tage-Inzidenzen in den letzten vier Wochen mehr als verdoppelt haben", schreibt das RKI im gestrigen Lagebericht. Zwar könne oft kein konkretes Infektionsumfeld ermittelt werden, aber "Covid-19-bedingte Ausbrüche betreffen momentan insbesondere private Haushalte, zunehmend auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld."

Bei den ganz kleinen Kindern unter 5 Jahren ist die 7-Tage-Inzidenz erneut um 27 auf jetzt 108 Fälle gestiegen, die Fallzahlen der Sechs- bis Zehnjährigen klettern von 94 auf 121. Die stärkste Zunahme unter allen Altersgruppen registrierte das RKI bei Kindern zwischen 11 und 14 Jahren, deren Inzidenz von 75 auf 109 gesprungen ist. Die gleich hohe Zunahme gab es bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 20 Jahren, die jetzt auf 140 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner kommen.

Mit 148 haben gegenwärtig die höchste Inzidenz die 21- 25-Jährigen, vor einer Woche waren es noch 30 Fälle weniger. Die Altersgruppen darüber bis 44 Jahre haben durchweg Werte um 140, was ebenfalls jeweils Steigerungen von rund 30 Neuinfektionen entspricht. Bei den 45- 59-Jährigen haben die Inzidenzen um 21 bis 23 Fälle zugenommen und liegen jetzt zwischen 122 und 106, der Wert der Menschen zwischen 60 und 64 Jahren klettert von 73 auf 93.

Auch Ältere stecken sich wieder häufiger an

Auffallend ist, dass die Neuinfektionen bei den Gruppen im Rentenalter wieder relativ deutlich gestiegen sind. In der vergangenen Woche hatten die 65- 69-Jährigen noch eine Inzidenz von 47, gerade mal 6 Neuinfektionen mehr als in der RKI-Statistik zuvor. Jetzt beträgt der Wert 65. Ähnlich sieht es in der Altersgruppe darüber aus, deren Inzidenz von 49 auf 64 angewachsen ist. Bei den 75- 79-Jährigen wurden zwar immer noch am wenigsten neue Ansteckungen gezählt, ihre Inzidenz ist allerdings von 37 auf 48 recht deutlich gestiegen. Vor einer Woche erhöhte sich der Wert bei ihnen nur um zwei Fälle.

Die Entwicklung bei den 65- bis 79-Jährigen könnte darauf zurückzuführen sein, dass junge Leute vermehrt das Virus innerhalb der Familie weitergeben, wie es auch Modellierer Thorsten Lehr festgestellt hat. Das macht offenbar zum Teil den positiven Effekt wett, dass diese Altersgruppen sich nicht mehr im Beruf oder auf dem Arbeitsweg infizieren.

Steigerungen bei 65- bis 79-Jährigen kritisch

Die zunehmenden Fallzahlen bei den 65- bis 79-Jährigen sind aktuell besonders kritisch. Denn einerseits sind in diesen Altersgruppen bisher sehr wenige Menschen geimpft. Andererseits haben sie immer noch ein hohes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Die Gruppe macht außerdem einen Großteil der Intensivpatienten aus. Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ist nur ein Viertel auf ihren Stationen älter als 80 Jahre.

Das Durchschnittsalter der Intensivfälle bewegt sich derzeit vermutlich zwischen 60 und 65 Jahren, genaue Zahlen gibt es noch nicht. Doch es gibt vermehrt Hinweise darauf, dass zunehmend jüngere Patienten intensiv behandelt werden müssen. "Insbesondere der Anteil der Patienten in der Altersgruppe von 50 bis 64 Jahre nimmt zu, während der Anteil der über 65-Jährigen sinkt", sagte ein Sprecher des Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin der "Neuen Züricher Zeitung". Eine Umfrage des MDR in Thüringen ergab kürzlich, dass die Intensivpatienten jetzt teilweise 20 Jahre jünger sind als in der ersten Welle.

