Präsident zeigt totes Kind Dieses Bild ist unerträglich - warum tut Selenskyj uns das an?
Ein Kommentar von Uladzimir Zhyhachou
Meldungen über Tote nach russischen Angriffen interessieren im Westen kaum noch jemanden. Selenskyj weiß das - und teilt ein Foto, das man nicht wegscrollen kann: ein totes Mädchen in einem Kinderwagen. Pietätlos? Kann sein. Warum es trotzdem richtig ist.
Ein kleines Mädchen sitzt tot in einem Kinderwagen - dieses schreckliche Bild hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am vergangenen Montag in sozialen Netzwerken geteilt. Das Kind wurde bei einem russischen Drohnenangriff auf einen Park in der Region Charkiw getötet. "Ihr Name war Angelina, sie war etwas älter als ein Jahr und wurde im August 2025 geboren", schrieb Selenskyj dazu. In den mehr als viereinhalb Jahren seit Beginn der russischen Großinvasion hat die Welt viele Bilder von Tod und Zerstörung gesehen. Doch dieses Foto dürfte vielen unter die Haut gehen.
Das eigene Kind im Kinderwagen - Hunderte solcher Bilder haben Väter und Mütter auf ihren Handys gespeichert, in der Ukraine genauso wie in Deutschland oder Brasilien. Wer Selenskyjs Foto sieht, erkennt deshalb zunächst etwas Alltägliches wieder. Erst beim genaueren Hinsehen wird klar, was dieses Bild so unerträglich macht: Das Mädchen im Kinderwagen ist tot. Aus einem vertrauten Motiv wird ein Albtraum. Der Tod des eigenen Kindes ist für die meisten Eltern die schrecklichste Vorstellung überhaupt. Angelinas Mutter wird mit diesem Albtraum nicht leben. Auch sie wurde bei dem Angriff getötet, ebenso wie vier weitere Menschen.
Man könnte meinen, ein solches Bild zu posten sei geschmacklos und verstoße gegen ethische Normen. Man könnte sagen, das Foto der toten Einjährigen auf dem Profil des ukrainischen Präsidenten gehe über die normale Berichterstattung hinaus und diene nur dazu, beim Publikum möglichst starke Emotionen auszulösen. Und doch: Den Ukrainern, die solche Bilder jeden Tag sehen - oft genug mit eigenen Augen -, so etwas vorzuwerfen, wäre ungefähr so, als würde man einem Ertrinkenden vorwerfen, er spritze zu viel.
Ja, das Bild löst starke Emotionen aus, und das ist auch gut so. Das soll es. Denn anders lassen sich viele Menschen im Westen offenbar nicht mehr erreichen, in den Ländern, deren Hilfe für die Ukraine existenziell ist. Nach all den Jahren ist man abgestumpft, und das ist genau das, was Putin will. So kann er weiter ukrainische Zivilisten töten, während immer weniger Menschen hinsehen. Meldungen über Opfer der Luftangriffe liest fast niemand mehr. Damit ein Text über die Ukraine auf großes Publikumsinteresse stößt, muss er inzwischen etwas Schockierendes enthalten oder Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende vermitteln - was auch zeigt, wie groß die Sehnsucht nach einem Ende dieses Krieges ist.
Über den Angriff auf den Park in Nowa Wodolaha, bei dem Angelina, ihre Mutter und vier weitere Menschen starben, gab es auch bei ntv.de nur einen Eintrag im Ukraine-Ticker. Auch in anderen deutschen Medien fand der Angriff nur begrenzt Beachtung.
Im Osten nichts Neues
Nicht nur in der Ukraine haben die Menschen den Krieg satt, auch in Deutschland ist das so - auch wenn man diese beiden Formen von "Kriegsmüdigkeit" nicht einmal ansatzweise miteinander vergleichen kann. Klar, solche Meldungen sind nichts Neues. Warum soll man sie lesen, jeden Tag dasselbe? In all den Jahren ist viel Schlimmes passiert, nicht nur in der Ukraine: Israel, Gaza, Iran. Eine Flut an schrecklichen Bildern. Man gewöhnt sich an alles. Und Benzinpreise, Rentenreform und gestiegene Lebensmittelpreise sind viel näher dran am eigenen Alltag als die abstrakten "Dutzende Tote bei Angriffen in der Ukraine".
Deswegen solche Bilder, die unter die Haut gehen und zeigen: Es war ein Kind, wie man es auf jedem Spielplatz auch in Deutschland treffen könnte. Klar, wenn der ukrainische Präsident es postet, steckt politisches Kalkül dahinter. Das Foto soll auf die Gefühle der Menschen wirken. Aber anders geht es offenbar nicht mehr. Damit man nicht abstumpft.
Das Foto teilt Selenskyj in Tagen, in denen immer unsicherer wird, auf welche Unterstützung aus den USA sich die Ukraine noch verlassen kann. Umso wichtiger ist es für ihn, die Menschen im Westen zu erreichen.
Die Russen "haben nicht viel gemacht"? Oh doch!
Und dann sagt Trump auch noch, am selben Tag, nur wenige Stunden nach dem Angriff, Russland habe sich in der Ukraine "fine" verhalten: "Sie haben nicht viel gemacht." In sozialen Netzwerken reagieren die Ukrainer darauf mit Collagen, die Trumps Zitat mit Bildern dessen verbinden, was die Russen angerichtet haben. Da ist das Foto der toten Angelina dabei, aber auch dem Erdboden gleichgemachte Städte, Bilder von Leichen, die nach einem russischen Angriff auf der Straße liegen, und von einem Vater, der bei der Beerdigung seines Kindes einen winzigen Sarg auf den Armen hält und hin und her wiegt.
Trumps Druck soll die Ukraine in einen Diktatfrieden zwingen, eine Kapitulation. Doch wozu die Kapitulation führen würde, wogegen die Ukraine kämpft, zeigen solche Bilder.