Politik

Osteuropa in Corona-Zeiten Der Kampf um die Weltkriegs-Paraden

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13.000 Soldaten nahmen im vergangenen Jahr an der Parade in der russischen Hauptstadt teil.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist Gedenkdatum und Feiertag zugleich: Russland, die Ukraine und Belarus beklagen Millionen Kriegstote. Doch sie besiegten als Teil der Roten Armee auch Nazi-Deutschland. Während Minsk weiter Corona ignoriert und zum Jahrestag klotzen wird, suchen Moskau und Kiew neue Wege.

Es ist Gedenkdatum und Feiertag zugleich: Russland, die Ukraine und Belarus beklagen Millionen Kriegstote. Doch sie besiegten als Teil der Roten Armee Nazi-Deutschland. Während Minsk weiter Corona ignoriert und zum Jahrestag klotzen wird, suchen Moskau und Kiew neue Wege für einen der wichtigsten Tage im Jahr.

Russland

Die Corona-Krise hat die großen Pläne von Kreml-Chef Wladimir Putin gleich doppelt zumindest durcheinandergebracht. Erst musste das Referendum zur Verfassungsreform, die dem russischen Präsidenten theoretisch zwei weitere Amtszeiten einräumt, verschoben werden. Mitte April wurde dann auch die traditionelle Militärparade zum Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg, die seit 1995 jährlich auf dem Roten Platz in Moskau stattfindet, vertagt. Gemäß den Spielregeln russischer Politik erfolgte die Entscheidung nach einer entsprechenden Bitte der Veteranenverbände.

Für den Kreml ist die Absage des wichtigsten politischen Termins des Jahres besonders bitter. Denn das Heldentum des russischen Volkes und dessen Beitrag zum Sieg über Nazi-Deutschland ist eine tragende Säule des politischen Selbstverständnisses. Und dafür strebt der Kreml ein Deutungsmonopol an. Seit Anfang des Jahres ist das diesjährige 75. Jubiläum des Sieges eines der Hauptthemen im Staatsfernsehen, verschiedene Countdowns liefen bereits ab Januar auf Hochtouren.

Darüber hinaus wäre es es für Putin sicherlich eine Genugtuung gewesen, wenn an seiner Seite der französische Präsidenten Emmanuel Macron gestanden hätte, der seine Teilnahme an der Parade fest zugesagt hatte. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich dagegen noch nicht öffentlich über eine Reise nach Moskau geäußert. Wahrscheinlich aber ist, dass sie die Einladung erneut ausgeschlagen hätte - wie bereits 2010, damals unter Verweis auf den Ukraine-Konflikt, der noch immer ungelöst ist. US-Präsident Donald Trump hatte bereits abgesagt.

2010 hatte Russland die Parade unter anderem dafür genutzt, der Welt seine neuen Panzer zu zeigen - es war ein merkwürdiges Zeichen in Zeiten des Donbass-Krieges. Für 2020 ist die militärische Leistungsschau noch nicht komplett vom Tisch. Ein denkbares Datum wäre der 3. September. Erst jüngst hatte das russische Parlament das Kriegsende vom 2. auf den 3. September umdatiert. Nun wird in Russland darüber spekuliert, ob hinter dieser überraschenden Entscheidung der Wunsch steckt, die Teilnahme der westlichen Politiker zu erleichtern. Heikel ist dabei indes, dass der 3. September bereits ein Gedenktag für die mehr als 300 Opfer der Geiselnahme an einer Schule im nordkaukasischen Beslan im Jahr 2004 ist. Die Mütter der getöteten Kinder warnen daher vor der Austragung der Parade an diesem Datum.

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Die russische Luftwaffe will rund ein Drittel ihrer Technik an der Parade teilnehmen lassen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Trotz Corona hält Russland aber an einem umfassenden Programm für den 9. Mai fest. In mehreren Städten wird es Flugshows geben, die als größte in der postsowjetischen Geschichte des Landes gelten. Insgesamt 660 Flugzeuge und Hubschrauber werden in der Luft sein - immerhin ein Sechstel der russischen Luft- und Weltraumkräfte. Auch das traditionelle Feuerwerk soll am Abend stattfinden. In den vergangenen Jahren gehörte zudem die Aktion "Das unsterbliche Regiment" zu den wichtigsten Bestandteilen der Gedenkveranstaltungen. Dabei marschieren die Nachkommen derer, die am Krieg teilgenommen haben, mit Porträts der Verwandten durch die Stadt. Zuletzt wurde die Militärparade gar mit dieser Aktion abgeschlossen. Diesmal paradiert "Das unsterbliche Regiment" online. Die Bürger sind aufgerufen, auf Plattformen wie Facebook Fotos der Verwandten hochzuladen, die dann im Fernsehen und im Internet gezeigt werden.

Ukraine

Nach dem Plan des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, hätten die Botschafter Russlands, der Ukraine und von Belarus gemeinsam einen Kranz niederlegen sollen - vor einem Haus, in dem der Kommandostab der sowjetischen 8. Gardearmee seinen Sitz hatte. Doch der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk fand die Idee nicht besonders gut. Zwar freute er sich über die Anerkennung des Beitrages der Ukrainer an der Befreiung vom NS-Regime, doch Kränze an der Seite eines russischen Vertreters niederzulegen ist für ihn undenkbar. Grund ist der Krieg im Donbass, in dem Moskau die prorussischen Separatisten finanziell und militärisch unterstützen. Nach UN-Angaben sind in den Kämpfen bisher 13.000 Menschen gestorben.

Zudem hatte Kiew mit der Moskauer Kollektiv-Erzählung, man sei der Hauptleidtragende des Zweiten Weltkrieges, schon immer Probleme. Schließlich war die Ukraine komplett besetzt und hatte mehr als fünf Millionen zivile Opfer zu beklagen.

Vor sechs Jahren mündeten die unterschiedlichen Sichtweisen in einen offenen Konflikt: Die russischen Staatsmedien bezeichneten die Maidan-Protestierenden als Faschisten, rechtfertigten die Annexion der Halbinsel Krim mit einem angeblichen Staatsstreich und verwendeten die Weltkriegsrhetorik auch für den Donbass-Konflikt. Dies hinterließ in der Ukraine Spuren. 2014 trug Kiew erstmals neben dem 9. Mai auch am 8. Mai offizielle Gedenkveranstaltungen aus. Dies ist der europäische Gedenktag, in Moskau aber war bereits der 9. Mai angebrochen, als das Deutsche Reich kapitulierte.

2015 erhob die Ukraine den 8. Mai zum staatlichen Gedenktag, der jedoch nicht arbeitsfrei ist. Der 9. Mai ist weiter ein Feiertag. Zudem tendierte die Ukraine zuletzt immer mehr dazu, dem Weltkriegsende auf europäische Art und ohne Säbelrasseln nach russischem Vorbild zu gedenken. Das wiederum wertet der Kreml als klaren Distanzierungsversuch.

In diesem Jahr nun aber finden in der ukrainischen Hauptstadt Kiew wegen der Corona-Krise keine öffentlichen Veranstaltungen statt. Stattdessen versucht man, ähnlich wie in Russland, das Internet zu nutzen. So hat das Institut für die Nationale Erinnerung dazu aufgerufen, Familien-Geschichten über den Krieg in sozialen Medien zu teilen. Doch dabei soll nicht nur um die Soldaten der Roten Armee gehen, sondern auch um die der Ukrainischen Aufständischen Armee, die als militärischer Flügel der Ukrainischer Nationalisten (OUN) zum Teil mit dem Dritten Reich paktierte. Sie werden in der Westukraine zumeist als Helden gesehen, in anderen Teilen des Landes jedoch mehrheitlich nicht. Die Spitze des Instituts für die Nationale Erinnerung stand wegen ihrer unkritischen Haltung zur OUN lange in der Kritik. Unter dem seit einem Jahr regierenden Wolodymyr Selenskyj wurde die Führung ausgewechselt. Der Großvater des neuen Präsidenten hatte für die Rote Armee gekämpft.

Belarus

Während Moskau seine traditionelle Parade zum 9. Mai verschiebt, hält Präsident Alexander Lukaschenko an seiner Militärschau in Belarus - ehemals Weißrussland - fest. Das Land zwischen dem heutigen Polen und Russland hat im Zweiten Weltkrieg ähnlich wie die Ukraine extrem gelitten. Die Bevölkerung der früheren Sowjetrepublik ist durch den Krieg um ein Drittel geschrumpft. Insgesamt haben drei Millionen Einwohner ihr Leben verloren.

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Staatschef Lukaschenko hat in der Vergangenheit auch schon mit seinem jüngsten Sohn die Parade abgenommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Lukaschenko, der das Coronavirus mehrfach als "Psychose" bezeichnet hat, hält auch deswegen eine Absage oder Vertagung für undenkbar. "Wir können die Parade einfach nicht absagen. Ich habe viel darüber nachgedacht. Das ist eine emotionale und zutiefst ideologische Sache", sagte er.

In Belarus sind bisher fast keine Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie angeordnet worden. Die Fußball-Meisterschaft wird nach wie vor ausgetragen, und zwar in Stadien mit Zuschauern. Es ist die einzige noch spielende Fußball-Liga Europas.

"Es wird niemand gezwungen, zur Parade zu kommen. Aber es gibt Tausende Menschen, die gerne eine Parade hätten", sagt der seit 1994 regierende Lukaschenko, der sich vermutlich im August erneut zur Wahl stellen will. Eine Parade sei den Virologen zufolge keine allzu gefährliche Veranstaltung, sagte er weiter. Das sieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwartungsgemäß anders. "Wir sind sehr besorgt wegen der möglichen negativen Folgen. Vor allem die Teilnahme der älteren Menschen sorgt für besondere Aufregung", sagte ein WHO-Vertreter in Minsk.

Lukaschenko rief sogar die Staatschefs der ehemaligen Sowjetunion-Republiken auf, die Parade in Minsk zu besuchen. Diese soll nach seinem Willen zudem unbedingt im russischen Staatsfernsehen übertragen werden. Immerhin seien 90 Prozent der Russen zufrieden, dass die Parade zumindest in Belarus stattfindet, sagt er.

Quelle: ntv.de