Politik

Brasilianer sehen ihre Chance Fuck the Cup

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Einer von 300.000 Demonstranten in Rio de Janeiro.

(Foto: dpa)

Der Fußball werde "missbraucht", sagt Fifa-Präsident Blatter, weil die Brasilianer zu Hunderttausenden auf die Straße gehen. Dabei haben die allen Grund, ein besseres Leben einzufordern. Es geht dabei um mehr als um teure Fußballturniere.

Sechs Cent. Für die meisten Deutschen ist das keine Summe, nach der sie sich bücken würden. Und auch für die Brasilianer der großstädtischen Mittelschicht ist es keine Summe, die sie nicht zusätzlich aufbringen könnten, wenn sie mit dem Bus fahren. Den Brasilianern scheint es nun fast peinlich zu sein, dass eine Fahrpreiserhöhung um 20 Centavos, umgerechnet sechs Euro-Cent, der Auslöser für die Proteste war. Auf ihren Plakaten steht nun der Spruch "Es sind nicht die 20 Centavos".

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Die Proteste in Brasilien ziehen mittlerweile mindestens eine Million Menschen an. Im Bild: Demonstration in Rio de Janeiro.

(Foto: dpa)

Was ist es dann, das in der vergangenen Nacht mindestens eine Million Menschen auf die Straße brachte? Was löste die Demonstrationen aus, die von der Polizei mit Tränengas auseinandergeschossen werden und bei denen nun ein 18-Jähriger starb? In über 100 Städten gehen die Menschen auf die Straße, in der Hauptstadt stürmen sie auf das Außenministerium, an vielen Orten kämpfen sie gegen die Polizei. Der aktuell stattfindende Confed-Cup ist Anlass für Proteste, obwohl sich in Brasilien so viele für Fußball begeistern können. Der dazu passende Slogan auf Plakaten und Transparenten: "Fuck the Cup".

Das Problem ist die Korruption

Die Fahrpreiserhöhungen führten dazu, dass sich die Unzufriedenheit über die teuren Großveranstaltungen entladen konnte. Für die 2014 stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft zahlt Brasilien die unfassbare Summe von 11 Milliarden Euro ­- das ist fast das Dreifache von dem, was Deutschland 2006 ausgab. In Städten ohne Erst- oder Zweitligaverein entstanden Protzbauten, für die es nach dem Turnier kaum eine Verwendung geben wird. Der Grund lässt sich erahnen: In den Städten sitzen wohlhabende Unternehmer und Politiker, die sich den Status des WM-Austragungsortes erkauft haben - so vermuten es viele. Die Korruption ist ein Problem, das viele auch im Alltag deutlich zu spüren bekommen. Korruption nennen auch die Menschen auf der Straße oft als erstes, wenn sie gefragt werden, warum sie protestieren. Der Unmut über die teuren Stadien macht dieses Problem nun greifbar.

Die Proteste kamen so überraschend wie die auf dem Taksim-Platz im türkischen Istanbul. In beiden Fällen schaffte es keine Partei oder Gewerkschaft, die Unzufriedenheit in eine Bewegung zu formieren. Stattdessen läuft die Organisation dezentral, oft über Facebook-Seiten. Informationen, nicht selten auch falsche Gerüchte, können darüber verbreitet werden, ohne dass der Umweg über die klassischen Medien nötig ist. Die Proteste werden darüber schnell von einem Stadtviertel ins andere oder gleich in eine andere Region des Landes weitergetragen. Dass die Bewegung in der Türkei einen Einfluss auf Brasilien hatte, ist zumindest möglich.

Ein Test für die Regierung

Getragen wird die Bewegung nicht durch die Bewohner der Armenviertel, wie man es leicht vermuten könnte, sondern von einer gut vernetzten, jungen Mittelschicht. Sie messen ihre Situation nicht mehr an der Militärdiktatur, die bis 1985 bestand, sondern an der Situation in anderen Demokratien, die sie aus den Medien oder von Reisen kennen. Den Verkehrskollaps in den Städten, den Smog, die lähmende Korruption wollen sie nicht mehr hinnehmen. Brasilien hat es in den vergangenen Jahrzehnten vom Entwicklungs- zum Schwellenland gebracht. Die Menschen wollen von diesem Fortschritt profitieren.

Die Fifa spielt mal wieder eine unrühmliche Rolle: An der Situation der Demonstranten zeigt sie sich desinteressiert. Verbandschef Joseph Blatter wünscht sich, dass Politik und Fußball sauber voneinander getrennt werden. Zu Beginn des Confed-Cups hoffte er: "Der Fußball ist stärker als die Unzufriedenheit der Menschen. Wenn der Ball einmal rollt, werden die Menschen das verstehen." Dass die Brasilianer die Aufmerksamkeit für ihr Land nutzen, bezeichnete er als "Missbrauch" des Fußballs.

Für die Demokratie in Brasilien sind die Massenproteste ein Test: Wie reagiert die Staatsgewalt auf das eigene Volk, wenn es auf die Straße geht? In der vergangenen Nacht wurde wieder gemeldet, dass Polizisten mit Tränengas in friedliche Mengen schossen und damit Panik auslösten - ähnlich, wie in Istanbul. Das ist Grund zur Sorge. Doch immerhin: Anders als in Ankara und Istanbul versucht die Regierung nicht, die Proteste zu ignorieren. Die großen türkischen Fernsehsender berichten so gut wir gar nicht von Demonstrationen und Polizeigewalt und versuchen so, der Bewegung keinen Zulauf zu verschaffen. In Brasilien ist das anders: Der TV-Sender Globo unterbrach für eine Live-Schaltung sogar die Übertragung des Spiels zwischen Spanien und Tahiti.

Quelle: n-tv.de

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