Panorama
Die französische Käsevielfalt ist enorm. "Wikicheese" soll Abhilfe schaffen.
Die französische Käsevielfalt ist enorm. "Wikicheese" soll Abhilfe schaffen.(Foto: imago/Levine-Roberts)
Donnerstag, 09. April 2015

Frankreich katalogisiert Vielfalt: "WikiCheese" erklärt die Welt des Käses

Camembert, Gruyère und Roquefort sind den meisten Einkäufern schon einmal an der Käsetheke begegnet. Doch was ist ein Couronne Lochoise? Ein neuer Ableger der digitalen Enzyklopädie Wikipedia soll Aufklärung bringen.

Dolores lugt hinter dem Kamerastativ hervor und schmunzelt: "Präsident Charles de Gaulle hat damals schon gesagt: Wie soll man nur ein Land mit fast 300 Käsesorten regieren?" Tatsächlich gibt es in Frankreich allein 1990 Rohmilch-Käsesorten, wie das Fachmagazin "Profession fromager" ausgerechnet hat. In dieses Käse-Chaos will nun das Internet-Nachschlagewerk Wikipedia mehr Ordnung bringen. Mit akkuraten Fotos werden herkunftsgeschützte Sorten wie der Morbier aus Kuhmilch oder der Schafskäse Ossau-iraty katalogisiert - und nach dem Foto-Shooting natürlich gleich verköstigt.

Die Idee zu der Aktion "WikiCheese" hatte Pierre-Yves Beaudouin vom französischen Ableger der Wikimedia-Stiftung, die hinter Wikipedia steht. Der 35-Jährige startete im vergangenen Herbst eine Spendensammel-Aktion im Internet und begründete dies so: "Wenn Sie Wikipedia aufrufen, werden Sie feststellen, dass die Artikel über Käse wenig oder gar nicht illustriert sind. Aber können Sie alle Sorten bei ihrem Käseladen erkennen? Wie sieht ein schwarzer Brie aus? Eine Couronne Lochoise? Der Échourgnac?" Mit dem Geld sollten verschiedene Käse, ein Kamera-Objektiv und Nachschlagewerke gekauft werden, um dem Käse-Unwissen abzuhelfen, versprach er.

Spenden überschlagen sich

Die Bilder der Unterstützer sind wenig professionell, zeigen jedoch den Käse mit all seinen Charakterzügen.
Die Bilder der Unterstützer sind wenig professionell, zeigen jedoch den Käse mit all seinen Charakterzügen.(Foto: wikicheese/Asnow89)

Beaudouin traf damit offenbar den Nerv vieler Franzosen. Binnen weniger Wochen war das Soll übererfüllt: 5000 Euro sollten zusammenkommen, 7345 Euro waren es am Ende, dann wurde die Spendenaktion abgebrochen. Die 114 Spender, darunter die Medizinerin Dolores Munzadi Gil, werden nun nach und nach zu den einmal monatlich bei Wikimedia Frankreich im Zentrum von Paris stattfindenden Foto-Sessions eingeladen; zusammen mit ehrenamtlichen Wikimedia-Helfern, die - eifrig über Käse-Fachbücher gebeugt - an den Texten zu den Käsesorten feilen.

Bevor es aber losgehen kann mit dem Fotografieren in dem eigens aufgebauten Mini-Studio, in das die Käsesorten vorsichtig auf Schieferplatten gelegt werden, muss Beaudouin die Spezialitäten erst einmal besorgen: "WikiCheese will bis zu 300 Käsesorten fotografieren", erzählt er. "Zuerst kommen die AOC und AOP-Käse dran" - also die Sorten, deren Herkunftsbezeichnung kontrolliert oder geschützt ist. In einem kleinen Käse-Fachladen in der Rue Cadet in Paris, in dem beige, orange, rote, weiße und graue Käsesorten in einer Glas-Vitrine wie Preziosen ausgestellt sind, kauft er zehn Käsesorten ein - 3,25 Kilo Käse für 67,40 Euro.

Käse in Kaffee getunkt

In den Räumen von Wikimedia werden dann neben einem Morbier und einem Ossau-iraty unter anderen ein Reblochon, aber auch ein Emmentaler aus Savoyen sorgfältig abfotografiert. Ein Ziegenkäse, der Sainte-Maure de Touraine, war genauso wie der Reblochon schon einmal beim Foto-Shooting. Doch Wikipedia-Nutzer und Experten hatten sich über das Ergebnis beschwert: "Beim Sainte-Maure de Touraine fehlte der charakteristische Strohhalm in der Mitte", berichtet Beaudouin. Also musste der Käse noch einmal gekauft und abgelichtet werden.

Die Fotos von WikiCheese, die frei zugänglich für jedermann im Internet sind und weiterverbreitet werden können, riefen allerdings bei professionellen Gastronomie-Fotografen auch Unmut hervor. Beaudouin hält Sorgen der Zunft, dass ihnen eine Konkurrenz erwachsen könnte, für unbegründet: "Wir machen eher chirurgische Fotos", sagt er. Das Ganze sei "enzyklopädisch" ausgerichtet - also nicht von gastronomischen Finessen begleitet.

Es werden noch Monate ins Land gehen, bis WikiCheese jene bis zu 300 Käsesorten, die schon dem französischen Staatschef Charles de Gaulle Kopfzerbrechen bereiteten, katalogisiert und samt Foto ins Internet gestellt hat. Manche dieser Köstlichkeiten sind selbst in Paris nur schwer aufzutreiben. "Einige Käsesorten sind Experten zufolge sogar vom Aussterben bedroht", erzählt Beaudouin. "Der schwarze Brie aus Meaux zum Beispiel." Und sein Kollege Cyrille Bertin fügt lächelnd hinzu: "Dieser Käse ist mythisch - den isst man in Kaffee getunkt."

Quelle: n-tv.de