Panorama

Das zweite Jahr der Pandemie Wissen Sie noch, als es um die Inzidenz 35 ging?

233726255.jpg

Am 1. März 2021 durften die Friseure in Deutschland nach wochenlangem Lockdown wieder öffnen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vor genau zwei Jahren rief ntv.de den Corona-Ticker ins Leben. Zum Jahrestag 2021 hatten wir die Hoffnung, dass wir nicht noch ein weiteres Jahr so intensiv berichten müssen. Das ist leider nicht eingetreten. Anlass zur Hoffnung gibt es heute trotzdem.

Wissen Sie noch, wie das war mit den nächtlichen Ausgangssperren, der verbaselten Oster-Ruhe und den zu wenig bestellten Impfdosen? Bei der Schnelllebigkeit der Nachrichtenwelt und insbesondere der vergangenen Corona-Monate wagen wir einen Blick zurück: Auf auf den Übergang vom Frühjahr 2021, als wir auf ntv.de das erste Jahr Berichterstattung im Corona-Ticker würdigten, bis jetzt zum zweiten Jahrestag.

Am 26. Februar 2020, als der Corona-Ticker ins Leben gerufen wurde, gab die Weltgesundheitsorganisation bekannt, dass erstmals mehr Ansteckungsfälle mit dem "neuartigen" Coronavirus außerhalb Chinas festgestellt wurden als in China selbst. Und ein Jahr später?

  • Trat der nordrhein-westfälische FDP-Landtagsabgeordnete Ralph Bombis von seinen Parteiämtern zurück, weil bekannt geworden war, dass er und seine Frau bereits geimpft waren, sich also in den Augen der Öffentlichkeit vorgedrängelt hatten.
  • War der bayerische Landkreis Wunsiedel mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 295,9 der Superhotspot in Deutschland.
  • Meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 9997 neue Ansteckungen.

Doch das war nur der aus heutiger Sicht skurril anmutende Anfang eines ereignisreichen Pandemie-Jahres.

Die Impfkampagne

Anfang 2021 verkündete das RKI, dass 160.000 Menschen eine erste Impfung gegen Covid-19 erhalten haben. Damals galt noch eine strenge Priorisierung, vor allem hochbetagte Pflegeheim-Bewohnerinnen und Bewohner sowie medizinisches Personal wurden vorrangig immunisiert. Neidvoll blickten die Verantwortlichen zu dieser Zeit nach Israel: Dem Land war es im Rekordtempo gelungen, mehr als eine Million Menschen zu impfen - in weniger als zwei Wochen.

Dass es eine recht große Impfskepsis in der deutschen Bevölkerung gibt, ahnte damals wohl noch niemand. Die Mehrheit der Menschen wollte sich impfen lassen und war zunächst in Sorge, rechtzeitig einen Termin für sich oder besonders vulnerable Familienmitglieder zu bekommen. Dass eine hartnäckige Minderheit, die sich trotz öffentlicher Aufklärungsarbeit und breitem Impfangebot nicht impfen lassen will, Probleme bereitet, mündete schließlich in einer hitzig geführten Debatte über einrichtungsbezogene und allgemeine Impfpflichten. Sie hält bis heute an.

Am 22. Juni hatten nach einer ntv.de-Auswertung der RKI-Zahlen mehr als 50 Prozent aller Menschen in Deutschland die erste Impfdosis erhalten. Am 26. Juli verfügte mehr als jeder Zweite über den vollen Impfschutz. Mit dem generellen Wegfall der Priorisierung konnten sich ab dem 7. Juni alle Bürgerinnen und Bürger ab zwölf Jahren impfen lassen. Aktuell gelten drei Viertel der Bevölkerung als grundimmunisiert. Knapp 57 Prozent haben sogar eine dritte Impfung, den Booster, erhalten.

Seit März 2021 sind vier Vakzine in Deutschland zugelassen und werden - zum Teil noch heute - eingesetzt: Die Produkte von Biontech, Moderna, Johnson & Johnson sowie Astrazeneca. Ab der kommenden Woche soll auch der Tot-Impfstoff des US-Herstellers Novavax in der Bundesrepublik eingesetzt werden. Zwischenzeitlich bestimmten seltene, aber mitunter schwere Nebenwirkungen beim Vakzin von Astrazeneca (Sinusvenenthrombosen) und auch bei den mRNA-Impfstoffen von Moderna und Biontech (Herzmuskelentzündung) die Schlagzeilen.

