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Interview mit Impfexperte Sander Wann macht sich der Impfeffekt bemerkbar?

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Bald können auch die 12- bis 18-Jährigen mit einer Impfung rechnen.

(Foto: dpa)

Die deutsche Impfkampagne macht große Fortschritte, mehr als ein Viertel der Menschen hat eine Erstimpfung. Charité-Impfstoffexperte Leif Erik Sander wagt einen Ausblick und macht Hoffnung: Ab etwa 50 Prozent dürfte es einen Effekt auf die Corona-Kennzahlen geben.

ntv: Wann, glauben Sie, wird die deutsche Bevölkerung ausreichend durch Impfungen geschützt sein?

Leif Erik Sander: Zunächst mal ist es sehr positiv, dass das Tempo weiter anzieht, da waren wir am Anfang nicht schnell genug. Das lag daran, dass es gar nicht so viel Impfstoff gab. Jetzt ist auch die Logistik verbessert worden. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte impfen mit, hoffentlich bald auch die Betriebsmediziner, sodass es wirklich schneller geht und man auch schneller in die Breite kommt. Es wird aber immer eine Gruppe von Menschen geben, die vielleicht erstmal abwartend ist und aus diesem oder jenem Grund sich nicht impfen lässt. Es kann auch durchaus sein, dass es jetzt bei den über 80-Jährigen Leute gibt, die das erstmal nicht wollen oder die wir nicht erreicht haben. Die müssen wir jetzt mitnehmen.

Wann, würden Sie sagen, ist eine Herdenimmunität hergestellt?

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Leif Erik Sander ist Infektiologe an der Berliner Charité. Er leitet die Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung.

(Foto: ntv)

Eine ganz exakte Zahl benennen kann niemand. Wir können aber nach Israel schauen, zum Beispiel, und dort sieht man, dass es etwa mit dem Erreichen von circa 50 Prozent durch Impfung einen spürbaren Effekt auf die Zahlen gibt. Das erreichen wir hoffentlich im Sommer. Wir sehen jetzt schon auf den Intensivstationen einen leichten Effekt, weil wir so viele von den alten Menschen schon impfen konnten, dass wir weniger ganz schwere Fälle haben. Wir haben immer noch sehr, sehr viele, aber die eher aus jüngeren Gruppen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn die Älteren ungeimpft wären.

Werden wir uns weiter impfen müssen, mit Dritt- und Auffrischimpfungen?

Nein. Wenn wir weite Teile der Bevölkerung, also 60 bis 70 Prozent, geimpft haben, dann sind wir erstmal über den Berg. Dann kann es sein, dass wir bestimmte Gruppen in der Bevölkerung nochmal auffrischen müssen. Ich kann mir vorstellen, zum Beispiel bei ganz alten Menschen, dass die nochmal eine Auffrischung brauchen. Dann kann es auch sein, dass wir es mit Virusvarianten zu tun haben, die sich schlechter durch die Impfung hemmen lassen. Die werden nicht zu denselben schlimmen Krankheitsbildern führen, die wir bis jetzt sehen, dass wir vielleicht auch alle im Verlauf nochmal eine Auffrischungsimpfung brauchen. Aber das heißt nicht, dass wir alle auf einmal auf null zurückgehen und die Pandemie wieder anfängt.

Wird die Impfung für die Kinder eine modifizierte Version des Impfstoffs sein oder bekommen sie den gleichen Impfstoff wie Erwachsene?

Die Kinder bekommen genau den gleichen Impfstoff und je nachdem, wie alt die Kinder sind, wird man eine geringere Dosis verwenden, weil man einfach sehen wird, dass weniger ausreicht. Die wiegen ja auch nicht so viel, und es verteilt sich in einem kleineren Körper. Das Immunsystem von Kindern reagiert auch sehr gut auf die Impfung, das haben auch schon die ersten Mitteilungen, auch von Biontech, gezeigt. Da braucht man keinen komplett neuen Impfstoff herzustellen, sondern man muss die Zulassung ausweiten, gegebenenfalls mit einer angepassten Dosierung. Und dann kann das irgendwann, wenn es tatsächlich im Sommer schon zu einer Zulassung kommt, langsam losgehen. Man würde aber erst mit den älteren Kindern beginnen, bevor man dann langsam auch die jüngeren Kinder impfen könnte.

Viele Menschen, die ihre Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten haben, aber unter 60 sind, sollen nun mit einem anderen Impfstoff zweitgeimpft werden. Viele Menschen machen sich Sorgen über die Wirksamkeit und die Sicherheit dieser Kreuzimpfung. Ist das berechtigt?

Ich glaube, das wird gut funktionieren, das wird eher die Immunantwort verstärken, und das sind Erkenntnisse, die haben wir schon ganz lange. Wenn Sie dasselbe Vektorvirus, das in der Astrazeneca-Impfung ist, ein zweites Mal geben, kann es nicht so gut wirken wie beim ersten Mal. Wenn Sie aber eine andere Impfung verabreichen, kann diese dann umso besser wirken. Ich erwarte mir, dass Menschen, die jetzt schon einmal mit Astrazeneca geimpft sind und beim zweiten Mal eine mRNA-Impfung bekommen, das gut vertragen werden. Und dass das weniger riskant sein wird, als wenn sie ein zweites Mal Astrazeneca bekommen. Auch das ist mit einem geringen Risiko verbunden, aber nichtsdestotrotz ist die Sicherheit besser mit einem mRNA-Impfstoff.

Hirnvenenthrombosen nach Astrazeneca-Impfungen sind sehr, sehr selten. Es gibt viele Medikamente mit ähnlich seltenen Nebenwirkungen, die aber uneingeschränkt zugelassen sind. Sind wir da vielleicht etwas streng mit dem Astrazeneca-Impfstoff umgegangen?

Es ist sicherlich so, dass kaum ein Impfstoff so genau unter die Lupe genommen wird wie jetzt die neuen Covid-Impfstoffe. Das ist auch gut so, weil wir die gesamte Bevölkerung auf der ganzen Welt impfen wollen, um diese Pandemie beenden zu können. Sicher ist es gut, dass wir da genau hinschauen. Und es gibt eben ein Risiko, und das sind schwerwiegende Folgen, die treten sehr, sehr selten auf, aber wenn sie auftreten, dann sind sie schwerwiegend. Und wir haben jetzt die Situation, dass wir eine Alternative haben, bei der das klar nicht der Fall ist. Und dann fällt es glaube ich schwer, für Ärzte und Behörden, die etwas empfehlen müssen, Gremien wie die STIKO, dann nicht die Alternative zu empfehlen, bei der das eben nicht der Fall ist. Im Einzelfall kann man sich immer anders entscheiden. Es kann auch sein, dass Sie den mRNA-Impfstoff nicht vertragen, weil Sie vielleicht eine der Personen sind, die seltene Allergien haben. Dann steht Ihnen eben auch noch der Vektorimpfstoff zur Verfügung.

Mit Leif Erik Sander sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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