Politik

Nach gefloppter Flucht zurück "Der Deutsche" träumt nicht mehr

L1001538.jpg

"Natürlich hat meine Frau genörgelt, als ich sie in unserer Hochzeitsnacht in mein Elternhaus gebracht habe."

Mit Mitte 20 noch bei den Eltern wohnen? Einen mies bezahlten Job machen, der einem nicht mal gefällt? Hankaw Mohammed wollte mehr als das. Er floh nach Deutschland. Das bessere Leben hat er dort nicht gefunden.

In seinem Viertel nennen ihn jetzt alle "Hankaw Alemani" – Hankaw, den Deutschen. Der 26-Jährige, der in Wirklichkeit Hankaw Kdir Mohammed heißt, wendet seinen Blick ab, während er darüber spricht: "Ja, ich schäme mich", sagt er. "Immer noch."

Immer mehr Flüchtlinge aus dem Irak entscheiden sich, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Allein im ersten Quartal dieses Jahres haben sich 1933 Personen um finanzielle Unterstützung für ihre Rückkehr beworben.

n-tv.de hat einige dieser Menschen in der kurdischen Autonomieregion im Norden des Irak getroffen. Es handelt sich bei ihnen um besonders schutzbedürftige Fälle, denen die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit Mitteln aus Deutschland bei der Reintegration hilft. In einer Serie begleitet n-tv.de sie bei den ersten schwierigen Schritten im neuen, alten Leben.

Hankaw sitzt auf einem Plastikstuhl vor einer Garage am Rande Erbils, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Norden des Irak. Abgesehen von einer Spitzhacke und einer umgekippten Schubkarre ist die Garage leer. Noch. Der graue schattige Raum steht für den ersten Schritt in Hankaws neue Zukunft. Einen Eis- und Getränkeladen will er darin einrichten. "Abends kommen hier viele Leute vorbei", sagt er. "Das wird ein gutes Geschäft." Doch er weiß, wie bescheiden diese Geschäftsidee im Vergleich zu dem wirkt, was er noch vor ein paar Monaten vorhatte.

Hankaw hat das getan, was viele in seinem Alter tun oder gern tun würden. "Selbstverwirklichung" ist das Stichwort unserer Zeit - "Lebe deinen Traum." Hankaw verband damit: Raus aus dem Irak, um das "bessere Leben" in Deutschland zu finden. Das ging schief.

Seit gut einem Monat ist Hankaw zurück im Irak. Er bekommt zu spüren, dass zwar überall lauthals propagiert wird, nach dem Besten zu streben, dass aber Leute, die dabei scheitern, trotzdem Ziel von Spott und Belehrungen werden.

Hochzeitsnacht im Elternhaus

"Ich habe meine Arbeit gehasst", sagt Hankaw über sein erstes Leben im Irak. "Ich habe mich gehasst." Hankaw musste früh die Schule verlassen, um Geld zu verdienen. Er ackerte auf einem Markt ein paar Straßenecken weiter. Weil er nicht qualifiziert war, verdiente er wenig. Und weil er wenig verdiente, musste er bei seinen Eltern wohnen – auch als er heiratete. "Natürlich hat meine Frau genörgelt, als ich sie in unserer Hochzeitsnacht in mein Elternhaus gebracht habe", sagt er.

Leute in Hankaws Viertel, Iraker, die während der Saddam-Diktatur in Europa Schutz fanden, vor allem aber Leute, die den Kontinent nur vom Hörensagen kennen, schwärmten von den reichen Deutschen, den sauberen Straßen und den feinen Häusern. "Meine Frau und ich wollten das auch", sagt Hankaw. Sie schmiedeten einen Plan. Sie würden Geld sparen und einen Schmuggler finden. Der sollte Hankaw nach Deutschland bringen. Dort angekommen, würde er seine Frau holen. Ein gutes Gehalt, ein eigenes Haus, ein Auto.

Einige Freunde, aber vor allem Hankaws Familie warnten ihn. Er solle nicht zu viel riskieren, sagten sie. Doch im Sommer des vergangenen Jahres machte Hankaw sich auf den Weg. An die Worte seiner Kumpel und Eltern sollte er sich schnell erinnern - als dem Flüchtlingsboot, in dem er saß, auf halber Strecke zwischen der Türkei und Griechenland der Sprit ausging. Die griechische Küstenwache musste ihn retten. Da zweifelte er das erste Mal an seiner Entscheidung. Zum zweiten Mal stellte er seinen Plan infrage, als er vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin 32 Stunden auf einen Termin warten musste – im Schnee. "Das war nicht das Deutschland, das ich aus Erzählungen kannte", sagt Hankaw. In einem Café traf er auf Iraker, die ihm prophezeiten, dass er dort wohl noch oft stehen würde, weil er sicher noch zwei oder drei Jahre auf sein Bleiberecht und noch länger auf seine Frau warten müsste. Da wurde ihm endgültig klar: Er hatte sich in seiner Sehnsucht nach einem "besseren Leben" verrannt.