Die Maßnahmen

Es gab Zeiten, da wurde auf den Bund-Länder-Gipfeln kontrovers über das weitere Vorgehen diskutiert. Am 10. Februar 2021 traf die Runde den Beschluss, die bis dato geltenden, strengen Maßnahmen vorerst bis zum 7. März aufrecht zu erhalten. Doch immerhin konnten diejenigen, die seit Mitte Dezember 2020 ohne richtigen Haarschnitt ihr Dasein fristeten auf einen baldigen Termin hoffen. Bereits Anfang März durften die Friseure unter strengen Hygieneauflagen wieder öffnen. Und vonseiten der Bundesländer wurde gedrängt, die Schulen und Kitas möglichst noch im Februar zu öffnen, was am 22. der Fall war.

In dem Beschluss stand zudem: Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen bis Anfang März stabil unter 35 gesunken sein, sollen die Beschränkungen von den Ländern danach schrittweise gelockert werden. Dann sollten der Einzelhandel, Museen und Galerien sowie Betriebe mit körpernahen Dienstleistungen unter konkreten Auflagen wieder aufmachen können. Zu dieser Zeit lag die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen bundesweit bei 68.

Doch dann kam B.1.1.7 - dazu später mehr - und machte den Plänen der Regierung einen Strich durch die Rechnung. Die dritte Pandemiewelle begann und der Inzidenzwert von unter 35 sollte erst im Frühsommer erreicht werden, als sich die Infektionslage saisonal bedingt wieder deutlich entspannte. Am 21. April beschloss der Bundestag eine Bundes-Notbremse. Mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes wurden Ausgangsbeschränkungen ab 22 Uhr und weitere Schritte zur Vermeidung von Kontakten ins Auge gefasst. Schülerinnen und Schüler sollten sich fortan an dem willkürlich festgelegten Inzidenzwert 165 orientieren. Wurde dieser überschritten, fand kein Präsenzunterricht mehr statt.

Doch die Beschäftigung mit konkreten Maßnahmen und Strategien für einen erwarteten Anstieg der Fallzahlen im Herbst und Winter trat nach und nach in den Schatten des Bundestagswahlkampfs. Den Regierungsparteien sowie den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sollte es nicht gelingen, angedachte Schritte, wie die Einführung der Hospitalisierungsinzidenz, frühzeitig auszuarbeiten und schlüssig der Öffentlichkeit zu erklären.

Am 7. September traten dann ganz offiziell die Infektionszahlen in den Hintergrund. Sie wurden von der Zahl der Krankenhausaufnahmen als entscheidenden Gradmesser der Pandemie abgelöst. Was als eigentlich gute Idee gedacht war - schließlich ging und geht es ja darum, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern -, stellte sich als schwer zu erklären und vor allem wenig aussagekräftig heraus.

Nach der Bundestagswahl wurde am 24. November das neue Infektionsschutzgesetz verabschiedet. Dieses sieht zur Bekämpfung der Pandemie unter anderem 3G am Arbeitsplatz, in Bussen und Zügen vor - Zutritt haben also nur noch Geimpfte, Genesene oder Getestete. Die "epidemische Lage von nationaler Tragweite" gilt nicht mehr. Seitdem müssen sich die Bürgerinnen und Bürger vor allem Kombinationen wie 3G, 2G, 2G plus usw. merken.

Die Mutanten

Sars-CoV-2, wie wir es im Jahr 2020 kennen gelernt haben, zeigte sich 2021 in neuem Gewand. Immer neue Varianten des Erregers entstanden. Zunächst trugen sie die Namen ihrer Entdeckungsorte und diffuse Abkürzungen. Schließlich bekamen sie von der WHO einen diskriminierungsfreien Buchstaben aus dem griechischen Alphabet verpasst: Die Variante B.1.1.7, die zunächst mit Großbritannien in geografischen Zusammenhang gebracht und dann Alpha getauft wurde, breitete sich im Frühjahr 2021 rasend schnell in Europa aus. Dann kam Delta alias B.1.617.2. Die Mutante herrschte ab Juli in Deutschland vor und verursachte die vierte Infektionswelle, die vor allem Kliniken und medizinisches Personal vor enorme Herausforderungen stellte.

Im November erreichten dann beunruhigende Nachrichten aus Südafrika Europa. Eine neue Variante wurde entdeckt - mit sehr viel mehr Mutationen als ihre bekannten und als besorgniserregend eingestuften Vorgänger. Schnell wurde klar: B.1.1.529 ist wesentlich ansteckender als Delta. Doch in die Meldungen über explodierende Fallzahlen im Süden Afrikas mischten sich bald hoffnungsvollere Stimmen: Könnte es sein, dass Omikron für weniger schwere Covid-19-Verläufe sorgt?

