Politik

Meuterei oder Führungsversagen? "Gorch Fock" wird Chefsache

2voz3644.jpg6681604111841460590.jpg

Besatzungsmitglieder der "Gorch Fock" in der Takelage.

(Foto: dpa)

Verteidigungsminister Guttenberg verspricht eine Untersuchung der Vorgänge auf der "Gorch Fock". Das Segelschulschiff unterbricht seine Fahrt und wartet auf die Ermittler. SPD-Experte Arnold verteidigt die Soldaten. Sie hätten ihre "staatsbürgerliche Pflicht erfüllt", es war keine Meuterei, sagt er. FDP-Politikerin Hoff spricht von "Führungsversagen".

2011-01-20T113156Z_01_MMM103_RTRMDNP_3_GERMANY.JPG4664870159259965784.jpg

Die "Gorch Fock" ist seit 1958 unterwegs.

(Foto: REUTERS)

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verlangt nach der angeblichen Meuterei auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" eine "rückhaltlose Aufklärung". "Es wird von meiner Seite keine Vorverurteilungen geben", sagte der Minister in Berlin. Falls sich aber herausstelle, dass es Fehlverhalten gegeben habe, werde dies "selbstverständlich Konsequenzen nach sich ziehen".

Mit der Klärung der Vorwürfe wurde ein Ermittlerteam der Marine betraut. Das Team wird nach Angaben des Ministeriums derzeit zusammengestellt und soll sich dann auf den Weg machen. Unklar ist noch, wann die Untersuchungen beginnen sollen. Wegen der Ermittlungen kehrt die "Gorch Fock", die auf Weltumseglung ist, zu ihrem letzten Hafen Ushuaia in Argentinien zurück. Dort soll das Ermittlerteam an Bord gehen.

Eine 25-jährigen Marine-Soldatin war im November vergangenen Jahres aus der Takelage der "Gorch Fock" auf das Deck gestürzt. Sie starb kurz darauf an den Folgen des Unfalls. Nach dem Tod der Kadettin hatten Mitglieder der Besatzung Vorgesetzten Versagen vorgeworfen. Zudem sei das Vertrauen zwischen der Stammmannschaft und den Offiziersanwärtern gestört gewesen. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus schrieb in einem Brief an den Verteidigungsausschuss über Meuterei-Vorwürfe gegen vier Auszubildende. Die Ermittler müssen auch Vorwürfen nachgehen, die Stammbesatzung habe Offiziersanwärter bedroht und sexuell belästigt.

"Drei Vorgänge zur Chefsache machen"

2vp14748.jpg3741340078898816473.jpg

Guttenberg lässt die Vorwürfe aufklären.

(Foto: dpa)

Mit Blick auf den kurz vor Weihnachten in Afghanistan verwies Guttenberg auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. "Die Ergebnisse haben wir jetzt abzuwarten." Zugleich verwahrte sich der Minister gegen Pauschalurteile über die Soldaten der Bundeswehr. "Es ist die ganz überwältigende Mehrzahl, die einen erstklassigen Dienst leistet." Der Mann war kurz vor Weihnachten durch den Schuss aus der Waffe eines anderen Soldaten getötet worden.

Auch Königshaus relativierte die Kritik an der Bundeswehr. Bei den Vorwürfen um die "Gorch Fock", den Schießunfall in Afghanistan und handele es sich um drei Einzelfälle in einer Armee mit 250.000 Mann, sagte der FDP-Politiker bei n-tv. Was genau passiert sei, werde nun ermittelt. "In keinem einzigen der Fälle sind die Ermittlungen abgeschlossen", sagte Königshaus.

Die SPD will Guttenberg allerdings vor den Verteidigungsausschuss des Bundestags zitieren. Der Minister müsse bei der nächsten Sitzung am Mittwoch kommender Woche umfassend Auskunft geben, verlangte SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold in Berlin. "Guttenberg muss die drei Vorgänge zur Chefsache machen", sagte Arnold. Der CSU-Politiker versuche jedoch "wie immer, die Dinge von sich fernzuhalten".

Krisenreaktion "erheblich verbesserungswürdig"

Zu der angeblichen "Meuterei" sagte Arnold: "Mit Meuterei hat das Sperrigsein der Offiziersanwärter nichts zu tun. Sie haben ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllt - nach dem Prinzip der inneren Führung unsinnige oder gar rechtswidrige Befehle infrage zu stellen." Möglicherweise seien die Vorgänge sogar strafrechtlich relevant. Zwei Tage nach dem tödlichen Unfall am 7. November sei auf dem Schiff Karneval gefeiert worden. Offensichtlich habe es einen "tiefen Bruch zwischen Stammbesatzung und Offiziersanwärtern" gegeben.

2voz2841.jpg7082593278142844329.jpg

Kapitän Norbert Schatz liegt mit dem Schiff derzeit in Argentinien vor Anker.

(Foto: dpa)

Die FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff erhob den Vorwurf des "Führungsversagens" in der Bundeswehr. In der "Leipziger Volkszeitung" bezeichnete Hoff die "Krisenreaktion der Bundeswehr in eigenen Angelegenheiten" als "erheblich verbesserungswürdig". Gerade bei einer Armee im Einsatz und bei dem Umgang mit dem eigenen Nachwuchs müsse "die Innere Führung offenkundig einiges nacharbeiten".

An Bord der "Gorch Fock" befindet sich derzeit die Stammbesatzung unter Kapitän Norbert Schatz. Die Ausbildung war nach dem tödlichen Sturz der 25-jährigen Offiziersanwärterin von der Takelage ausgesetzt worden. Die anderen Anwärter kehrten nach Deutschland zurück. Ihre Aufgaben wurden von der Stammbesatzung und eingeflogenen Soldaten übernommen, damit der Dreimaster die Fahrt fortsetzen kann. Ein Ministeriumssprecher sagte: "Es gibt keine Entscheidung, dass die Reise abgebrochen wird."

Gespräche mit allen Beteiligten

"Das sind schwerwiegende Vorwürfe", sagte der Marine-Sprecher, Fregattenkapitän, Alexander von Heimann. "Wir werden jetzt alles Menschenmögliche tun, um den Sachen nachzugehen und das aufzuklären." Die Untersuchungskommission soll zügig Gespräche mit allen Beteiligten führen.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, warnte vor voreiligen Schlüssen. Man müsse prüfen, ob Sicherheitsbestimmungen verletzt worden seien, sagte Kirsch dem "Hamburger Abendblatt". Er verteidigte das Ausbildungskonzept auf dem Segelschiff. "Es gibt keine bessere Ausbildung als auf einem Schiff, wenn es um den Crew-Gedanken geht." Das Konzept werde sich auch in Zukunft bewähren.

In der vergangenen Woche war schon eine Delegation des Wehrbeauftragten zu Gesprächen bei der Besatzung gewesen. Demnach hatten sich nach dem tödlichen Sturz der Kameradin trauernde Offiziersanwärter geweigert, wieder in die Takelage zu klettern. Sie sollen trotzdem zum sogenannten Aufentern gedrängt worden sein. Daraufhin sollen Vorgesetzte ihnen angedroht haben, nicht mehr Offizier werden zu können.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/dpa