Politik

Zum Tod Margaret Thatchers Die Lady mit der Betonfrisur

32851000C2680A64.jpg5948176323286032725.jpg

Thatcher hat Großbritannien geprägt.

(Foto: AP)

Dement und krank: Margaret Thatcher war schon lange aus der Öffentlichkeit verschwunden. Ihr Tod mit 87 Jahren wirft nun aber nochmal ein Licht auf die bewegten 80er-Jahre, die nicht nur für Großbritannien, sondern für ganz Europa weichenstellend waren. Dass sie einen weltweit bekannten Spitznamen hatte, zeigt, was für ein Schwergewicht sie war.

Es hat sich seit geraumer Zeit etwas zusammengebraut im politischen London, am 22. November 1990 kommt es zum Showdown: Die seit mehr als elf Jahren amtierende Premierministerin Margaret Thatcher - für britische Verhältnisse ist das eine sehr lange Zeit - erklärt ihren Rücktritt. So trist wie das Londoner Spätherbstwetter ist auch die Stimmung bei der "Eisernen Lady". Sie wirkt bei ihrem Auszug aus Number 10 Downing Street gar nicht mehr eisern. Als Thatcher ins Auto steigt, hat sie Tränen in den Augen. Sie weiß, dass ihre Zeit als politische Gestalterin des Vereinigten Königreichs abgelaufen ist.

Thatcher hadert mit ihren Konservativen, denn die Premierministerin hat keine Parlamentswahl verloren. Ihre eigene Partei hat sich von Margaret Thatcher abgewendet, ihre langjährigen politischen Freunde wollen die zuletzt starrsinnig Gewordene nicht mehr als Parteichefin. Michael Heseltine, auch "Tarzan" genannt, hat ihr den Tory-Vorsitz streitig gemacht - das politische Todesurteil für die unbeugsame Kämpferin. Heseltine wird zwar nicht Parteichef, sondern der eher farblose John Major. Aber die stolze Lady bringt er gemeinsam mit der Männerriege zu Fall. Thatchers geplante Kopfsteuer, bei der jeder Steuerpflichtige den gleichen absoluten Betrag ohne Berücksichtigung persönlicher Verhältnisse wie Einkommen zahlt, bringt das Fass nur noch zum Überlaufen. Mit der Frau kann die nächste Unterhauswahl nicht mehr gewonnen werden, ist der Tenor bei den Konservativen. Die Dame mit der berühmten Betonfrisur muss weg - und zwar sofort.

2013-04-08T153751Z_01_LON002_RTRMDNP_3_BRITAIN-THATCHER.JPG5334509787655619810.jpg

Halbmast in London, Trauer in ganz England.

(Foto: REUTERS)

Preis war hoch

Und die Rache der Untergebenen ist grausam. Jahrelang sind sie von der Dame aus Grantham/Lincolnshire geschulmeistert worden. Aus der Tasche gezückte kleine Fragezettel brachten so manchen Minister ins Schwitzen. Die an ihrem Arm baumelnde Handtasche war eine schreckliche Waffe der Premierministerin Ihrer Majestät. Nun drehen die Untergebenen - viele von ihnen sind durch Thatcher gefördert, aber immer auf Distanz gehalten worden - den Spieß um und schicken sie für immer auf das Altenteil. Als Baroness Thatcher of Kesteven im Oberhaus ist sie nicht mehr gefährlich. Die folgenden Jahre unter dem Langweiler Major sind gemütlicher. Kein Wunder, denn Thatchers schmerzhafte Reformen im ökonomischen und sozialen Bereich sind verwirklicht beziehungsweise in die Wege geleitet. Die Tories bleiben immerhin noch bis 1997 an der Macht.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Großbritannien unter Margaret Thatcher stärker geworden ist. Dafür wird die Lady von den daraus Profitierenden geliebt und verehrt. Allerdings war der Preis ein hoher: Viele Industriebetriebe werden plattgemacht. Der Mittelstand bricht regelrecht weg. Das hat vor allem in den ersten Jahren nach Thatchers Amtsantritt am 4. Mai 1979 eine steigende Arbeitslosenzahl zur Folge. Viele Menschen, vor allem Bergarbeiter, verlieren ihren Job. Sie und ihre Nachkommen hassen Thatcher. Die Premierministerin übersteht den langen Streik der Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM), die unter ihrem Chef Arthur Scargill gegen die sparwütige Krämerstochter aufbegehrt. Die NUM-Streikkasse ist nach monatelangem Ausstand leer, die Streikgelder fließen nicht mehr. Scargill mutiert zum geprügelten Hund. Die triumphierende Lady schlägt dagegen zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits zwingt sie die NUM in die Knie, andererseits verringert sich der Einfluss der bis dahin mächtigen britischen Gewerkschaften beträchtlich.

