Politik

"Überzogene" Vorwürfe an Linke?Historikerin warnt vor Missbrauch des Antisemitismus-Begriffes

22.09.2026, 18:10 Uhr
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Israels Flagge weht vor dem Roten Rathaus (Archiv). (Foto: Katharina Kausche/dpa)

Seit dem Wahlsieg der Berliner Linken wird die Partei mit Antisemitismus-Vorwürfen überzogen. Eine Wissenschaftlerin sieht mit Blick auf die anstehende Regierungsbildung eine Instrumentalisierung des Begriffs und pocht in der Debatte auf Differenzierung.

Die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum hält die heftige Debatte über Antisemitismus in der Linkspartei nach deren Wahlsieg in Berlin für überzogen. "Antisemitismus gibt es in allen Parteien", sagte die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. "Dass es sich im Moment auf die Linke fokussiert, hat nicht zuletzt mit dem Hamas-Überfall 2023 auf Israel und dem folgenden Gaza-Krieg zu tun."

Die Linke habe sich als Partei in der jüngeren Vergangenheit immer wieder klar gegen Antisemitismus positioniert, und zwar auf Landes- wie auf Bundesebene. Sie habe dabei auch keine Konflikte gescheut. "Die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp hat im Mai ein überzeugendes Fünf-Punkte-Programm gegen Antisemitismus vorgelegt, das man zunächst einmal zur Kenntnis nehmen sollte", so Schüler-Springorum.

"Ich sehe hier eine überzogene Diskussion, bei der es offensichtlich auch darum geht, die Regierungsbildung in Berlin zu beeinflussen", meinte sie. "Es ist aus meiner Sicht jedoch gefährlich, das Thema Antisemitismus in dieser Weise zu instrumentalisieren."

Denn Antisemitismus sei in Deutschland nicht erst seit 2023 ein ernstes Problem der ganzen Gesellschaft. "Man muss dabei differenzieren zwischen Antisemitismus, also Judenhass und Verschwörungsdenken einerseits und Kritik an der Politik der israelischen Regierung andererseits."

Am Sonntag hatte die Linke die Wahl zum Abgeordnetenhaus mit großem Vorsprung vor der CDU gewonnen. Sie will nun eine Koalition mit Grünen und SPD schmieden und könnte mit Eralp erstmals die Regierende Bürgermeisterin stellen. Die Berliner Landespartei oder zumindest Teile von ihr stehen wegen ihrer Positionen zum Nahostkonflikt und zum Antisemitismus immer wieder in der Kritik.

"Existenzgefahr" für Juden?

In der Debatte geht es auch um die Frage, wo die Grenze zwischen Kritik an der israelischen Regierung, Antizionismus und Antisemitismus verläuft. Im Oktober 2025 geriet der spätere Bürgermeisterkandidat der Linken in Berlin-Neukölln, Ahmed Abed, in die Kritik, als er den Bürgermeister aus der israelischen Partnerstadt Bat Yam als "Völkermörder" bezeichnete. Abed wehrte sich gegen Antisemitismus-Vorwürfe: Es sei nicht antisemitisch, Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzusprechen, sagte er im Februar 2026 und verwies auf das Vorgehen Israels im Gazastreifen. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen und UN-Gremien werfen Israel Kriegsverbrechen und einen Genozid vor.

Kurz vor der Wahl in Berlin sorgte der Auftritt eines Rappers mit Gewaltaufrufen bei einer Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken für Diskussionen. Er soll dabei ein Lied gegen den Krieg Israels in Gaza mit Zeilen wie "Yalla Yalla Intifada Westbank, Palästina, Gaza" sowie "Death to the IDF" (Tod der israelischen Armee) gesungen haben. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, warf der Linken vor, im Wahlkampf "wiederholt mit antisemitischen Grenzüberschreitungen aufgefallen" zu sein.

Israels Botschafter Ron Prosor sieht eine "unmittelbare Existenzgefahr" für die jüdische Gemeinschaft in der deutschen Hauptstadt. "Der völlig enthemmte Antisemitismus, der sich in dieser Partei Bahn gebrochen hat, bekommt mit ihrem Aufstieg zur stärksten Kraft eine neue politische Dimension", sagte er der dpa. Der Botschafter forderte die Linke auf, einen konkreten Plan vorzulegen, "wie sie den systematischen Israel- und Judenhass in den eigenen Reihen stoppt und bis in die Wurzel bekämpft"

Quelle: ntv.de, dsc/dpa

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