Menschen unter 80 Jahre sterben zwar deutlich seltener an Covid-19 - laut RKI waren rund 52.000 der bisher fast 75.000 Corona-Opfer in Deutschland älter. Aber immerhin waren knapp 20.300 Covid-19-Tote 60 bis 79 Jahre alt. Aus allen anderen Altersgruppen stammen kaum 2500 Opfer.

Jüngeren drohen Krankenhaus und Langzeitfolgen

Unter 60 Jahre alt zu sein, bedeutet aber nicht, dass man die Sache locker betrachten kann. Denn bei Covid-19 gibt es nicht nur tot oder gesund. Den RKI-Zahlen nach ist fast ein Viertel der Covid-19-Patienten im Krankenhaus zwischen 35 und 59 Jahre alt.

Dazu kommt, dass vor allem jüngere Patienten auch nach einem leichten Krankheitsverlauf unter Langzeitfolgen leiden, dem sogenannten Long-Covid. Die Studienlage ist hier noch unklar, dem Wissenschaftsmagazin "Quarks" zufolge gehen Experten davon aus, dass 10 bis 20 Prozent der Infizierten betroffen sind - auch Kinder.

Knappe Intensiv-Kapazitäten

Das alles bedeutet, dass die aktuell rasant steigenden Neuinfektionen schon sehr bald die Krankenhäuser an ihre Grenzen bringen könnten. Seit dem 10. März ist die Belegung der Intensivstationen durch Covid-19-Patienten von 2736 auf jetzt 3209 bereits wieder deutlich angestiegen.

Intensivmediziner Christian Karagiannidis, der das DIVI-Intensivregister leitet, weist darauf hin, dass auch rund 2800 Covid-19-Intensivpatienten sehr viel sind. Dabei handele es sich immer noch um einen historischen Höchststand, vergleichbar mit der Grippewelle 2018. Die Anzahl der freien Intensivbetten habe sich seit Anfang Januar auch fast nicht verändert.

"Das liegt einfach daran, dass der Druck auf die Intensivbetten enorm hoch ist", sagt Karagiannidis. "Sobald ein Bett frei wird, wird es wieder verwendet, beispielsweise für einen postoperativen Patienten, weil wir auch ein paar Operationen aufgeschoben haben."

Auch die Zahl der Toten wird steigen

Die Totenzahlen werden voraussichtlich ebenfalls wieder signifikant nach oben gehen. Zwar ist der 7-Tage-Schnitt seit Mitte Januar bis jetzt rasch von rund 890 Opfern auf 181 am 19. März gesunken. Seitdem steigt der Wert aber wieder und beträgt aktuell 190. Der Rückgang ist klar auf den Lockdown, aber sicher auch auf die fortschreitenden Impfungen zurückzuführen. Allerdings sind zwar die Pflegeheime weitgehend durchgeimpft, aber noch lange nicht alle über 80-Jährigen.

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Den offiziellen Zahlen nach haben von rund 5,7 Millionen Menschen in dieser Altersgruppe rund 3,6 Millionen bisher die erste Dosis erhalten und lediglich 1,8 Millionen schon die zweite. Das sieht man auch an den Inzidenzen. Nachdem sie eine Zeitlang zurückgegangen sind, legen sie wieder zu. Bei den 80- 84-Jährigen von 50 auf 54, bei den 85- 89-Jährigen von 60 auf 70 und bei den über 90-Jährigen von 75 auf 78.

Nichtsdestotrotz würden die Todeszahlen aufgrund der Impfungen wohl weiter sinken oder sich zumindest auf einem niedrigen Niveau bewegen, wenn die Zahlen der Neuinfektionen nicht weiter wachsen würden. So aber ist das Virus schneller als der Impffortschritt. Das Risiko der 60- bis 79-Jährigen, an Covid-19 zu sterben ist zwar deutlich geringer als das der über 80-Jährigen. Bei einer entsprechend hohen Zahl von Infektionen kann es unter ihnen aber trotzdem sehr viele Opfer geben.

Quelle: ntv.de

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