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Sarah Harrison, die Frau hinter dem Agenten Das ist Snowdens wichtigste Helferin

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Sarah Harrison spricht am 21. Juni 2012 vor der Botschaft von Ecuador in London, in die Assange geflüchtet war, zur Presse.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit einem halben Jahr ist Edward Snowden auf der Flucht. Einsam ist er nicht. Der frühere NSA-Agent wird unterstützt von Sarah Harrison. Seit ein paar Tagen hält sich die Britin in Berlin auf. Wer ist die Frau, die von Trinkgelagen nicht viel hält?

Es soll Menschen geben, die sich absichtlich in die Nähe von Prominenten drängeln. Nur, um sich mit auf die begehrten Aufnahmen zu mogeln. Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Sarah Harrison hat so etwas vermutlich nicht nötig. Aber auf einige der wohl begehrtesten Bilder des Jahres hat sie es geschafft. Als Edward Snowden im Juli am Moskauer Flughafen sein Asylgesuch stellt, sitzt Harrison neben ihm. Auch Ende Oktober ist sie an der Seite des früheren Geheimdienstlers. Ein Bild zeigt Snowden auf einem Ausflugsschiff, eingerahmt von zwei Damen. Eine von ihnen soll Sarah Harrison sein.

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Besuch aus Deutschland: Harrison und Snowden mit Ströbele.

(Foto: picture alliance / dpa)

Diese Frau muss wichtig sein. Andernfalls ist es kaum zu erklären, dass sie dem ehemaligen NSA-Mitarbeiter seit Monaten kaum von der Seite weicht. Auch als Christian Ströbele sich mit Snowden trifft, ist es die 31-Jährige, die der Delegation um den grünen Bundestagsabgeordneten die Tür öffnet.

Seit einigen Tagen hält sich Harrison in Deutschland auf. Die Hintergründe sind unklar. Die Bundesregierung lehnt Snowdens Einreise ab, weil sie die Beziehungen zu den USA nicht aufs Spiel setzen will. Aber möglicherweise tariert Harrison zurzeit in Berlin aus, ob es vielleicht doch noch eine Chance für den Whistleblower gibt. Einfache Assistentin, Muse oder gar entscheidende Strippenzieherin: Wer ist diese mysteriöse Frau und wie wichtig ist sie wirklich?

Mädchenhaft, lustig und intelligent

Harrison stammt aus einer bürgerlichen Familie aus Essex. Als Jugendliche macht sie Abitur an der teuren Privatschule Sevenoaks in Kent, dann studiert sie in London englische Literatur. Im Sommer 2010 beginnt sie als Praktikantin beim Centre for Investigative Journalism in London, kurz CIJ. In dieser Zeit kreuzen sich ihre Wege mit denen eines gewissen Julian Assange. Das CIJ arbeitet eng mit Wikileaks zusammen. Mit Hilfe der investigativen Journalisten durchsuchen Assange und seine Mitarbeiter geheime Logbücher aus dem Irakkrieg. Gegen Ende des Jahres veröffentlicht die Enthüllungsplattform 400.000 geheime Protokolle über den Irak-Krieg, die das brutale Vorgehen der US-Armee veranschaulichen.

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Gemeinsam zur Anhörung: Harrison (Mitte) mit Assange im Februar 2011.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gavin MacFayden, der Chef des CIJ, lobt seine frühere Praktikantin in höchsten Tönen. Sie sei eine "harte Arbeiterin" und habe stets "einen Bogen um die frivolen Trinkgelage der anderen Studenten" gemacht, sagt er über die Frau, die er als "mädchenhaft, lustig und intelligent" beschreibt. Warum sie für Snowden offenbar zur unverzichtbaren Beraterin geworden ist, kann er nachvollziehen. "Sie hat gute Kenntnisse der rechtlichen Probleme, denen jemand wie Snowden nun ausgesetzt ist."

Assange taucht Ende 2010 unter. In Schweden werden Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn erhoben, das Land fordert seine Auslieferung. Im Februar 2011 bahnt sich der Wikileaks-Gründer seinen Weg durch die Fotografen vor dem Londoner Belmars Magistrates Court. Begleitet wird er von einer Frau, die fortan seine wichtigste Stütze ist. Grauer Rock, weiße Bluse, rötlich gefärbtes Haar und silbern glänzende Ohrringe: Harrison ist inzwischen feste Mitarbeiterin von Wikileaks. Spätestens jetzt ist sie Teil von Assanges Kampf gegen Geheimhaltung und für Transparenz.

Die Frau für Snowdens Sicherheit

Fortan ist sie stets da, wo auch der mysteriöse Aktivist ist und gilt als eine seiner engsten Beraterinnen. Als Assange wegen der Vergewaltigungsvorwürfe unter Hausarrest steht, wohnt Harrison gemeinsam mit ihm auf dem englischen Landgut Ellingham Hall. Während der Wikileaks-Chef gegen seine Auslieferung nach Schweden kämpft, sammelt Harrison Geld für seine Kaution. Als Assange im Juni 2012 in die Londoner Botschaft Ecuadors flüchtet, besucht sie ihn regelmäßig. Einige Wochen später ist es Harrison, die den nächsten Coup der Organisation präsentiert: ein Datensatz von Millionen Mails zum Syrien-Krieg. Es sei eine schwere Zeit für Wikileaks, sagt die Journalistin bei der Vorstellung, "aber wir machen weiter".

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Pressekonferenz am Flughafen Moskau-Scheremetjewo: Im Juli bat Snowden um Asyl, links neben ihm Harrison.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Im Laufe des Jahres 2013 erhalten die Whistleblower von Wikileaks Unterstützung. Prism, Xkeyscore und Tempora: Zunächst noch als anonymer Informant macht der frühere NSA-Agent Edward Snowden die Überwachungspraktiken des US-amerikanischen Geheimdienstes öffentlich. Plötzlich scheinen die Rädchen zwischen der Enthüllungsplattform und dem Mann, der sich mit den Geheimdokumenten im Gepäck nach Honkong abgesetzt hat, ineinanderzugreifen. Auf Geheiß Assanges erhält dieser kurz später Gesellschaft von einer Frau, die sich bestens auskennt mit Männern, die auf der Flucht sind: Sarah Harrison.

Als Snowden Ende Juni nach Moskau fliegt und dort wochenlang am Flughafen festsitzt, weicht Harrison nicht von seiner Seite. Die Lage ist vertrackt. Obwohl sie keinen Jura-Abschluss hat, tritt sie fortan als seine Rechtsberaterin und Assistentin auf. Offenbar mit Erfolg. Anfang August gewährt Russland dem flüchtigen Agenten ein einjähriges Asyl. An dem Tag, an dem Snowden den Flughafen verlassen darf, gibt Wikileaks auf seiner Internetseite bekannt: "Harrison hat Herrn Snowden zu jeder Zeit begleitet, um seine Sicherheit zu gewährleisten, auch während seiner Ausreise aus Hongkong. Sie haben den Flughafen gemeinsam in einem Taxi verlassen und sind auf dem Weg zu einem sicheren, geheimen Ort."

Berlin und dann?

Welchen genauen Anteil Harrison an Snowdens Flucht hat, ist ebenso wenig bekannt wie die Frage, wie nah sie Snowden in den letzten Monaten wirklich gekommen ist. Londoner Zeitungen wollen wissen, dass Harrison zumindest zwischenzeitlich auch die Freundin von Assange gewesen ist. Bis heute gilt sie als rechte Hand des Wikileaks-Chefs.

Und die Parallelen in den Geschichten um zwei der wohl meistgesuchten Männer der Welt sind nicht zu übersehen. Nach erfolgreicher Flucht - Assange in die Botschaft, Snowden nach Russland - setzt sich die treue Gehilfin ab. Am vergangenen Wochenende ist sie mit einer Aeroflot-Maschine in Berlin gelandet. Unklar ist, wo sie sich in Berlin aufhält, warum sie Snowden ausgerechnet jetzt allein lässt, und ob sie zu ihm zurückkehrt. Nur so viel: Der ehemalige NSA-Agent habe sich in Moskau eingerichtet und sei sicher, heißt es in Harrisons Erklärung. Es gebe "viel Arbeit zu erledigen".

Über die wahren Gründe für ihre Reise lässt sich nur spekulieren. Am wahrscheinlichsten scheint diese Variante: Einreise- und Ausweisungsgesetze gelten als Spezialität der Britin. Die Bundesregierung hat sich eigentlich schon gegen ein Asyl für Snowden ausgesprochen. Aber womöglich unternimmt Harrison vor Ort doch noch einen letzten Versuch. Sie befindet sich also mal wieder in scheinbar unmöglicher Mission.

Quelle: n-tv.de

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