Politik

Michelle Obamas Reise nach China Eine Kuscheltour mit Seitenhieben

Der Besuch von Amerikas First Lady samt Mutter und zwei Töchtern in China soll helfen, Spannungen zwischen den beiden Ländern abzubauen. Ganz ohne Spitzen verlief die Woche dann aber nicht.

Der Abschied wurde richtig kuschelig. Am letzten Tag ihrer einwöchigen Chinareise besuchte Präsidenten-Gattin Michelle Obama ein Zuchtgehege für Pandabären in der Provinz Sichuan. Die knuffigen Zeitgenossen haben jede Form der Aufmerksamkeit wahrlich bitter nötig. Ihre Spezies ist akut vom Aussterben bedroht. Obama rief mit ihrem Auftritt den Überlebenskampf der Pandas bei vielen Menschen zurück ins Gedächtnis. Das war gut, aber es war nur ein Randaspekt des Aufenthalts. Erstmals war eine First Lady der Vereinigten Staaten ohne ihren Ehemann in die Volksrepublik China gereist. Trotz des privaten Rahmens des Besuchs sendete Obama auch ein deutlich politisches Signal.

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Beim Tai Chi sah man Michelle Obama die Mühe an, sich in China einzufügen.

(Foto: imago/UPI Photo)

"Der Besuch soll dabei helfen, Spannungen zu lösen, die sich im Verhältnis zwischen den USA und China aufgebaut haben", sagt der politische Kolumnist und Buchautor Ding Dong. Die Krim-Krise, das Nordkorea-Problem, der Bürgerkrieg in Syrien, die angespannte Lage im Südchinesischen Meer - es gibt eine ganze Reihe von Kontroversen im Verhältnis der zwei größten Volkswirtschaften. Nach der jüngsten Enthüllung, dass die NSA auch chinesische Ministerien und den Telekommunikationskonzern Huawei ausspionierte, werden die Beziehungen wohl noch komplizierter. Die Chinesen sind sauer auf die Amerikaner, weil deren Geheimdienst überall seine Nase hereinsteckt, während Washington selbst jede Gelegenheit nutzt, um die Chinesen für Geheimnisklau aller Art öffentlich anzuprangern.

Nichts von alldem jedoch war die Sache von Michelle Obama. Sie machte einfach ein paar Tage Urlaub, so schien es zumindest vordergründig. Um den informellen Charakter ihrer Reise zu unterstreichen, hatte sie ihre 76 Jahre alte Mutter Marian und die beiden jugendlichen Töchter Malia und Sasha kurzerhand mitgebracht. "Wir sind's, die Obamas", lautete das Motto des Besuchs. Gemeinsam schlenderten die drei Generationen als vermeintlich ganz normale amerikanische Familie über die Große Mauer und die Verbotene Stadt in Peking und besuchten die Terrakottaarmee in Xi'an. Die Touristentour sollte vielleicht auch ein bisschen vergessen machen, dass Präsident Barack Obama die Volksrepublik seit dem Amtsantritt des neuen Staats- und Parteichefs Xi Jinping vor über einem Jahr bislang gemieden hat. Doch nicht jeder tut den Amerikanern diesen Gefallen. Der Blogger Wang Huayan etwa schreibt: "China ist kein dreijähriges Kind. Einfach die Gattin vorbeischicken und damit alle Probleme wegwischen: So einfach ist es nicht."

Wer ist die bessere First Lady?

Das bekam Michelle Obama schon zu spüren, als sie vergangene Woche in Peking landete. Ihr Tross wurde bei der Ankunft lediglich von einem Mitarbeiter des Außenministeriums abgeholt. Am Tag darauf überreichte ihr die Präsidentengattin Peng Liyuan beim allerersten Treffen der beiden Frauen eine Kalligrafie mit den Schriftzeichen für die Laute "hou de zai wu". Sinngemäß bedeutet das: Jemand mit hohen moralischen Ansprüchen sollte auch die Fähigkeit besitzen, Verantwortung zu tragen. Beobachter erkannten darin eine Anspielung auf kompromisslose amerikanische Außenpolitik in der Welt.

Im Internet kursierten Witze, dass Ausländer wegen ihres Akzents aus dem Terminus schnell ein "hao duo zhai wu" machen könnten - was wiederum so viel bedeutet wie schwer verschuldet zu sein, so wie es die Amerikaner bei den Chinesen sind. China ist durch den fortwährenden Kauf von US-Staatsanleihen der größte Gläubiger der USA. Doch Michelle Obama schlug zurück. Charmant lächelnd wünschte sie sich ein Abendessen in einem tibetischen Restaurant. In Tibet kommt es immer regelmäßig zu Selbstverbrennungen von Mönchen zum Zeichen des Protests gegen die chinesische Herrschaft. Der Fingerzeig war eindeutig.

Das Kennenlernen von Peng und Obama war in China neugierig erwartet worden. Erstmals hat das Land in der ehemaligen Schlagersängerin Peng eine eigene First Lady. Ihre Art sich zu kleiden, ihre Würde und Eleganz gelten bereits als stilbildend in der Volksrepublik. "Die USA haben Michelle Obama, dafür haben wir Peng Liyuan", verbreiteten Nutzer über ihre Miniblogs. Etwas belastet war das Verhältnis der beiden jedoch bereits im Vorfeld, weil Michelle Obama dem Staatsbesuch von Xi und seiner Frau in den USA im vergangenen Sommer aus familiären Gründen fernblieb. In China unkte man, dass die Amerikanerin vom Charisma ihres chinesischen Pendants so beeindruckt gewesen sei, dass sie die Begegnung damals scheute. Dass sich Peng jetzt nur einen Tag Zeit nahm, um Obama als Reiseführerin in Peking zur Seite zu stehen, werteten viele Chinesen als Retourkutsche. "Wenn sie gewollt hätte, dann hätte sie ganz leicht einen weiteren Tag in ihrem Terminkalender freimachen können", sagt Kolumnist Ding.

Stattdessen blieb nur noch Zeit für ein privates Abendessen, zu dem das chinesische Präsidentenpaar Michelle Obama und ihre Töchter eingeladen hatte. Was dort besprochen wurde, blieb im Kreis der Familien. Dem Ziel der Reise wird das Mahl genutzt haben: ein Signal aus dem Weißen Haus zu senden, dass nichts zwischen Amerikanern und Chinesen steht, was einen normalen Umgang miteinander unmöglich macht. Die Chinesen haben das Spiel mitgespielt - wenn auch mit ein paar Seitenhieben.

Quelle: ntv.de