Politik
Kann reden ein Tabu sein? Gysi, Bosbach und Lucke.
Kann reden ein Tabu sein? Gysi, Bosbach und Lucke.(Foto: dpa)
Freitag, 27. Juni 2014

Lucke und Bosbach ganz harmonisch: Der verbotene Talk

Von Issio Ehrich

Der CDU-Politiker Bosbach diskutiert mit AfD-Chef Lucke. Dabei sollte doch genau so etwas nicht passieren. Macht Bosbach die Konkurrenz salonfähig?

Wolfgang Bosbach bricht das Tabu. Am Tag des deutschen Familienunternehmens in Berlin sitzt der CDU-Politiker auf dem Podium neben Bernd Lucke, dem Mann der die AfD verkörpert. Soweit hätte es nicht kommen sollen.

Es ist kaum einen Monat her, da sprach sich Unionsfraktionschef Volker Kauder in einem Interview mit der "Welt" gegen Auftritte mit Politikern der Alternative für Deutschland aus. "Mit denen möchte ich nicht in Talkshows sitzen", sagte er. Und er fügte hinzu, dass das CDU-Präsidium beschlossen habe, dass es "aus guten Gründen" keinerlei Zusammenarbeit mit der Truppe von Lucke gebe. Und jetzt das.

Es geht um die Zukunft der Europäischen Union. Der CDU-Politiker sagt: "Es gibt Bereiche, da würde der EU mehr Integration gut tun." Als Beispiel nennt er die Asylpolitik: "Wie kommen wir zu einer wirklich gerechten Leistungsverteilung? Es gibt große Staaten, die halten sich sehr vornehm zurück." Bosbach macht allerdings auch klar, wo für ihn die Grenzen europäischer Integration liegen: "Eine Frage müssen wir in dieser Wahlperiode beantworten: Was soll die EU am Ende sein? Wollen wir ein Staatenbund bleiben? Oder wollen wir ein Bundesstaat werden?" Bosbachs Antwort heißt: "Ich persönlich bin für einen Staatenbund." Nicht alles sei besser, schöner und fantastischer, nur weil es in Brüssel gebündelt wird.

Die Sätze von Lucke klingen sehr ähnlich: Es gebe viele sinnvolle Bereiche für eine europäische Zusammenarbeit, sagt er. "Aber gleichzeitig zieht die EU Dinge an sich, von der ich und meine Partei denken, dass sie besser bei den Mitgliedstaaten aufgehoben sind."

Der Feind sitzt links

Die Diskussion erweckt den Anschein, als gäbe es keine unüberbrückbaren Konflikte zwischen CDU und AfD. Bosbach und Lucke fallen sich nicht ins Wort, sie greifen einander nicht an. Es fallen sogar Sätze wie dieser: "Zumindest nach meiner Auffassung und der Auffassung von Herrn Bosbach soll die EU kein Staatenbund werden."

Streit gibt es nur, weil noch ein dritter Redner auf dem Podium sitzt: Linken-Fraktionschef Gregor Gysi. Der fordert so etwas wie einen Marshallplan für die EU, ein weitreichendes Aufbauprojekt. Von einem derartigen Master-Plan halten Bosbach und Lucke wenig:  Sie antworten mit Worten wie "Hybris" und warnen vor "planwirtschaftlichen" Elementen. Welche Worte von wem kommen, ist da fast schon egal. Auf dem Tag des Familienunternehmens bildet sich eine schwarz-blaue Koalition gegen Links. Zumindest nutzen weder Bosbach noch Lucke die Gelegenheit, sich voneinander abzugrenzen.

Erinnerungen an die Republikaner

Ist das Kauders Albtraum? Entsteht so nicht der Eindruck für den Unions-Wähler, dass auch die Truppe von Lucke durchaus wählbar ist, vielleicht sogar die bessere Wahl? Macht Bosbach die AfD salonfähig, weil er sich in einer kultivierten Diskussion mit ihr auseinandersetzt?

Kauder hatte in dem Interview, in dem er gemeinsame Auftritte mit der AfD verbrämte, gesagt: "Ich war Generalsekretär der CDU in Baden-Württemberg, als Mitte der 90er-Jahre die Republikaner in den Landtag eingezogen sind. Ich habe damals großen Wert darauf gelegt, sie in keiner Weise aufzuwerten." Die Rechtsradikalen seien nach zwei Legislaturperioden wieder aus dem Landtag geflogen, weil die CDU ihre Politik vermittelt habe, und sich "nicht mit den Republikanern abgegeben" habe. Elimination durch Missachtung.

Bosbach vertritt da eine ganz andere Strategie und begründet damit auch seinen Auftritt mit Lucke: Die Union solle den Eindruck vermeiden, eine sachliche Debatte mit der AfD zu scheuen, sagt er.

Wer hat Recht? Vielleicht ist die entscheidende Frage eher: Wenn Kauder das Tabu gar nicht erst geschaffen hätte - hätte sich dann überhaupt jemand für den Auftritt eines ohnehin als eurokritisch geltenden CDU-Politkers mit einem AfD-Mann interessiert?

Quelle: n-tv.de