Politik

"Ich glaube, das ist euer Mann" Eichmann vor 50 Jahren angeklagt

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Der Angeklagte Adolf Eichmann während seiner Vernehmung am ersten Prozeßtag in Jerusalem (Archivfoto vom 11.04.1961).

(Foto: dpa)

Am 21. Februar 1961 wird in Israel Anklage gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann erhoben. Ein halbes Jahrhundert später bringt die Hebräische Universität in Jerusalem noch einmal alle zusammen: Jäger, Ermittler, Ankläger und Prozesszeugen.

Gabriel Bach wird seine erste Begegnung mit dem Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann nie vergessen. "Ich saß in meinem Büro und habe die Autobiografie von Rudolf Höss, dem Kommandant von Auschwitz, gelesen", erzählt er. Darin habe Höss beschrieben, wie er in dem Vernichtungslager Kinder in die Gaskammern gestoßen und sich später wegen seiner zittrigen Knie geschämt habe. Denn Obersturmbannführer Eichmann habe ihm erklärt, dass man Kinder zuerst umbringen müsse, weil sei entweder Rächer oder Keimzelle für die Wiedergeburt der Juden sein könnten.

"Also, es entbehrt nicht einer gewissen makabren Logik, aber zehn Minuten, nachdem ich das gelesen hatte, hat man mir gesagt: 'Eichmann will Sie sprechen.' Also, wie ich das gerade gelesen hatte und dann seine Schritte draußen hörte und er mir dann einen Meter entfernt gegenüber saß, war es nicht einfach, eine ruhige Miene zu behalten", sagt der heute 83-Jährige. Bach war im Eichmann-Prozess stellvertretender Ankläger. Er wurde in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) geboren. Seine Familie emigrierte 1940 von Amsterdam in das damalige Palästina.

Glaskasten schützt Eichmann

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Gabriel Bach (l) und Avraham Schalom kehren an den Ort des Prozesses zurück.

(Foto: dpa)

Gemeinsam mit anderen Zeitzeugen kehrt Bach ein halbes Jahrhundert später wieder ins "Haus des Volkes" zurück, dem damaligen Prozessort. Der rüstige Pensionär sitzt an nahezu gleicher Stelle, an der damals ein Glaskasten Eichmann schützte. Außer Bach ist unter anderem auch Ex-Agent Avraham Schalom gekommen, der zu einem siebenköpfigen Kommando gehörte, das Eichmann am 11. Mai 1960 in Buenos Aires festnahm. Einzig noch lebendes Mitglied der Crew, die den Kriegsverbrecher am 22. Mai 1960 nach Israel ausflog, ist Navigator Schaul Schaul.

Bach erinnert sich, wie er am 1. Februar 1961 Eichmann die Anklageschrift zustellen ließ und der sie ihm postwendend mit dem Vermerk zurückschickte: "Mit Vorbehalt, da des Hebräischen nicht mächtig." "Ich habe dieses Dokument noch zu Hause", sagt Bach. Er habe die sieben oder acht Seiten später ins Deutsche übersetzt.

Generalstaatsanwalt Gideon Hausner erhob dann am 21. Februar Anklage. Eichmann wurden unter anderem Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt. Der ehemalige SS-Sturmbannführer war mitverantwortlich für die Deportation und Ermordung von rund sechs Millionen Juden. Eichmann ist bis heute in Israel der einzige Angeklagte, der die Todesstrafe erhielt. Am 31. Mai 1962 wurde er gehängt.

Eichmann wird aus Argentinien geschmuggelt

Ex-Agent Schalom erzählt, wie nervenaufreibend die Zeit war, bis das siebenköpfige Kommando endlich Gewissheit hatte, den Richtigen in Buenos Aires geschnappt zu haben. Die Agenten hatten Anhaltspunkte wie Schuh-, Hut- und Kragengröße und fragten Eichmann gezielt. "Er hat alles beantwortet mit genauer deutscher Gründlichkeit. Und am Schluss haben wir ihn gefragt: Wie heißt du eigentlich? Und da hat er gesagt: Ricardo Klement. Und wir: nein, nein, nein. Wie heißt du wirklich? Und da hat er gesagt: Adolf Eichmann."

Die entscheidenden Tipps inklusive eines 20 Jahre alten Fotos habe der ehemalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gegeben, sagt der heute 83-Jährige. "Er hat uns sehr viel geholfen (...) Er hat uns gesagt: 'Ich glaube, das ist euer Mann'."

Zwischen Argentinien und Israel gab es seinerzeit kein Auslieferungsabkommen. Der entführte Eichmann musste also an Bord eines Flugzeuges aus dem Land geschmuggelt werden. Und der Flug endete als Zitterpartie, weil die Maschine in Dakar, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Senegal, zwischenlanden musste. "Die Entfernung zwischen Buenos Aires und Dakar beträgt ungefähr 7300 Kilometer. Und die Reichweite des Flugzeuges lag auch bei 7300 Kilometern. Es war eine ganz knappe Sache. Ein bisschen Gegenwind oder ein anderes Flugzeug auf der Landebahn, wir hätten nicht genug Treibstoff gehabt, um noch eine Runde zu drehen", erinnert sich der ehemalige Navigator Schaul.

Niemand kannte den Namen Eichmann

Die Besatzung habe nie zuvor den Namen Eichmann gehört, sagt der 79-Jährige. "Niemand von uns wusste, wer Eichmann war. Das ist wichtig, niemand! Drei Crew-Mitglieder sind Überlebende der Vernichtungslager gewesen. Aber sie kannten den Namen auch nicht."

Schaul erinnert sich noch an alle Einzelheiten seines wichtigsten Fluges im Leben: "An Bord des Flugzeuges, das Eichmann zurückbrachte, waren vielleicht 50 Personen (...) Er hatte Beruhigungsmittel bekommen. Ein Doktor war die ganze Zeit bei ihm. Es blieb immer die Frage, ob er im letzten Moment noch Gift nehmen kann, Zyankali oder so etwas, wie (der NS-Kriegsverbrecher) Hermann Göring." Nach Argentinien flog Schaul übrigens nie wieder - auf Anraten des israelischen Geheimdienstes.

Quelle: n-tv.de, Hans Dahne, dpa