Politik

Auch "Frauen und Kinder" Gaddafi ruft zu den Waffen

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Gaddafi ruft zur letzten Schlacht.

(Foto: REUTERS)

Der gestürzte Machthaber Gaddafi ruft die Bevölkerung zur alles entscheidenden Schlacht gegen die "fremden Mächte" in Libyen auf. Arabische Sender berichten, Gaddafis Versteck sei von Rebellen umstellt. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür nicht. Derweil fahren Mitglieder des Nationalen Übergangsrates in einem Triumphzug in Tripolis ein.

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Rebellen gehen in Tripolis gezielt gegen Scharfschützen vor, die sich auf den Dächern der Stadt verschanzt haben.

(Foto: REUTERS)

Libyens langjähriger Diktator Muammar al-Gaddafi hat die Bevölkerung erneut zum Widerstand gegen die Rebellen aufgerufen. Auch Frauen und Kinder sollten am Kampf teilnehmen, sagte Gaddafi nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira in einer kurzen Audiobotschaft. Diese sei von einem regimetreuen Sender ausgestrahlt worden. In der Botschaft habe Gaddafi seine Anhänger aufgerufen, all jene aus der Hauptstadt zu vertreiben, die Schande gebracht hätten. Die Imame in den Moscheen sollten die Jugend zum Heiligen Krieg gegen die Rebellen aufrufen. "Vernichtet sie (die Rebellen) schnell. Ihr seid die große Mehrheit", rief er. "Erlaubt den Ratten nicht, Tripolis an die Kolonialmächte zu übergeben."

Gaddafis Aufenthaltsort blieb derweil unbekannt. Viele seiner Gegner gingen davon aus, dass er sich irgendwo in der Zwei-Millionen-Metropole Tripolis versteckte. Aktuell toben heftige Gefechte um eine Wohnanlage, in der sich Gaddafi und möglicherweise auch seine Familie aufhalten könnte. Nach einem Bericht des Nachrichtensenders Al-Dschasira gibt es in der Stadt Gerüchte, Gaddafi sei von den Rebellen aufgespürt worden.

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Auf einer Zubringerstraße in Tripolis.

(Foto: dpa)

Auch anderen Orten des Landes machen Libyens Rebellen mit Hilfe der NATO Jagd auf Gaddafi. "Das Ende kommt erst, wenn er gefangen ist, tot oder lebendig", sagte der Chef des Übergangsrats der Rebellen, Mustafa Abdel Dschalil. Großbritanniens Verteidigungsminister Liam Fox sagte, die NATO versorge die Aufständischen mit Geheimdienstinformationen, um ihnen bei der Suche nach Gaddafi zu helfen.

Gaddafi mit Goldbarren unterwegs?

Nach Angaben seines früheren Zentralbankchefs Farhat Bengdara soll Gaddafi über Goldreserven in Milliardenhöhe verfügen und könnte diese einsetzen, um Chaos zu säen. Aus seiner Sicht könnte Gaddafi einen Teil des Goldes im Wert von insgesamt knapp sieben Milliarden Euro mit auf die Flucht genommen haben, auch um einige libysche Stämme und Milizen zu bestechen und für seinen Schutz zu gewinnen. "Es gibt zwei Möglichkeiten: Er könnte entweder nach Sebha (südlich von Tripolis) geflohen sein, wo er eine logistische Basis hat, oder er ist auf dem Weg zur algerischen Grenze", meinte der frühere Gouverneur der libyschen Zentralbank. "Zuvor hat er allerdings verzweifelt versucht, das Gold zu verkaufen", sagte Bengdara der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera". Der Zentralbankchef war zu Beginn des Bürgerkrieges ins Ausland geflohen.

Krankenhäuser überfüllt

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Fundstück aus Gaddafis Bunker: Ein privates Foto des ehemaligen Staatschefs mit seiner Tochter Aisha.

(Foto: AP)

Derweil taten sich Engpässe und Probleme bei der medizinischen Versorgung auf. Hunderte Menschen wurden bei den Kämpfen getötet oder verletzt. Medikamente gingen zu Neige, viele Ärzte konnten wegen der anhaltenden Gefechte nicht arbeiten. "Die Krankenhäuser, in denen ich war, sind voller Menschen mit Schusswunden", sagte Jonathan Whittall von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. In einem Fall seien die Häuser neben einer Klinik kurzerhand in Krankenstationen umfunktioniert worden. "Aber wegen des Personalmangels gab es keine Krankenschwestern und die Patienten haben sich im Wesentlichen selbst versorgt."

Mitglieder des Übergangsrates erreichen Tripolis

In einem Triumphzug ist die Hälfte der Minister des libyschen Übergangsrates in den Westen von Tripolis eingefahren. Als der Konvoi die Straße entlangfuhr, jubelten viele Einwohner den politischen Führern des Aufstandes zu. Der Verantwortliche des Übergangsrates für das Ölgeschäft, Ali al-Tarhuni, sagte: "Endlich sind wir da." Eine zunächst geplante Pressekonferenz wurde verschoben, weil sie aus symbolischen Gründen im Stadtzentrum stattfinden soll. Der Übergangsrat ist von Rebellen, Ex-Regime-Politikern und Stammesältesten gegründet und damit nicht demokratisch gewählt worden. Ihm gehören derzeit 31 Vertreter an. Rund 40 Länder haben den Übergangsrat als legitimen Vertreter des libyschen Volkes anerkannt, darunter auch Deutschland und sowie die Arabische Liga.

Gelder sollen freigegeben werden

Die Anführer der Rebellen trafen unterdessen unbeirrt Vorbereitungen für eine Zeit nach Gaddafi. Nach einem Treffen mit arabischen und westlichen Unterstützern am Mittwoch in Katar sagte ein hochrangiger Rebellenvertreter, der Übergangsrat werde zunächst fünf Milliarden Dollar der im Ausland im Zuge der internationalen Sanktionen gegen Gaddafi eingefrorenen libyschen Gelder beantragen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und der Bevölkerung zu helfen. Italien gab unmittelbar darauf die Freigabe von 350 Millionen Euro bekannt. Dies sei eine erste Tranche des Geldes, das Rom von Guthaben der Gaddafi-Regierung blockiert habe.

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Aisha Gaddafi hatte in ihrem Haus auch einen Pool.

(Foto: dapd)

Nach anfänglichem Sträuben ist nun auch Südafrika bereit, unter bestimmten Bedingungen den Widerstand im UN-Sicherheitsrat gegen die Freigabe der eingefrorenen libyschen Guthaben aufgeben. "Südafrika sagt Ja zur Freigabe, wenn sie für humanitäre Hilfe in Libyen verwendet wird, sagte der Sprecher des südafrikanischen Außenministeriums, Clayson Monyela in Pretoria. Allerdings sei Südafrika nicht bereit, die Gelder den Rebellen zukommen zu lassen. Südafrika hatte den NATO-Einsatz immer verurteilt. Auf dem Gipfel der Afrikanischen Union (AU) am Donnerstag und Freitag in Addis Abeba (Äthiopien) wird eine kritische Stellungnahme der Afrikaner zu der Entwicklung in Libyen erwartet.

Unterstützer werden belohnt

Die Rebellen wollen beim Wiederaufbau des Landes diejenigen Staaten belohnen, die sie bei ihrem Kampf gegen Gaddafi unterstützt haben. Die Länder sollten entsprechend ihrer Unterstützung behandelt werden, sagte der Präsident des Übergangsrats der Rebellen, Mustafa Abdel Dschalil, auf einer Pressekonferenz in Bengasi. Deutschland, namentlich Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP), hatte sich im März bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über den  Militäreinsatz enthalten und war dafür international kritisiert worden.

Auf eine Frage nach der Sicherheit der Chemiewaffen des Landes, versicherte Dschalil, früher Justizminister unter Gaddafi, es gebe nichts zu befürchten. Als früheres Regierungsmitglied wisse er, "dass diese Waffen abgelaufen sind". Libyen besitzt gut 11 Tonnen Senfgas, hat allerdings die Munition zur Verbreitung des Gases zerstört. Westerwelle hatte zuvor die Gasvorräte angesichts der "ungeordneten Situation" in Libyen als potenzielle Gefahr für die Bevölkerung bezeichnet und die Hilfe Deutschlands bei ihrer Beseitigung angeboten.

Im Auswärtigen Amt hieß es ergänzend, Libyen sei seit 2004 Mitglied der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen. Mit der Organisation führe das Auswärtige Amt Gespräche, wie konkret bei der Beseitigung der Waffen geholfen werden könne.

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Quelle: n-tv.de, ppo/dpa/AFP/rts

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