Wie ein stürzendes Kind

Das kosten die Rückkehrprogramme

Jeder Flüchtling kann sich für eine finanzielle Unterstützung bewerben, wenn er wieder in seine alte Heimat will. Mit Mitteln des Bundes, der Länder und der Europäischen Union führt die Internationale Organisation für Migration (IOM) mehrere Programme durch.

Ein Beispiel: Flüchtlinge aus dem Irak können mit der Erstattung der Rückflugskosten rechnen. Zudem stehen ihnen 200 Euro Reisebeihilfe und 500 Euro Starthilfe zu. Kinder unter zwölf Jahren erhalten die Hälfte. Für andere Länder gelten mitunter andere Sätze.

Ergänzend zur Hilfe für die Rückreise bietet die IOM für den Irak ein Reintegrationsprojekt an. Besonders hilfsbedürftige Personen können bis zu 5000 Euro vor allem in Sachleistungen bekommen, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Meist stellt die IOM die Ausstattung für Geräte und Werkzeuge.

In früheren Programmen halfen Mitarbeiter der IOM Rückkehrern zudem bei der Suche nach einem Arbeitsplatz vor Ort.

In gewisser Weise hatte Hankaw noch Glück. Es gibt Berichte über junge Flüchtlinge, die von ihren Familien auf diese Reise geschickt werden. Sorg gefälligst dafür, dass unser Traum Wirklichkeit wird, heißt es dann.

Hankaw hat die Flucht nach Deutschland selbst gewählt. Und seine Familie war froh, als ihr Sohn anrief und sagte, dass er zurückwolle. Er sprach danach mit dem Manager seines Flüchtlingsheimes. Der informierte die Internationale Organisation für Migration (IOM), die Rückkehrern mit Mitteln des Bundes die Rückreise finanziert. Weil er nie ausgebildet wurde, jung ist und eine noch jüngere Frau hat, stehen Hankaws Chancen zudem gut, in das Reintegrationsprogramm der Organisation aufgenommen zu werden. Klappt alles, wird die Organisation ihm die Eismaschine für seine Garage und ein paar andere Geräte finanzieren.

"Ich fühle mich wie ein stürzendes Kind, und die IOM ist die Hand, die sich nach mir ausstreckt", sagt Hankaw. Ohne die Hilfe hätte er seinen Neustart ohne echte Jobperspektive, aber mit einem Haufen Schulden beginnen müssen. 7500 US-Dollar zahlte Hankaw für den Schmuggler. Er plünderte seine Ersparnisse. Den Rest steuerte seine Familie bei, die sich das Geld irgendwo geliehen hat. Über die Schulden wird im Hause Mohammed nicht gesprochen.

Teure Lehre

Vater Kdir Mohammed sitzt im Wohnzimmer. Er trägt ein kurdisches Gewand samt Jamana, dem typischen schwarz-weißen Kopftuch. Kdir Mohammed ist ein traditions- und wertbewusster Mann. Lange Vorhaltungen macht er seinem Sohn nicht, obwohl es nicht leicht ist, die Familie zu ernähren, seit er seine Arbeit im Agrarministerium aufgeben musste und in Rente ging. Kdir Mohammed sagt nur: "Ich mochte seinen Plan von Anfang an nicht. Meine Frau hat geweint." Sein Sohn müsse jetzt die richtigen Lehren ziehen. "Gut. Er hat Europa gesehen. Jetzt muss er aufhören zu träumen." So behutsam wie der Vater geht nicht jeder mit Hankaw um.

Während er vor seiner Garage sitzt, fahren immer wieder Autos vorbei. Die Leute hupen, einige winken. Die Leute sind freundlich. In diesem Viertel von Erbil kennt man sich. Aber jeder kennt auch die Geschichte von "Hankaw Alemani". "Ausgerechnet die, die mir von Deutschland vorgeschwärmt haben, fragen mich jetzt, wie ich nur so doof sein konnte", sagt "der Deutsche".

Hat seine Odyssee ihn verändert? Hankaw wendet wieder seinen Blick ab, lässt ihn die Straße hinuntergleiten – in die Richtung des Marktes, auf dem er früher den Job machte, den er so hasste. "Ich hab überhaupt nichts gelernt. Ich hab nur Geld ausgegeben", sagt er. Doch dann fällt ihm doch eine Veränderung ein. Hankaw sagt: "Vorher bin ich nie auf die Idee gekommen, dass ich mich auch hier selbstständig machen kann."

Die Eismaschine, die Hankaw für sein erstes eigenes Geschäft braucht, kostet 3000 Dollar. Genauso viel hatte er zusammengespart, um den Schleuser für seine Flucht in das "bessere Leben" zu bezahlen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema