Politik

Terror in Paris "Der IS hat sich internationalisiert"

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Soldat in Paris. "Es wird Veränderungen geben, es wird viele Diskussionen geben – aber Gott sei Dank werden wir irgendwann zum Alltag zurückkehren."

(Foto: REUTERS)

Lange war der Islamische Staat vor allem darauf bedacht, sein Territorium zu sichern. Jetzt ist er in der Lage, Attentäter in Europa einzusetzen, zumindest aber zu dirigieren. Das ist neu, sagt n-tv Terrorexperte Michael Ortmann.

n-tv.de: Die Anschlagsserie gestern in Paris war nicht der erste Terroranschlag seit dem 11. September 2001. Hat dieses Attentat dennoch eine neue Qualität?

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Michael Ortmann ist Terrorismus-Experte von RTL und n-tv.

(Foto: RTL)

Michael Ortmann: Dieser Anschlag war sehr menschenverachtend, er war getrieben von grenzenlosem Hass und hat sehr viele Menschen in Paris getroffen. Zudem ist es schon der zweite Anschlag in Frankreich binnen weniger Monate. Das zeigt, dass es eine sehr vitale, sehr skrupellose islamistische Terrorszene gibt, die gewillt und in der Lage ist, gleich acht Selbstmordattentäter in den Krieg gegen den Westen zu schicken. Das ist vielleicht eine neue Qualität.

Aber?

Terroranschläge dieser Art sind nichts Neues. Nach dem 11. September gab es etwa 2002 den Anschlag von Bali, es gab die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater im Oktober 2002, es gab das Massaker von Mumbai im November 2008. In Europa gab es die Anschläge auf die Züge in Madrid im März 2004 und die Anschläge auf U-Bahnen und einen Bus in London im Juli 2005. Auch bei diesen Anschlägen gab es viele Tote. Man sollte vorsichtig sein, von einer neuen Qualität zu sprechen.

Zu den Anschlägen von Paris hat sich der Islamische Staat bekannt. Wir kennen den IS bislang eher als Terrormiliz in Syrien und dem Irak.

Der IS ist keine klassische Miliz mehr, dieses Stadium haben sie längst verlassen. Aus der alten irakischen Armee von Saddam Hussein sind hochdekorierte, auch hochqualifizierte Militärs zum IS gegangen. Der IS hat quasi einen eigenen Staat geschaffen, er kontrolliert weite Teile Syriens und des Irak. Lange war er vor allem darauf bedacht, seine Gebiete zu sichern. Jetzt scheint er eine Art Internationalisierung durchzumachen und Attentäter auch in Länder außerhalb der arabischen Welt zu schicken oder dort zumindest zu dirigieren. Das ist neu. Zudem war der IS in der Lage, die Anschläge trotz der Überwachung vieler Kommunikationskanäle über Monate zu planen und zu finanzieren. Das spricht dafür, dass hier eine große Organisation mit viel Know-how dahintersteckt.

Was können westliche Staaten tun, um solche Anschläge zu verhindern?

In Deutschland hat es in den vergangenen fünfzehn Jahren zwölf Anschlagsversuche gegeben und einen vollendeten Anschlag, bei dem im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten getötet wurden. Im Schnitt haben wir damit hier in Deutschland fast jährlich ein Anschlagsszenario. Einige sind nicht geglückt, andere wurden von den Geheimdiensten verhindert. Aber eine hundertprozentige Sicherheit werden wir weder bezahlen noch in irgendeiner Weise erreichen können. Das ist das Risiko, mit dem wir leben müssen.

CSU-Chef Seehofer hat bereits die Einführung von Grenzkontrollen an den Binnengrenzen der EU gefordert. Wird dieser Anschlag Europa nachhaltig verändern?

In Teilen wird Europa sich verändern. Das werden aber vor allem Bereiche sein, die wir Bürger nicht in vollem Umfang direkt mitbekommen. Spüren werden wir Veränderungen an den Grenzübergängen und an den Flughäfen, wo wieder mehr kontrolliert werden wird. Weniger Auswirkungen auf unser Leben wird die politische Debatte haben, bei der es um die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen gehen wird. Und es wird Maßnahmen geben, die wir nicht mitbekommen: Die internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste dürfte verstärkt werden, etwa der Austausch von Bewegungsprofilen von Islamisten über Grenzen hinweg. Es wird Veränderungen geben, es wird viele Diskussionen geben – aber Gott sei Dank werden wir irgendwann zum Alltag zurückkehren.

Mit Michael Ortmann sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de