Politik

Quantität statt Qualität 875.000 Terrorverdächtige auf US-Liste

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Die mutmaßlichen Attentäter am 15. April am Rande des Marathons in Boston. Drei Menschen starben, als die selbst gebauten Bomben explodierten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hunderttausende Verdächtige stehen auf einer US-Liste mit potenziellen Terroristen. Die Zahl der Namen in dieser Datenbank ist in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Jedoch hat die Liste im Fall der mutmaßlichen Bomber von Boston offenbar nicht geholfen.

Die Zahl der Namen von Terrorverdächtigen in einer streng geheimen US-Datenbank ist in nur fünf Jahren von 540.000 auf 875.000 angestiegen. Das meldet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Beamten, der "mit der Angelegenheit vertraut" ist.

Die Datenbank TIDE - die Abkürzung steht für Terrorist Identities Datamart Environment - wird von den US-Geheimdiensten als Sammelstelle genutzt. Auch der Name des älteren der beiden mutmaßlichen Boston-Attentäter, Tamerlan Zarnajew, befand sich auf der Liste. Tamerlan Zarnajew wurde bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet, sein Bruder Dschochar Zarnajew wurde Stunden später schwer verletzt festgenommen.

Der drastische Anstieg der Zahl der Terrorverdächtigen liege teilweise daran, dass die Sicherheitsbehörden das System nach dem gescheiterten Anschlag des nigerianischen Terroristen Omar Farouk Abdulmutallab verstärkt benutzten, so Reuters weiter. Der "Unterhosenbomber" Abdulmutallab hatte am Ersten Weihnachtstag 2009 versucht, einen Airbus auf dem Weg von Amsterdam nach Detroit zu sprengen. Auch Abdulmutallab stand auf der Liste, wie Ermittler später bei Anhörungen im US-Kongress einräumen mussten.

"Es kann nicht nur um die Menge gehen"

TIDE wird von der Nationalen Antiterror-Zentrale der USA geführt, einer 2003 gegründeten Behörde, die nachrichtendienstliche Informationen sammelt und analysiert. Die Datenbank ist keine Liste von Personen, die beobachtet werden, sondern versammelt lediglich die Namen von Terrorverdächtigen aus aller Welt. Auf der Basis dieser Liste werden andere Listen erstellt, etwa die No-Fly-List von Personen, die per Flugzeug nicht in die USA ein- oder ausreisen dürfen.

Reuters schreibt, der Beamte habe gesagt, das starke Anwachsen der Liste bedeute nicht, dass die Datenbank nicht mehr zu  handhaben sei. Eine Expertin für Antiterror-Politik von der New Yorker Fordham University, Karen Greenberg, widersprach dem jedoch: "Was man braucht, ist eine erhöhte Fokussierung, nicht weniger Fokussierung. Es kann nicht nur um die Menge gehen. Es muss um Genauigkeit gehen."

Tamerlan Zarnajew wurde Reuters zufolge im Herbst 2011 von der CIA auf die Liste gesetzt, nachdem der Auslandsnachrichtendienst eine Bitte von russischen Behörden erhalten hatte, ihn auf mögliche islamistische Aktivitäten zu überprüfen. Die CIA fügte auch den Name der Mutter der Brüder, Zubeidat Zarnajew, in die Datenbank ein. Dennoch konnte Zarnajew im Januar 2012 nach Dagestan und Tschetschenien reisen, ohne dass das System Alarm schlug.

Quelle: ntv.de, hvo