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Auch ohne Astrazeneca "Durchimpfung bis Ende Juli ist möglich"

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Mehr als 22 Millionen Menschen wurden in Deutschland bereits mindestens einmal geimpft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vor einigen Wochen hat der Ökonom Sebastian Dullien errechnet, wie schnell in Deutschland geimpft werden müsste, damit bis Juli alle impfwilligen Erwachsenen vollständig geimpft sind. Die Praxis zeige, "dass es funktionieren kann und wahrscheinlich auch wird".

ntv.de: In einer Projektion für das IMK haben Sie und Ihr Co-Autor Andrew Watt im März geschrieben, bis in den April dürfte vor allem die Menge der Impfstofflieferungen der wichtigste begrenzende Faktor sein. Heißt das im Umkehrschluss, ab jetzt hängt der Impferfolg in Deutschland vor allem von der Logistik ab?

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Sebastian Dullien ist Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf.

(Foto: picture-alliance)

Sebastian Dullien: Zunächst muss man sehen, dass die Zahl der gelieferten Dosen sich im April erhöht hat. Das dürfte sich im Mai wiederholen. Im April ist die Logistik ganz gut mitgekommen. Damals haben wir vorgerechnet, dass man täglich rund 700.000 Impfungen braucht, um bis Ende Juli 2021 alle impfwilligen Erwachsenen in Deutschland vollständig zu impfen. Die vergangenen zwei Wochen haben gezeigt, dass das durchaus möglich ist. Es gab einige Tage, an denen wir mehr als 700.000 Impfungen hatten, am Mittwoch gab es erstmals mehr als eine Million Impfungen. Insofern: Die Logistik ist schwierig, aber man sieht, dass es funktionieren kann und wahrscheinlich auch wird.

Hat denn Ihre Prognose Bestand, dass die erwachsenen Impfwilligen in Deutschland bis Ende Juli durchgeimpft sein werden?

Grundsätzlich ja, aber dabei sind drei Aspekte zu beachten. Erstens Liefermengen und Logistik: Ist bis dahin genug Impfstoff da und bekommt man ihn in die Arme der Menschen? Da würde ich sagen, dass der Pfad bis Ende Juli noch immer realistisch ist. Wir haben damals auch gesagt, wenn alles immer sofort verimpft würde, ginge es noch etwas schneller. Zweitens die Impfabstände: Seit unserer Studie ist die Empfehlung dazu verändert worden, bei Astrazeneca werden inzwischen zwölf Wochen Impfabstand empfohlen. Das bedeutet, dass die Leute, die ab Mai geimpft werden, bis Ende Juli nicht die zweite Dosis haben werden. Und schließlich könnte es eine weitere Veränderung geben, wenn ab Juni Kinder ab 12 Jahren geimpft werden können und eventuell Kinder den Erwachsenen vorgezogen werden. Das war in unserer Projektion noch nicht enthalten.

Mit Astrazeneca gibt es Probleme sowohl was den Ruf des Impfstoffs angeht als auch bei den Lieferzusagen. Könnte Deutschland das von Ihnen errechnete Impfziel auch ohne Astrazeneca schaffen?

Astrazeneca ist für die Impfkampagne inzwischen nur noch von untergeordneter Bedeutung. Das liegt daran, dass der Hersteller wesentlich weniger geliefert hat. Gleichzeitig liefert Biontech deutlich mehr. Das Ziel wäre deshalb auch ohne Astrazeneca zu erreichen. Allerdings darf man die Probleme mit Astrazeneca auch nicht überbewerten. Die gelieferten Dosen sind relativ gut verimpft worden. Es ist nicht so, dass davon besonders viele Dosen in den Regalen geblieben wären, zeitweise gab es eine Verimpfung von mehr als 80 Prozent, deutlich mehr als etwa beim Impfstoff von Moderna. Es scheint eine ganze Reihe von Leuten zu geben, die bereit sind, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen.

Warum beschäftigen Sie als Ökonom sich eigentlich mit dem Thema Impfen?

Für unsere Konjunkturprognose brauchten wir eine Perspektive, wie der Impffortschritt vorankommt. Darum haben wir die Daten gesammelt und dabei festgestellt, dass kaum jemand das gerade so systematisch macht. Deshalb haben wir das dann auch aufgeschrieben.

Häufig heißt es, durch die Beteiligung der Ärzte am Impfprozess sei die Geschwindigkeit erhöht worden. Ist das so?

Der Impfprozess hat sich vor allem beschleunigt, weil jetzt mehr Impfstoff da ist. Aber für die Impfkampagne sind die Ärzte durchaus wichtig. Am Mittwoch etwa wurden 730.000 Impfungen in den Arztpraxen durchgeführt, der Rest in den Impfzentren. Die Zahl der Impfungen, die wir wöchentlich erreichen müssen, sind alleine mit den Impfzentren nicht möglich. Deshalb ist die Doppelstruktur wichtig.

Wie sinnvoll oder hemmend ist die Priorisierung?

Derzeit bekommen wir zwischen vier und fünf Millionen Impfdosen pro Woche geliefert, aber sehr viel mehr Menschen wollen geimpft werden; wir gehen von mehr als 50 Millionen impfwilligen Erwachsenen aus. Wenn jetzt sofort alle Leute geimpft werden dürften, würden die Hausarztpraxen mit Anfragen überrannt - in den Bundesländern, die Astrazeneca freigegeben haben, passiert das ja schon.

Die Priorisierung wird schon jetzt vielfach unterlaufen, bald kennt vermutlich jeder jemanden, der unter 60 und gesund ist, aber trotzdem schon geimpft wurde. Ab wann sollten die Impfstoffe aus Ihrer Sicht komplett freigegeben werden?

Man braucht eine Lösung, um die Nachfrage zu kanalisieren, und im Moment findet das nach inhaltlichen Kriterien statt. Für eine vollständige Freigabe sehe ich derzeit keinen wirklichen Vorteil. Einerseits würden dann zu viele Menschen bei den Arztpraxen nachfragen, andererseits bleiben dann die auf der Strecke, die eine Impfung dringender brauchen.

Halten Sie eine Einbindung von Sputnik V noch für sinnvoll?

Bislang hat der Impfstoff in der Europäischen Union keine Zulassung. Es dürfte also noch eine gewisse Zeit dauern, bis Sputnik V in Deutschland verimpft werden kann. Um das Impftempo in Deutschland bis Ende Juli relevant zu beschleunigen, müsste sehr bald eine größere Menge geliefert werden. Ob das realistisch ist, kann ich nicht abschätzen. Nach unserer Projektion haben wir bis Ende Juli genug Impfstoff für die deutsche Bevölkerung aus den bestehenden Lieferverträgen.

Im Gespräch mit der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europaparlament hat Bundeskanzlerin Angela Merkel neulich gesagt, es sei "echt nicht alles schiefgelaufen" bei der Impfstoffbeschaffung. Was hätte besser laufen können?

Am Anfang der Impfkampagne gab es relativ wenig Impfdosen - die Europäische Union ist schlechter beliefert worden als die USA, Israel und Großbritannien. Da sind Verträge offensichtlich nicht optimal abgeschlossen worden. Wir liegen etwa zwei Monate hinter Großbritannien zurück und etwa sechs Wochen hinter den USA. Das sind Zeiträume, in denen Todesfälle hätten verhindert werden können. Aber auch bei uns geht es mittlerweile gut voran beim Impfen.

Ist zu befürchten, dass die Politik nach der unmittelbaren Krise auf einmal überrascht feststellt, dass es eine dritte Impf-Runde geben muss, aber dafür keine Vorkehrungen getroffen wurden?

Mit Biontech wurden ja schon Lieferverträge geschlossen, um weitere Dosen zu kaufen. Da scheint mir die Europäische Union jetzt etwas mehr auf Zack zu sein als im vergangenen Jahr.

Haben Sie als Ökonom eine Position zu der Frage, ob und wie schnell Geimpfte wieder alles dürfen sollen?

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Ökonomisch gesehen gibt es keinen Grund, Geimpfte zu behandeln wie Ungeimpfte. Niemand hat etwas davon, wenn auch Geimpfte nicht ins Restaurant oder ins Kino gehen oder nicht reisen dürfen. Das erhöht nur den wirtschaftlichen Schaden. Es ist auch nicht sinnvoll, dass sich Geimpfte vor einem Laden weiterhin testen lassen müssen, denn das verbraucht Ressourcen. Ökonomisch ist die Frage klar. Was das allerdings politisch oder ethisch bedeutet, müssen andere beantworten.

Mit Sebastian Dullien sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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