Politik

Die unmögliche Arbeit der Helfer in Syrien "Das wird bis zum bitteren Ende gehen"

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Alltag in Syrien: Nach dem Einschlag einer Bombe brennt ein Haus in Binnish.

(Foto: REUTERS)

Seit zwei Jahren bekämpfen sich Rebellen, Milizen und Regierungstruppen in Syrien erbittert. Das Land liegt in Trümmern, Millionen Menschen brauchen Hilfe. Doch diese zu liefern, ist eine gigantische Herausforderung. "Jeder ist in Gefahr", sagt Muhannad Hadi, der Regionaldirektor des Welternährungsprogramms WFP, im Gespräch mit n-tv.de. Und er berichtet von Bomben, Entführungen und schlecht gelaunten Jungen mit Kalaschnikows.

n-tv.de: Der Bürgerkrieg in Syrien hat schon mehr als 80.000 Todesopfer gefordert, Millionen Menschen sind auf der Flucht, jeden Tag gibt es neue Tote und Verletzte. Wie können internationale Helfer unter solchen Bedingungen überhaupt in Syrien arbeiten?

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Syrische Rebellen in der Provinz Aleppo.

(Foto: AP)

Muhannad Hadi: Es ist eine gigantische Herausforderung. Man wacht am Morgen auf und muss auf das Schlimmste gefasst sein. Immerhin sind wir inzwischen in allen 14 Provinzen vertreten und helfen mehr als 2 Millionen Menschen. Allerdings gibt es Gegenden, die wir nicht erreichen können und die wir auch noch nie erreicht haben. Allein in Homs dringen wir zu manchen Orten, die drei Kilometer von unserem Büro entfernt liegen, nicht durch. Wir hören jeden Tag das Bombardement, wir verhandeln jeden Tag - aber wir kommen nicht hin. Und wenn wir durch Syrien fahren, ist das extrem kompliziert. Das letzte Mal mussten wir auf der Fahrt von Damaskus nach Aleppo 51 Checkpoints passieren. Jedes Mal wurden wir gestoppt, von Regierungssoldaten, aber auch von Rebellen.

Wie gefährlich ist die Lage derzeit?

Spendenkonten für Syrien

Ärzte ohne Grenzen
Spendenkonto: 97 0 97
BLZ 370 205 00
Bank für Sozialwirtschaft
Stichwort: Kontext Syrien

WFP
Kontoinhaber Maecenata Stiftung
Kontonummer 88 78 700
BLZ 700 205 00
Bank für Sozialwirtschaft
Stichwort: WFP – Ihr Name und Ihre Adresse

Jeder ist in Gefahr. Unsere Lagerhäuser wurden schon bombardiert und fingen Feuer. Zwei WFP-Mitarbeiter wurden mit ihrem Wagen von Dschabhat al-Nusra (ein syrischer Ableger der Terrororganisation Al-Kaida; Anmerkung der Redaktion) entführt. Zum Glück kamen die Entführten wieder frei, den Wagen vermissen wir immer noch. Auf unseren Fahrten wurden wir mehrere Male angegriffen, mal wurden wir beschossen, mal erwischte uns eine Bombe. Zum Glück sind alle unsere Wagen gepanzert, so dass bisher nicht mehr passiert ist. Aber unsere Partner in Syrien, mit denen wir zusammenarbeiten, traf es schlimmer. Ihre Autos sind nicht geschützt und 18 Mitarbeiter vom Syrisch-Arabischen Roten Halbmond haben einen sehr hohen Preis für ihre Arbeit gezahlt: Sie kamen ums Leben.

Wer steckt hinter den Attacken?

Es ist nicht wichtig, wer das ist. Vielleicht sind es Leute von der Regierung, die nicht billigen, was wir machen. Vielleicht sind es aber auch Rebellen, die etwas dagegen haben, dass wir Menschen in von der Regierung kontrollierten Regionen unterstützen.

Können Sie sich auf solche Angriffe vorbereiten?

Wir haben unsere Trainings und Handbücher. Aber die Situation ändert sich jeden Tag. Natürlich versuchen wir, die Menschen am Checkpoint zu überzeugen. Wir erklären ihnen, dass wir Essen für Frauen, Kinder und Alte bringen. Aber letztlich hängt alles von der anderen Seite ab. Manchmal kommen wir zu einem Checkpoint, an dem die Leute uns durchwinken, weil sie verstehen, wie die Menschen in Syrien leiden. Manchmal kommt man zu einem Checkpoint und dort sitzt ein schlecht gelaunter Junge mit einer Kalaschnikow. Er hat es in der Hand, einen umkehren zu lassen. Wenn er uns nicht durchlässt, kehren wir am nächsten Tag zurück. So schnell geben wir nicht auf. Inzwischen kennen uns die Posten und wissen: Wir sind nette, aber manchmal sehr schwierige Menschen.

Wie viele Syrer sind denn auf Ihre Hilfe angewiesen?

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WFP-Regionaldirektor Muhannad Hadi arbeitet seit Langem in Syrien.

(Foto: WFP/Syrien)

Mehr als vier Millionen Menschen innerhalb Syriens brauchen Nahrungsmittelhilfe, im März erreichten wir gerade mal zwei Millionen. An Lebensmittel heranzukommen ist mittlerweile ein echtes Problem in Syrien. Durch den Krieg liegt die Landwirtschaft zum Teil brach - aus Mangel an Treibstoff und Arbeitskräften. Es gibt Gegenden, in denen man zwar Lebensmittel findet, die Leute aber kein Geld mehr haben, um sie zu kaufen. Manchmal besitzen die Menschen Geld, aber es gibt kein Essen. Die Bedürfnisse sind riesig und sie nehmen von Tag zu Tag zu.

Und immer mehr Syrer fliehen in die Nachbarstaaten.

Zu Beginn der Krise gaben die Flüchtlinge vor allem an, aus Sicherheitsgründen in die Nachbarländer zu fliehen: Ihre Schwestern waren vergewaltigt, der Vater getötet worden, der Bruder saß in Haft. Nun fliehen sie vor allem, weil es kaum Lebensmittel und medizinische Versorgung gibt und die Infrastruktur zusammengebrochen ist. Wenn wir nun Nahrung nach Syrien bringen, bleiben sie eher im Land. Und für uns ist es leichter, sie in Syrien zu versorgen als in den Nachbarländern, wo sie neben Essen auch noch eine Unterkunft, Wasser und etliche andere Dienste benötigen.

Was sieht Ihre Hilfe in Syrien konkret aus?

Wir haben einen riesigen Apparat: Mehr als 800 Menschen packen allein in den Lagerhäusern Nahrungsmittelkisten. Seit Beginn des Bürgerkriegs haben wir fast 8000 Laster mit Lebensmittelpaketen ausgeschickt, pro Monat sind es zurzeit 700. Die WFP-Mitarbeiter verteilen die Pakete entweder selbst oder geben sie an Partnerorganisationen weiter. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, dass wir die Nahrung importieren und rechtzeitig vor Ort verteilen müssen. Es ist schwierig, einer Mutter zu erklären: "Es tut uns leid, das Essen kommt verspätet. Sag doch deinen Kindern, dass es erst am nächsten Sonntag Mittagessen gibt." Das funktioniert nicht. Wenn die Menschen kein Essen von WFP bekommen, dann bekommen sie oftmals gar kein Essen.

Wagen Sie eine Prognose, wie es in den nächsten Monaten weitergeht?

Es gibt keine Definition mehr für die Krise in Syrien. Sie sprengt jeden Rahmen, es ist schwer zu sagen, wann sie endet. Schon zu Beginn des Aufstands haben wir vom WFP gemerkt: Der Konflikt wird bis zum bitteren Ende gehen. Und eines kann ich mit Sicherheit prophezeien: Es wird noch sehr viel schlimmer werden, bevor es wieder aufwärts geht.

Mit Muhannad Hadi sprach in Amman Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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