Bis zum 21. November lag der Anteil von Delta in Deutschland bei 100 Prozent. Dann trat Omikron seinen Siegeszug an. In der ersten Januarwoche 2022 betrug der Anteil der Variante nach Angaben des RKI 67 Prozent. In der dritten Kalenderwoche 90 Prozent.

Die Kennzahlen

Im zweiten Pandemiejahr schwächte sich sukzessive die Dynamik bei den Todesfallzahlen ab - etwa dank der Impfungen und besseren medizinischen Behandlung von Patientinnen und Patienten. Im Januar 2021 starben im Sieben-Tage-Schnitt rund 880 Menschen täglich im Zusammenhang mit Covid-19. Ein Jahr später waren es rund 200 - und dass, obwohl es wesentlich mehr Infektionen gab. Nichtsdestotrotz sind inzwischen mehr als 122.000 Menschen seit Ausbruch der Pandemie durch das Virus ums Leben gekommen.

Täglich gemeldete Fallzahlen im sechsstelligen Bereich sind in der aktuell fünften Welle keine Seltenheit mehr. Die Dunkelziffer ist angesichts begrenzter Laborkapazitäten und eingeschränkter Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsbehörden hoch. Eine nicht zu beziffernde Zahl von Betroffenen erhält nach einem positiven Schnelltest keinen PCR-Test mehr. Doch nur Letztere werden in der RKI-Statistik berücksichtigt. Die Positivenrate bei den in Laboren durchgeführten PCR-Tests beträgt mitunter deutlich über 40 Prozent. Es gab Zeiten, da lag die Quote in Deutschland bei unter einem Prozent.

Inzwischen sind mehr als 14 Millionen Ansteckungen in der Bundesrepublik nachgewiesen. Vor einem Jahr, am 26. Februar 2021, lagen 252 der 411 vom RKI ausgewiesenen Regionen (Landkreise, kreisfreie Städte und Berliner Bezirke) mit ihrer Sieben-Tage-Inzidenz zwischen 50 und 100. Am 12. Februar 2022 wiesen 350 Regionen ein Fallaufkommen von über 1000 auf. 54 lagen über 2000. Eine über 3000.

Das Fazit

Vor genau einem Jahr hieß es auf ntv.de zur Würdigung des einjährigen Jubiläums des Corona-Tickers: "Ein Jahrestag genügt. Lassen Sie uns hoffen, dass wir um diese Zeit im Jahr 2022 etwas anderes zu würdigen haben. Und dass Statistiken, so wichtig sie gerade auch sein mögen, nicht länger unseren Alltag bestimmen." Auch wenn das nicht ganz eingetreten ist, lässt sich inzwischen tatsächlich feststellen: Statistiken bestimmen nur noch bedingt unser Leben.

Die schwindelerregenden Fallzahlen, die Omikron mit sich brachte, sorgen nicht nur dafür, dass die Pandemie noch abstrakter wird als ohnehin schon, sondern dass Inzidenzwerte jenseits der 35, 50, 165, 1000 irgendwie ihren Schrecken verloren haben. Das liegt natürlich auch daran, dass das Virus insgesamt etwas an Schrecken verloren hat. Der immunisierte Großteil der Bevölkerung hat zumeist keinen schweren Krankheitsverlauf mehr zu befürchten. Die vielen Mutationen machen das Virus leichter übertragbar, aber glücklicherweise aktuell nicht tödlicher.

12 Monate, 24 Stunden an 7 Tagen die Woche: All das, was in diesem Zeitraum passiert, aufzuschreiben, würde den Rahmen sprengen. All die individuellen Geschichten und Schicksale, die wirtschaftlichen Implikationen, die wissenschaftlichen Errungenschaften und medizinischen Durchbrüche seien an dieser Stelle nur angedeutet. Was also bleibt vom zweiten Corona-Jahr? Inzwischen dürfte so ziemlich jeder und jede in Deutschland schon einmal selbst in Kontakt mit dem Virus gekommen sein - sei es durch eine eigene Infektion oder einen Fall im persönlichen Umfeld. Wir leben längst mit Corona. Die Frage ist nur, wie.

Quelle: ntv.de, Mitarbeit: Christoph Wolf

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen