Politik

Länder holen Urlauber zurück Ägypten versinkt im Chaos

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Soldaten haben in Kairo mutmaßliche Diebe und Plünderer festgenommen und gefesselt.

(Foto: dpa)

Im Gefolge der Proteste gegen die Regierung von Präsident Mubarak treiben nun Räuber und Plünderer ihr Unwesen. Bisher sterben 150 Menschen bei den Unruhen. Erneut versammeln sich tausende Menschen im Zentrum Kairos. Friedensnobelpreisträger el Baradei schließt sich trotz seines Hausarrests den Demonstranten an. Mehrere Länder treffen Vorbereitungen, ihre Staatsbürger auszufliegen.

Angesichts der Unruhen in Ägypten haben mehrere Länder am Sonntag Vorbereitungen getroffen, ihre Staatsbürger auszufliegen. Das Auswärtige Amt in Berlin bat die deutschen Fluggesellschaften, zu prüfen, ob zusätzliche Linienflüge aus der Hauptstadt Kairo bereitgestellt werden können. Auch die USA, die Türkei sowie verschiedene europäische Länder aktualisierten ihre Reisewarnungen und schickten zum Teil zusätzliche Flugzeuge zur Ausreise.

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Jeder soll sich selbst fragen, ob Reisen nach Ägypten derzeit nötig sind.

(Foto: dpa)

Deutschland empfahl Reisenden, sorgfältig abzuwägen, ob Reisen in das Land einschließlich der Urlaubsgebiete derzeit überhaupt angetreten werden sollten. Von Reisen nach Kairo und ins Landesinnere wurde nach wie vor abgeraten. Reisenden wird dringend empfohlen, sich von großen Menschenansammlungen und Demonstrationen fernhalten.

Angesichts der gewaltsamen Unruhen bereiten Deutschland, die USA und weitere Länder zusätzliche Ausreisemöglichkeiten vor. Die US-Regierung erklärte, das Außenministerium plane Evakuierungsflüge für US-Bürger, die das Land freiwillig verlassen wollten. Die Flüge zu sicheren Zielen in Europa sollten am Montag beginnen. Die Türkei und Indien sandten bereits Flugzeuge nach Ägypten, um eigene Staatbürger außer Landes zu bringen.

Die Lufthansa organisiert nach eigenen Angaben in Absprache mit dem Auswärtigen Amt einen Zusatzflug von Kairo nach Frankfurt, um Ausreisewilligen die Möglichkeit zur Rückkehr nach Deutschland zu geben. Die Maschine solle gleichzeitig mit dem planmäßigen Flug am Montagmorgen in Frankfurt starten und am Nachmittag aus Kairo zurückkehren, sagte ein Lufthansa-Sprecher.

Soldaten beziehen Stellung in Scharm el Scheich

In Teile der Touristenhochburg Scharm el Scheich am Roten Meer ist Militär eingerückt. Scharm el Scheich ist auch bei vielen deutschen Urlaubern beliebt. Die Lage dort blieb am Wochenende weiter ruhig.

Auch in Al-Arisch im Norden der Sinai-Halbinsel hätten Soldaten Stellung bezogen, berichteten Augenzeugen und Sicherheitskreise auf dem Sinai. Bis auf Weiteres schloss Ägypten die Grenze zum Gazastreifen.

Oberschicht verlässt das Land

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Höchststrafe: Ein Fußtritt für Mubarak.

(Foto: AP)

Derweil fliehen immer mehr Bürger der ägyptischen Oberschicht aus dem Land. Am Sonntag seien bis zum Beginn der Ausgangssperre erneut 45 Privatflugzeuge vom Flughafen Kairo gestartet, mit denen Unternehmer, Diplomaten und Künstler sowie ihre Familien ausflogen, verlautete aus der Flughafenverwaltung. Am Vortag waren 19 private Flüge gestartet. In einem Sonderterminal für nichtkommerzielle Flüge warteten weitere Gäste. In dem Terminal werden Passagiere abgefertigt, die mit Privatflugzeugen oder kleinen, privat gemieteten Chartermaschine starten.

El Baradei wieder bei den Demonstranten

Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei schloss sich als Hoffnungsträger der Opposition den Demonstrationen gegen das Regime von Präsident Husni Mubarak an. El Baradei hatte auf dem zentralen Tahrir-Platz das Gespräch mit Demonstranten gesucht, ohne selbst zur Menge sprechen zu können. Mit seinem Erscheinen ignorierte el Baradei den von den Behörden in der Vorwoche verhängten Hausarrest. Er bezeichnet die Proteste gegen Mubarak als "historische Tage". "Was wir angefangen haben, lässt sich nicht zurückdrehen" zitierten ihn arabische Medien. "Wir beginnen in Ägypten eine neue Ära." Nur wenige umstehende Demonstranten konnten ihn hören.

Unter Tausenden Demonstranten auf dem Platz waren Mitglieder der Muslimbruderschaft, der linken Tagammu-Partei, der liberalen al-Ghad-Partei sowie mehrerer anderer kleiner Parteien. Auch Mitglieder der Kifaja-Bewegung ("Genug") demonstrierten. Die Mitglieder dieser außerparlamentarischen Oppositionsbewegung waren die ersten, die schon vor Jahren offen gegen Mubarak protestiert und seinen Rücktritt gefordert hatten.

El Baradei hatte kurz zuvor - wie auch die ägyptischen Muslimbrüder - die sofortige Bildung einer Regierung der nationalen Einheit gefordert. "Ägypten steht in Flammen. Das Land fällt auseinander. Überall wird geplündert", sagte er in einem CNN-Interview. Die Armee sei nicht in der Lage, alles unter Kontrolle zu bringen.

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Mubarak will offenbar noch lange nicht von der Macht lassen.

(Foto: REUTERS)

Mubarak selbst sucht unterdessen den Schulterschluss mit dem Militär. Das staatliche Fernsehen zeigte den 82-Jährigen bei einer Beratung mit führenden Militärs, denen eine Schlüsselrolle bei der weiteren Entwicklung in Ägypten zukommt. Das Land wird seit Tagen von Protesten gegen Mubarak erschüttert.

Bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften kamen bislang mehr als 150 Menschen ums Leben. Die Regierung schaltete den arabischen Fernsehsender Al-Dschasira ab, der stundenlang live von den Unruhen berichtete hatte.

Mubarak zeigt sich mit neuer Führungsriege

Mubarak empfing den erst am Vortag zum Vize-Präsidenten bestimmten Omar Suleiman, Verteidigungsminister Mohamed Hussein Tantaui und die Spitze der Armee. Um an der Macht zu bleiben, ist Mubarak auf ihre Unterstützung angewiesen. Aber auch für einen geordneten Machtwechsel ist sie von entscheidender Bedeutung. Die Streitkräfte genießen in der Bevölkerung hohes Ansehen.

Soldaten bewachten erneut Banken, Regierungsgebäude und Geschäfte, nachdem sich in der Nacht zum Sonntag noch spontan gebildete Bürgerwehren Auseinandersetzungen mit Plünderern geliefert hatten. Auch strategisch wichtige Punkte in den Großstädten werden inzwischen von Soldaten gesichert, die Polizei hat die Kontrolle über die Straßen verloren. Über das Zentrum Kairos donnerten mindestens zwei Kampfflugzeuge und Armee-Hubschrauber hinweg. Am Nachmittag marschierten weitere Soldaten in der Millionen-Metropole auf, um eine nächtliche Ausgangssperre durchzusetzen.

"Mubarak, Mubarak, dein Flugzeug wartet"

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Die Stimmung in Kairo ist extrem aufgeheizt.

(Foto: dpa)

Trotz der massiven Militär-Präsenz versammelten sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo erneut tausende Menschen. Einige von ihnen riefen: "Husni Mubarak, Omar Suleiman, ihr seid beide Agenten der Amerikaner!" Der Präsident holte sich am Samstag mit Suleiman erstmals in seiner 30-jährigen Amtszeit einen Vize an die Seite - offenbar mit dem Ziel, die aufgebrachten Massen zu beruhigen. Doch dieser Versuch schlug fehl: Die Menschen auf dem Tahrir-Platz wollen Mubaraks Führungsstruktur nicht durch eine Militär-Riege mit seinem Kronprinzen in der Hauptrolle ersetzt sehen. "Mubarak, Mubarak, dein Flugzeug wartet", skandierten sie und forderten den Austausch der alten Garde.

Ärzte schützen Krankenhäuser

Wie Klinikärzte mitteilten, wurden auch Krankenhäuser angegriffen. Eine Kinderkrebsklinik sei überfallen und von Plünderern ausgeraubt worden. In einem Krankenhaus im Kairoer Bezirk Abbasija hätten Ärzte Molotowcocktails hergestellt, um das Hospital verteidigen zu können. Das ägyptische Staatsfernsehen zeigte erstmals Bilder von Dutzenden von Männern, bei denen es sich um festgenommene Plünderer handeln soll. Diese sollen vor Militärgerichte gestellt werden.

Plünderer zerstören Mumien

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Soldaten müssen das Ägyptische Museum vor Plünderern schützen.

(Foto: AP)

Die Plünderer machten auch nicht vor den weltberühmten Schätzen im Ägyptischen Museum in Kairo Halt. Sie drangen in das Gebäude ein und zerstörten zwei Mumien, wie der TV-Sender Arabia berichtete. Das Museum beherbergt neben anderen unwiederbringlichen Artefakten die goldene Maske des Königs Tutenchamun. Ein Archäologe berichtete im Staatsfernsehen, dass Ägypter auf der Straße versucht hätten, das Gebäude durch eine Menschenkette zu schützen. Die Vandalen seien aber von Dach in das Museum gelangt.

Licht aus bei Al Dschasira

Am Sonntag schaltete die Regierung den arabischen Fernsehsender Al Dschasira ab, der stundenlang live berichtete hatte. Wie die amtliche ägyptische Nachrichtenagentur Mena meldete, ordnete der scheidende Informationsminister Anas el Fekki ein Arbeits- und Empfangsverbot für den Satellitensender an.

El Fekki habe das Verbot "sämtlicher Aktivitäten von Al Dschasira in Ägypten" angeordnet sowie die Lizenzen des Senders für ungültig erklärt. Die Akkreditierungen der Journalisten des in Katar ansässigen Senders seien ab sofort ungültig. Wenige Minuten nach dem Bericht über das Verbot konnte Al Dschasira noch senden.

USA fordern geordnete Machtübergabe

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Die Ausschreitungen in Suez haben wieder viele Menschenleben gefordert.

(Foto: AP)

Die USA und Europa erhöhten ihren Druck auf Mubarak und forderten ihn zu weitergehenden Reformen auf. US-Außenministerin Hillary Clinton drang auf eine geordnete Machtübergabe. An der Spitze Ägyptens dürfe keine Lücke entstehen. Ein gut durchdachter Plan sei nötig, der am Ende eine demokratische Regierung herbeiführe, sagte Clinton im TV-Sender "Fox News". Nach einem Treffen mit seinen Sicherheitsexperten ließ Präsident Barack Obama erklären, die USA konzentrierten sich weiterhin darauf, zur Zurückhaltung aufzurufen sowie die Menschenrechte und eine politische Reform des Landes zu unterstützen. Mubarak gehört zu den wichtigsten Partnern der USA im Nahen Osten und gilt als stabile Stütze der Bemühungen um Frieden mit Israel. Dessen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte angesichts der Proteste die Hoffnung, dass die Beziehungen zwischen den beiden Staaten stabil und friedlich blieben.

Appell aus Berlin, Paris und London

Deutschland, Frankreich und Großbritannien riefen Mubarak ihrerseits in einer gemeinsamen Erklärung auf, die zugesagten wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen "rasch und vollständig" umzusetzen "und die Erwartungen des ägyptischen Volkes zu erfüllen". Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister David Cameron lobten Mubaraks ausgleichende Rolle im Nahen Osten. Sie bezeichneten die Beschwerden des ägyptischen Volkes aber zugleich als berechtigt und forderten Mubarak auf, "einen Transformationsprozess zu beginnen, der sich widerspiegeln sollte in einer Regierung, die sich auf eine breite Basis stützt, sowie freie und faire Wahlen".

Quelle: ntv.de, ppo/dpa/rts/AFP