Politik

"Mein Kampf" am Kiosk verboten Hitler im Nebel

2012-01-25T143515Z_01_BER98_RTRMDNP_3_GERMANY-MEIN-KAMPF.JPG260315031492602999.jpg

"Das unlesbare Buch" ist jetzt im Wortsinn unlesbar. Grund ist ein Rechtsstreit.

(Foto: REUTERS)

Ein Auszug aus Hitlers "Mein Kampf" liegt am Donnerstag in den Regalen der Zeitschriftenläden. Nur entziffern können Leser die Worte des Diktators nicht. Die Originalpassagen sind unleserlich: Ein Gericht hat die Veröffentlichung verboten.

"Mein Kampf" in einem handlichen Häppchen am Kiosk, überall in Deutschland, bis zu 100.000 Mal verkauft: Dieses Szenario ist abgewendet. Die Kritiker der vergangenen Tage – von der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, bis zu Bundesfamilienministerin Kristina Schröder - dürfen aufatmen. Das Landgericht München I hat die Veröffentlichung der Originalpassagen verboten. Der britische Verleger Peter McGee legt zwar immer noch am Donnerstag seiner Wochenzeitung "Zeitungszeugen" die Broschüre "Das unlesbare Buch" bei - allerdings wird tatsächlich niemand die Worte des Diktators lesen können. Sie werden mit Unschärfe überzogen: Hitler im Nebel. Lesbar bleiben das Vorwort des Berliner Antisemitismusforschers Wolfgang Benz und der Kommentar des Dortmunder Journalismus-Forschers Horst Pöttker.

32ob2754.jpg2330350643938509711.jpg

16 Seiten hat die Broschüre, die Originalpassagen sind aber unkenntlich.

(Foto: dpa)

McGee war darauf vorbereitet: Schon vor dem Gerichtsbeschluss hatte er sich entschieden, den Hitler-Text im Grauschleier versinken zu lassen. Mit diesem Schritt wollte er verhindern, dass das bayerische Finanzministerium die Exemplare am Kiosk beschlagnahmt – mal wieder. Denn das Ministerium hat die Urheberrechte an "Mein Kampf" vom nationalsozialistischen Eher-Verlag geerbt. Ein Erbe, das mitunter Mühe macht. Schon vor etwa drei Jahren kam es zum Streit mit McGee. 2009 erschien "Zeitungszeugen" mit einem kommentierten Nachdruck von Nazi-Zeitungen, in den Regalen der Kioske lagen Ausgaben von "Der Angriff" und dem "Völkischen Bobachter". Das Finanzministerium schickte die Polizei, die Beamten beschlagnahmten die Drucksachen. Der Vorwurf: Verletzung der Urheberrechte und Verbreitung von nationalsozialistischer Propaganda. Vor Gericht gewann McGee den Streit: Die Urheberrechte für die Nazi-Zeitungen waren erloschen.

"Bizarre Mystifizierung in Deutschland"

Gegen die Veröffentlichung von "Mein Kampf" hatte der Freistaat Bayern in dieser Woche schon vorsorglich rechtliche Schritte unternommen – dem Antrag auf einstweilige Verfügung gab das Landgericht nun statt. "Es ist gut, dass es dem Verlag jetzt gesetzlich verboten ist, diese Hetzschrift zu verbreiten", sagte Bayerns Finanzminister Markus Söder. McGee reagierte gelassen auf das Verbot: Er will die Argumentation des Gerichts abwarten. Solange das juristische Verfahren läuft, will er die Auszüge aus dem Buch nicht mit seiner Wochenzeitung veröffentlichen. "Wir müssen sicherstellen, dass wir unsere Hauptveröffentlichung nicht in Gefahr bringen", sagte McGee. Er befürchtet einen wirtschaftlichen Verlust.

Die Urheberrechte für Hitlers Machwerk erlöschen erst im Jahr 2015, 70 Jahre nach dem Tod des Diktators. Trotzdem dürfe der Verlag den Text verwenden und veröffentlichen, sagt McGee. Er beruft sich auf das Zitierrecht. Schließlich werde nicht das ganze Buch veröffentlich, sondern nur ein Teil davon. 16 Seiten Text hat die unscheinbare Broschüre. Die "Zeitungszeugen" erzählen die Geschichte Hitlerdeutschlands anhand von Nachdrucken von Zeitungen aus dieser Zeit – jedes Mal kommentieren Experten die Quellen.

Für Peter McGee ist es längst an der Zeit, dass man Hitlers Pamphlet auch in Deutschland lesen kann. "Ausgerechnet in Deutschland ist es zu einer bizarren Mystifizierung dieses ekelhaften Buches gekommen. Und das liegt einzig und allein daran, dass man es hier nicht lesen darf", sagte er. Der Wissenschaftler Horst Pöttker schreibt in seinem Kommentar über Adolf Hitler, man habe "aus der Person ein aus dem Rahmen des Menschlichen fallendes Monster" geformt. "An Hitler zu lernen heißt aber, ihn als Menschen zu betrachten, von dem auch etwas in uns selbst steckt. Dazu eignen sich die ersten Kapitel von "Mein Kampf", wenn man sie quellenkritisch liest und die Selbststilisierung des Autors beachtet." Mit der "Zeitungszeugen"-Broschüre funktioniert das am Donnerstag am Kiosk jedenfalls nicht.

Quelle: ntv.de, mit dpa

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.