Da flogen die Schuhe

Und der zweite Umstand erleichterte Thatcher das weitere Regieren. Mitte der 1980er Jahre siegt der "Thatcherismus" auf der Insel. Deregulierung allerorten, Staatsbetriebe werden privatisiert. London wird auf neoliberale Thatcher-Art fit für die Zukunft gemacht - Finanzindustrie heißt das Zauberwort. Die Metropole an der Themse entwickelt sich zu einem der wichtigsten Finanzplätze der Welt, allerdings wird auch der Stellenwert der Realwirtschaft geringer. Thatcher beseitigt sämtliche Hürden, es kann nun kräftig gezockt werden. London vereint immer mehr Geld auf sich. Das finden auch Thatchers Amtsnachfolger, sowohl blauer als auch roter Couleur, toll. Die Londoner City wird mit Zähnen und Klauen gegen kontinentale Attacken verteidigt.

3az33543.jpg7290986734891614825.jpg

Thatcher mit Helmut Kohl - keine große Liebe.

(Foto: dpa)

Thatcher ist keine Europa-Freundin. Die EG-Gipfeltreffen, die zu ihrer Zeit mit noch mehr Pomp abgehalten werden, sind ihr ein Graus. "Balance of power" ist die seit Jahrhunderten gängige britische Politik. Keiner darf zu stark werden - nicht die Franzosen und schon gar nicht die Deutschen. Mit Westdeutschland kommt Thatcher noch einigermaßen zurecht. Aber als Bundeskanzler Helmut Kohl die deutsche Wiedervereinigung angeht, gibt sie jegliche Zurückhaltung auf: "Zweimal haben wir sie geschlagen, und sie sind wieder da", seufzt die Regierungschefin Ende 1989.

Dazu kommt, dass sie nicht viel von Kohl hält. "Er ist sooo deutsch", sagt Thatcher nach einem Bonn-Besuch im Flugzeug und feuert dabei die Schuhe von sich. Allerdings kann auch Margaret Thatcher – sie hat ihr Deutschland-Bild von 1942/43 nicht mehr korrigiert - den deutschen Zug nicht aufhalten. Ihr US-amerikanischer Freund George Bush ignoriert ihre nationalen Bedenken. Wenigstens hat sie 1984 den Briten-Rabatt noch herausschlagen können. "I want my money back", zeterte sie auf dem EG-Gipfel. Kohl, Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand und die anderen Staats- und Regierungschefs gaben gegenüber der Londoner Nervensäge nach. Der Rabatt sorgt bis zum heutigen Tag für europäischen Zündstoff.

Außenpolitisch ist mit Margaret Thatcher nicht zu spaßen. Diese Erfahrung macht die argentinische Militärjunta 1982 im Falkland-Krieg. Die Intervention der Südamerikaner beantwortet Thatcher mit rigorosem militärischem Vorgehen. Mit Rückendeckung durch US-Präsident Ronald Reagan, einer der wenigen mit ihr befreundeten ausländischen Politiker, verjagen britische Truppen die Argentinier. Über Port Stanley weht wieder der Union Jack, Thatcher erfährt erstmals in ihrer Heimat große Zustimmung.

Ihr ganzes Leben lang bekämpft Thatcher den Kommunismus. Mit KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow diskutiert sie stundenlang und wirbt für den Kapitalismus. Bekehren kann sie den Kreml-Chef nicht. Aber Thatcher erkennt als erste Spitzenpolitikerin, dass Gorbatschow anders ist als seine greisen Vorgänger. "Mit diesem Mann kann man Geschäfte machen", sagte sie bereits vor Gorbatschows Machtantritt im März 1985. Sie behält auch mit ihrer Vorhersage Recht, dass der Kommunismus nicht reformierbar ist.

Die letzten Lebensjahre sind schwere für Margaret Thatcher. Gesundheitlich schwer angeschlagen, lebt sie zurückgezogen. Mehrere Schlaganfälle, Demenz - von der ehemals starken Frau gibt es keine Ratschläge mehr. Es ist auch vielleicht besser so, denn Großbritannien durchlebt wieder eine schwere Zeit. Thatcher-Enkel David Cameron spart rigide, denn die Finanzkrise hat UK besonders heftig getroffen. Es sind auch die Nachwehen der Politik der Margaret Thatcher. Während sich der derzeitige Premier damit herumschlägt und Engländern, Walisern, Schotten und Nordiren viel zumutet, ist sein politisches Vorbild von den körperlichen Qualen erlöst worden.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema