Politik
Samstag, 17. Juli 2010

Längere Grundschule: Hamburg im "Schulkrieg"

Christian Bartlau

In Hamburg sind 1,2 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, über die Schulreform des schwarz-grünen Senats unter Bürgermeister Ole van Beust abzustimmen. Gegner und Befürworter liefern sich seit zwei Jahren einen erbitterten Streit. n-tv.de erklärt Ihnen, worum es bei dem Volksentscheid geht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was ist der Kern der Schulreform?

Hamburgs Schüler sollen in Zukunft länger gemeinsam lernen. Statt vier Jahren Grundschule sollen die Kinder dann sechs Jahre lang die neue Primarschule besuchen, bevor sie auf eine weiterführende Schule wechseln.

Was ist das Ziel der Schulreform?

Mit der Schulreform will der schwarz-grüne Senat die Bildungsgerechtigkeit verbessern. Noch hängt der Schulerfolg stark von der sozialen Herkunft ab. Die Chance, ein Gymnasium zu besuchen, liegt für ein Kind aus einer Akademikerfamilie viermal höher als bei einem Kind aus einer Arbeiterfamilie, selbst bei gleichen Leistungen.

Der Senat will außerdem das generelle Bildungsniveau heben – rund ein Viertel der Hamburger Schüler verlassen die Schule, ohne ausreichende Kenntnisse und Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt zu besitzen.

Was sind die Argumente des Senats?

Die sechsjährige Primarschule soll die Chancen von Spätentwicklern und von Kindern mit schlechteren Startbedingungen verbessern. Diese Schüler sollen davon profitieren, länger als bisher zusammen mit leistungsstärkeren Kindern zu lernen.

Der Senat stützt sich auf wissenschaftliche Studien, die positive Effekte durch längeres gemeinsames Lernen belegen. Demnach gewinnen auch die leistungsstärkeren Schüler: das Gelernte bleibt ihnen dauerhaft erhalten, wenn sie ihre Mitschüler unterstützen.

Ein weiterer Vorteil der Primarschule liegt laut den Befürwortern der Reform in der Vermeidung von falschen Empfehlungen für die weiterführenden Schulen. Bislang bleibe noch zu vielen potenziell leistungsstarken Schülern das Lernumfeld des Gymnasiums verschlossen, weil ihr Bildungsweg zu früh festgelegt wird.

Vorbild für die Reform sind vor allem die bildungsstarken skandinavischen Länder. Hier wechseln die Schüler erst mit 16 Jahren auf die weiterführenden Schulen. Die frühe Trennung nach der 4. Klasse findet in europaweit nur noch in Deutschland und Österreich statt.

Warum gibt es einen Volksentscheid?

Wahlleiter Willi Beiß mit dem Wahlzettel.
Wahlleiter Willi Beiß mit dem Wahlzettel.(Foto: picture alliance / dpa)

Kurz nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages, der die schwarz-grünen Pläne für die Schulreform festlegte, gründeten Reformgegner im Mai 2008 die Initiative "Wir wollen lernen". Im November 2009 legte die Initiative 184.500 Unterschriften in einem Volksbegehren gegen die Schulreform vor – schon 62.000 hätten gereicht, um den Volksentscheid zu erzwingen.

Am Sonntag steht nicht die gesamte Schulreform zur Abstimmung, sondern nur die Einführung der sechsjährigen Primarschule. Die Pläne zur Verkleinerung der Klassen, zur Verstärkung der individuellen Förderung und zum Ausbau des Wahlpflichtangebots bleiben unberührt.

Was sind die Ziele der Reformgegner?

Die Initiative "Wir wollen lernen" will die vierjährige Grundschule erhalten. Gleichzeitig wehrt sie sich gegen das "Pseudo-Wahlrecht", dass der Senat in seinem Entwurf vorsieht. Zwar sollen die Eltern nach der 6. Klasse entscheiden dürfen, ob sie ihre Kinder auf ein Gymnasium oder eine Stadtteilschule schicken. Allerdings wird der Zeugniskonferenz der weiterführenden Schule eingeräumt, diese Entscheidung nach der 7. Klasse zu kassieren.

Was sind die Argumente der Reformgegner?

Die Reformgegner bezweifeln, dass lernschwache Schüler von der Einführung der Primarschule profitieren. Dafür würden die stärkeren Schüler in ihrem Entwicklungsprozess aufgehalten.

"Wir wollen lernen" befürchtet vor allem eine Schwächung der Gymnasien, für die gerade die Klassenstufen 5 und 6 entscheidend seien. Der Senat schaffe hier neue Probleme, ohne alte zu lösen. Die Initiative prognostiziert, dass die Qualität der allgemeinen Hochschulreife abnehmen werde, was viele Eltern dazu bewegen könnte, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken.

Nicht zuletzt werfen die Reformgegner dem Senat vor, Hamburgs Schulen in den "Reforminfarkt" zu treiben. Obwohl die Zahl der Absolventen mit Abitur steigt und die Zahl der Abgänger ohne Hauptschulabschluss sinkt, werde eine überflüssige Großanstrengung unternommen, die viel Kraft und Geld koste. Beistand erhält die Initiative in diesem Punkt vom Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, Ludwig Spaenle. Der bayrische Bildungsminister forderte jüngst "mehr Systemkonstanz".

Worin liegt die große Bedeutung des Volksentscheids?

Der Volksentscheid wird vor allem in Nordrhein-Westfalen und im Saarland mit Interesse verfolgt. Sowohl die neue rot-grüne Regierung in Düsseldorf als auch die Jamaika-Koalition von Peter Müller planen Schulreformen, die eine Verlängerung der Grundschulzeit vorsehen. Auch hier regt sich bereits Widerstand.

Es geht wohl nicht nur um die Zukunft der Hamburger Schüler, sondern auch um die Zukunft von Ole von Beust.
Es geht wohl nicht nur um die Zukunft der Hamburger Schüler, sondern auch um die Zukunft von Ole von Beust.(Foto: picture alliance / dpa)

Für zusätzliche Brisanz sorgen Rücktrittsgerüchte um Ole von Beust. Dem Hamburger Bürgermeister wird Amtsmüdigkeit bescheinigt, eine Niederlage des schwarz-grünen Prestigeprojektes könnte ein Anlass für eine vorzeitige Demission sein.

Wie stehen die Prognosen?

Glaubt man den letzten Umfragen, können die Gegner der Schulreform mit einem Sieg rechnen. Die Initiative "Wir wollen lernen" liegt demnach mit 41 zu 38 Prozent vorn. Allerdings sind die Gegner noch nicht am Ziel: Das Quorum ist noch lange nicht erreicht. Mindestens ein Fünftel aller Wahlberechtigten müssen mit "Ja" stimmen, also ungefähr 247.000 Hamburger. Insgesamt haben im schon seit Wochen laufenden Briefwahlverfahren erst weniger als 400.000 Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgegeben.

Quelle: n-tv.de