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Wollen Sie für Kobane sterben? Aydin ist bereit für diese Hölle

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Muhyettin Aydin: "Wenn die Stadt endgültig zu fallen droht, gehe ich über die Grenze – egal, ob Ankara zustimmt oder nicht."

(Foto: Issio Ehrich)

Muhyettin Aydin ist Hunderte Kilometer gereist. Der 53-Jährige hat Frau, Kinder und seine Heimat im Nordosten der Türkei verlassen. Jetzt steht er hier, auf einem Baumwollfeld ein paar Kilometer vor Kobane. Über der Stadt steigen Rauchwolken auf. Der Wind weht das Grollen eines Bombeneinschlags herüber, MG-Feuer. Aydin will genau dorthin – rein in diese Hölle. Der Islamische Staat (IS) hat schon etliche kurdische Städte erobert. Wieso ausgerechnet für diese sterben? Ein Gespräch mit einem von vielen Kurden im türkisch-syrischen Grenzgebiet, die zu allem bereit sind, um den IS zu stoppen.

n-tv.de: Was machen Sie hier?

Muhyettin Aydin: Zunächst einmal helfe ich den Menschen, die aus Kobane geflüchtet sind. Die türkische Regierung sagt: Sie würde viel für die Flüchtlinge tun. Aber in Wirklichkeit tut sie nichts. Es sind Kurden, die sie in ihre Häuser aufnehmen, ihr Essen und Trinken mit ihnen teilen. Ich sammele in der kurdischen Gemeinschaft alles, was ich bekommen kann, und gebe es den Flüchtlingen aus Kobane.

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Sie helfen den Flüchtlingen – "zunächst einmal". Und dann?

Wenn uns die türkische Regierung durchlässt, gehe ich natürlich in den Kampf nach Kobane. Und wenn die Stadt endgültig zu fallen droht, gehe ich über die Grenze – egal, ob Ankara zustimmt oder nicht.

Aus Kobane ertönt wieder ein dumpfer Knall. Es klingt nach dem Einschlag einer Granate.

Die Kämpfe toben seit ein paar ruhigeren Tagen wieder. Der Islamische Staat hat sich womöglich mit neuer Munition und neuen Kämpfern versorgt. Warum wollen Sie ausgerechnet für diese Stadt sterben?

All die kurdischen Städte, die der IS bisher erobert hat, nahm er wie im Sturm. In Kobane leisten mutige Männer und Frauen seit 28 Tagen Widerstand. Die Stadt ist ein Symbol. Und nicht nur das: Wenn wir heute vor dem IS aus Kobane flüchten, tötet uns der IS morgen hier.

Welche Rolle spielt das Kanton Kobane als Teil der kurdischen Autonomieregion Rojava, dem syrischen Westkurdistan?

Kobane ist auch deshalb so wichtig: Der IS, die Türkei, die USA und Europa haben Angst davor, dass wir Kurden uns dort mit unserem Modell von Demokratie durchsetzen.

Viele Kurden behaupten, dass Ankara einen Erfolg Westkurdistans fürchtet, weil dann die Minderheiten in der Türkei auf ein ähnliches Modell pochen könnten. Welchen Grund sollten die USA und Europa haben, sich gegen Rojava zu stemmen?

Wenn sich die Menschen des Nahen Ostens befreien, so wie wir Kurden es in Rojava tun, versetzen wir uns selbst in die Lage, unsere Ressourcen und unsere Kraft einzusetzen. Derzeit kontrollieren doch große Konzerne aus Europa und den USA unser Öl. Der Westen will, dass es so bleibt.

An der schmalen Straße, die Richtung Grenze führt, fährt ein Konvoi weißer Autos entlang. Die türkischen Soldaten stellen sich ihnen nicht in den Weg. Vermutlich sind es Transporter, die Verletzte abholen und dann in das Krankenhaus im nahen Suruç bringen.

Was passiert, wenn Kobane fällt?

Wenn Kobane fällt, fällt Ankara. Wir Kurden sind allein in der Türkei 20 Millionen Menschen, und wir werden dann alles dafür tun.

Glauben Sie, dass alle Kurden so denken wie Sie?

Wir sind eins.

Es gibt so viele verschiedene Interessengruppen unter den Kurden und so viele Rivalitäten. Hier an der Grenze zu Syrien mag gerade große Einigkeit herrschen, aber ... 

Ja, es gibt sehr verschiedene kurdische Gruppen. Es gibt viele Muslime, es gibt viele Christen und Atheisten. Einige von uns beten die Sonne an, andere das Feuer. Und ja, es gibt auch viele Probleme unter uns, aber sie sind klein im Vergleich zur Bedeutung von Kobane. Wenn es darauf ankommt, sind wir eins.

Quelle: n-tv.de

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