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"Tief bedrückt, erschüttert und beschämt": der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx.
"Tief bedrückt, erschüttert und beschämt": der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx.(Foto: picture alliance / Rolf Vennenbe)
Sonntag, 16. September 2018

Tausendfacher Missbrauch: Bischöfe kritisieren das System Kirche

Jahrelang stand für die Kirche beim Thema sexueller Missbrauch die Wahrung des eigenen Rufs vor dem Schutz der Opfer. Eine neue Studie deckt das ganze Ausmaß und die "systemischen" Ursachen der Verbrechen aus. Die Bischöfe zeigen sich erschüttert.

Die katholischen Bischöfe zeigen sich entsetzt über die Dimension des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in ihrer Kirche. "Tief bedrückt, erschüttert und beschämt sind wir von der Realität sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in der katholischen Kirche", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, laut Mitteilung.

"Es ist noch immer erschütternd, was Kindern und Jugendlichen, die sich Priestern anvertraut haben, durch dieses unvorstellbare Leid widerfahren ist." Der Erzbischof von München und Freising betonte, die Kirche stehe an der Seite der Betroffenen.  

Eine von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie hatte die Situation in der katholischen Kirche in Deutschland aufgearbeitet. Sie soll am 25. Dezember vorgestellt werden. Verschiedenen Medien berichteten jedoch bereits vorab von den Ergebnissen. Aus der Untersuchung gehe hervor, dass Priester ihre Macht für die Taten ausnutzten, berichtete Zeit Online. "Sexueller Missbrauch ist vor allem auch Missbrauch von Macht", wird aus den Ergebnissen zitiert. Daher sei "Klerikalismus eine wichtige Ursache und ein spezifisches Strukturmerkmal" für sexuelle Gewalt innerhalb der Kirche.

In der Lage, "das System zu verändern"?

Wie "Spiegel" und "Zeit" bereits in der vergangenen Woche berichteten, nennt die Studie 3677 Opfer von Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche und mindestens 1670 mutmaßliche Täter für den Zeitraum von 1946 bis 2014. Der Missbrauch wurde laut Studie im Ministrantendienst, beim Religionsunterricht oder in der Erstkommunions- oder Firmungsvorbereitung angebahnt.

Der kirchlichen Struktur gibt auch der Passauer Bischof Stefan Oster eine große Mitschuld an den Missbrauchsfällen. "Vieles war systemisch. Allzu häufig ging es zuerst oder vor allem um den Schutz der Institution Kirche oder um den Ruf des Priestertums", sagte Oster in einer Videobotschaft. Er sprach von "Schmutz", "Abgrund" und "Unheil" und forderte "eine radikale Form der Selbstkritik". "Sind wir in der Lage, auch ein System zu verändern, das eher zum Selbstschutz als zum Opferschutz neigt?" Andere Bischöfe äußerten sich ähnlich. Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr forderte eine kritische Sicht auf "Strukturen und Mentalitäten in unserer Kirche".

Bischof Oster geht davon aus, dass es noch mehr Opfer gibt als in der Studie benannt. "Wir wissen inzwischen vieles, aber wir wissen bestimmt noch nicht alles", sagte er. "Die Situation ist eigentlich noch schlimmer, als wir jetzt wissen. Und das, was wir jetzt wissen, ist schlimm, ist furchtbar genug."

Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der die Studie ursprünglich leiten sollte, den Auftrag aber abbrach, sagte dem "Spiegel", die Untersuchung habe "große Schwachpunkte". Er forderte eine Folgestudie, "damit mehr Licht in dieses Dunkelfeld kommt".

Quelle: n-tv.de