Politik

Ethikkommission deutet Zeitfenster an Atomausstieg dauert zehn Jahre

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Weder sauber noch sicher: Atomkraftwerke in Deutschland.

(Foto: dpa)

Schon bei der ersten Expertenanhörung der Ethikkommission deutet sich ein Konsens zum endgültigen Atomausstieg ab. Bereits in zehn Jahren könne Deutschland komplett ohne Kernkraft auskommen, so die Experten. Doch es gibt Risiken - und zusätzliche Kosten.

Bei der ersten öffentlichen Expertenanhörung der von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzten Ethik-Kommission hat sich ein breiter Konsens für einen Atomausstieg in etwa zehn Jahren abgezeichnet. Selbst der Spitzenverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW erklärte, bis 2020 - allenfalls zwei, drei Jahre später - komplett ohne Kernkraft auskommen zu wollen. Allerdings muss man nach Auffassung von BDEW-Chefin Hildegard Müller auch ganz offen sagen, dass die Energiewende Privathaushalten und Unternehmen zusätzliche Kosten bescheren dürfte. In welchem Ausmaß die Strompreise steigen werden, darüber waren sich die Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft ebenso uneins, wie über weitere Einzelfragen der angestrebten Energiewende.

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Bei der öffentlichen Anhörung der Ethikkommission in Berlin.

(Foto: dpa)

Insgesamt waren rund 30 Experten zu der rund elfstündigen Anhörung des "Rates der Weisen" eingeladen. Vertreter der Ökostrom-Anbieter und von Umweltverbänden wiesen die Attacken gegen einen Atomausstieg als Folge der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima zurück. Energie aus Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse könne schon in einem Zeitraum von 2017 bis 2020 die Atom-Lücke komplett schließen. Der Mieterbund rief die Regierung auf, die Bürger mit den Kosten der Energiewende nicht alleinzulassen.

"Signalwirkung enorm groß"

Der Kommissionsvorsitzende und frühere Umweltminister Klaus Töpfer betonte, die deutsche Atomausstiegsdebatte werde im Ausland mit großem Interesse verfolgt. "Die Signalwirkungen sind enorm groß", sagte Töpfer. Die Energiewende müsse ein "großes Gemeinschaftswerk" werden. Angesichts der unterschiedlichen Experten-Bewertungen verloren einige Kommissionsmitglieder zeitweise aber auch den Überblick. So fragte Kommissionsmitglied Alois Glück mit Blick auf stark unterschiedliche Aussagen zum notwendigen Ausbau der Stromnetze: "Wer soll auf dieser Basis zu Entscheidungen kommen? Allerdings ist den Aussagen der Teilnehmer zufolge ein Ausstieg in etwa zehn Jahren realistisch. Die Ethik-Kommission will ihre Empfehlungen am 28. Mai vorstellen. Darin soll will das Gremium auch eine Empfehlung über den Zeitpunkt des endgültigen Atomausstiegs festlegen.

Der Chef des größten deutschen Energiekonzerns Eon, Johannes Teyssen, warnte derweil vor den Folgen eines übereilten Atomausstiegs. "Jeder weiß, ein sofortiger Ausstieg ist ohnehin nicht möglich." Die Kernenergie sei die Brücke, um den Übergang zu den erneuerbaren Energien störungsfrei und bezahlbar hinzubekommen. "Man kann diese Brücke auch nicht beliebig kürzer oder schmaler machen", sagte er. Bei einem abrupten Verzicht auf die Atomkraft müsse man Abstriche etwa beim Klimaschutz hinnehmen.

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Eon-Chef Teyssen kann sich einen schnellen Ausstieg nicht vorstellen.

(Foto: dapd)

Die stromintensiven Branchen sehen sich im Falle eines schnelleren Atomausstiegs sogar in ihrer Existenz bedroht. Die Branche brauche eine störungsfreie Stromversorgung, sagte der Eigentümer des Aluminiumproduzenten Trimet. Dies sei mit erneuerbaren Energien nicht zu erreichen. Damit drohten den Branchen-Firmen mit ihren gut 830.000 Beschäftigten Existenzgefahren. Schon die Abschaltung der sieben alten Atomreaktoren in Deutschland hätte die energieintensiven Betriebe wegen der höheren Strompreise finanziell belastet. Michael Feist von den Stadtwerken Hannover widersprach: Er hält dagegen eine stabile Grundlastversorgung mit Strom auch durch einen Mix verschiedener Energieträger für möglich.

Gas und Kohle statt Atomstrom

Einig waren sich die meisten Experten, dass die Kernkraft kurzfristig vor allem durch Gas- und Kohlestrom ersetzt werden müsste - und das bedeute mehr CO2-Emissionen. Jochen Flasbarth, der Chef des Umweltbundesamtes, hatte zuvor jedoch gesagt, dass die zusätzlichen Emissionen aus deutschen Kohlekraftwerken durch den Emissionshandel automatisch ausgeglichen würden. "Der Atomausstieg schadet dem Klima nicht", so Flasbarth.

Dietmar Schütz vom Bundesverband Erneuerbarer Energien sah kurzfristig Ausbaupotential bei Windkraftanlagen im Süden des Landes. Auch er rechnet mit höheren Strompreisen, aber in einem "aushaltbaren" Maße. Der Mieterbund und andere Experten sehen zudem hohe Energiesparpotenziale in vielen Bereichen. Der Chef der Deutschen Energieagentur, Stephan Kohler, sprach von rund 3600 Kilometer neuen Hochspannungsnetzen und von neuen Speichertechnologien, die nötig seien. Ein großes Problem sind nach Expertenmeinung dabei lange Genehmigungsverfahren für Stromtrassen und neue Kraftwerke von teils über zehn Jahren.

Quelle: ntv.de, rts/dpa

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