Politik

Besuch in Berliner Erstaufnahmeheim Gauck entwirft ein Anti-Dunkeldeutschland

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Gauck mit ASB-Leiter Detlef Kühn, Lebensgefährtin Daniela Schadt und einem syrischen Flüchtling. Der Bundespräsident lobt in Berlin-Wilmersdorf freiwilliges Engagement und warnt Flüchtlinge vor einer Anspruchshaltung.

(Foto: REUTERS)

Weitere Flüchtlingsheime haben gebrannt, nun besucht der Bundespräsident eine Mustereinrichtung. Der Staat hat hier nicht viel beigetragen, Freiwillige umso mehr. Sie stellt Gauck heraus als leuchtende Beispiele und zeichnet ein nun umstrittenes Bild.

"Es war ein bewegender Rundgang", sagt Joachim Gauck. Es ist der typische Ton, den der Bundespräsident bei solchen Terminen anschlägt. Eine gute Stunde hat er sich eine Erstaufnahmeeinrichtung im Westberliner Stadtteil Wilmersdorf angesehen. Es ist eine Einrichtung, in der vieles besser läuft als anderswo. Er lobt die "vielen Freiwilligen, die zeigen wollen, es gibt ein helles Deutschland, das hier sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören".

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Das sei die Antwort auf diejenigen, die "als Hetzer und Brandstifter unser Land verunzieren", fügt der Bundespräsident mit Blick auf die jüngsten Ausschreitungen und Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte noch hinzu. Parallel zur Kanzlerin, die am Mittag das sächsische Heidenau besucht, will sich Gauck ein Bild vom Leben der Flüchtlinge machen. Die Wortwahl mit Hell- und Dunkeldeutschland wird kurze Zeit später von vielen Twitternutzern aufgespießt. Offenbar nicht so glücklich gewählt. Gegner von Flüchtlingen echauffieren sich ebenso wie deren Unterstützer, die "bunt" besser als "hell" fänden. Womöglich glauben sie, die Aussage bezöge sich auf Hautfarben - deshalb lieber bunt statt hell. Umgekehrt war Gauck möglicherweise nicht klar, dass "Dunkeldeutschland" ein Begriff ist, der meist nur für Ostdeutschland verwendet wird.

Der Platz reicht nicht mehr

Zurück nach Wilmersdorf. Rund 560 Flüchtlinge leben momentan in dem ehemaligen Bezirksrathaus, das erst vor knapp zwei Wochen zum Heim umfunktioniert wurde. Als Gauck den Innenhof betritt, wartet tatsächlich eine beeindruckend große Gruppe von freiwilligen Helfern. Detlef Kühn, Leiter des Arbeitersamariterbundes, der das Heim aufgebaut hat, bestätigt: In dieser Erstaufnahmeeinrichtung herrscht kein Mangel an Hilfe. "Es ist brillant. An manchen Tagen haben wir mehr Helfer, als gebraucht werden. Und mehr Spenden, als wir verteilen können", sagt Kühn. Nur der Platz wird knapp. 500 Betten gibt es, 560 Menschen übernachten hier. Viele Kinder sind darunter.

Gauck versucht eine Gleichung, dass diese Menschen nun in einem ehemaligen Gebäude der öffentlichen Verwaltung wohnten - und dass genau dieser Bereich bei der Bewältigung des Flüchtlingsansturms aufholen müsse. Die Behörden seien ja vielfach überfordert. Gauck plädiert deshalb für eine bessere Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Verwaltung, sozialen Trägern wie dem ASB und den Freiwilligen. In Wilmersdorf läuft fast alles über Ehrenamtliche.

Jeden Tag kommen ein paar mehr Flüchtlinge in die Erstaufnahmestelle, als sie verlassen. Deshalb will der ASB als Träger auch vor allem eines wissen: Wie wuppen wir das in ein paar Wochen oder Monaten? Eine richtige Antwort darauf kann Gauck bei seinem abschließenden Pressestatement nicht geben. "Es müssen Abläufe beschleunigt und vielleicht auch vereinfacht werden - aber das ist operatives Handeln und dafür ist der Bundespräsident nicht zuständig."

Wie ankommen in der deutschen Gesellschaft?

Die vielen Freiwilligen von der Initiative "Wilmersdorf hilft" bieten Gauck die perfekte Kulisse, um für mehr Engagement zu werben. Er spricht davon, dass "Dunkeldeutschland" sich ein Beispiel am hellen Deutschland nehmen solle. Eine Helferin berichtet Gauck, sie verbringe gerade ihren Jahresurlaub im Heim. "Ich bringe es nicht übers Herz, jetzt zu verreisen, ich kann nicht mehr loslassen", sagt die Berlinerin. "Die Leute sind so dankbar, ich bekomme so viel zurück." Ein gelernter Restaurantmanager erklärt, er habe die Organisation des Alltags übernommen. Bei so vielen Menschen muss schließlich jemand dafür sorgen, dass alle gerecht behandelt werden – auch bei der Essensausgabe.

Die Flüchtlinge, die das Heim nach durchschnittlich fünf Tagen verlassen, werden auf Asylbewerberheime verteilt. Wohin sie kommen, hängt auch von ihrer Herkunft ab. Die Mehrheit hier kommt aus Syrien. Einige sind aus Albanien und Mazedonien – sie werden wohl geringere Chancen auf Asyl haben als die Syrer, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind. Unter Letzteren sind Ärzte, Ingenieure und andere Hochqualifizierte. Sie haben an diesem Tag viele Fragen an den Bundespräsidenten. Wie findet man schnell Arbeit? Wie schafft man es, in der deutschen Gesellschaft anzukommen? Mit Blick auf die Flüchtlinge vom Balkan sagt Gauck: "Auch diese Entscheidungen, dass manche leider wieder gehen müssen, gehören zum politischen Handeln." Dann zitiert er noch Bundesinnenminister Thomas de Maizière: "Es ist eine Herausforderung, aber keine Überforderung."

Quelle: n-tv.de

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