Politik
Treffen der Supermächte: Chinas Präsident Hu mit US-Präsident Obama.
Treffen der Supermächte: Chinas Präsident Hu mit US-Präsident Obama.(Foto: dpa)
Mittwoch, 19. Januar 2011

Historischer USA-China-Gipfel: Hu kommt zur Wachablösung

von Till Schwarze

Der Besuch von Chinas Präsident Hu bei US-Präsident Obama leitet eine Zeitenwende ein. Ob Klimawandel, Krisenherde oder Wirtschaftspolitik – ohne China geht nichts mehr. Noch begegnen sich die beiden Supermächte auf Augenhöhe. Doch der Aufstieg Chinas zur Nummer eins ist nicht bremsen.

Endlich bekommen die Chinesen den Respekt, den sie schon lange verdienen. Vor fünf Jahren wurde Präsident Hu Jintao vom damaligen Gastgeber George W. Bush noch mit einem Mittagessen abgespeist. Ganz anders 2011: US-Präsident Barack Obama empfängt Hu mit Salutschüssen, Rotem Teppich und offiziellem Bankett. Die beiden Staatslenker begegnen sich auf Augenhöhe, denn die USA können nicht länger ignorieren, dass China endgültig zur zweiten Weltmacht aufgestiegen ist. In Washington begegnen sich die Führer der neuen und der alten Supermacht.

Deshalb wird dem Staatsbesuch nicht nur in den USA und China so viel Bedeutung beigemessen, die ganze Welt blickt gespannt nach Washington, Experten sprechen vom wichtigsten Treffen der vergangenen drei Jahrzehnte. Das liegt zum einen an der globalen Agenda des Gipfeltreffens: Währungsstreit, Handelsbeziehungen, Klimawandel, Iran und Nordkorea. Zum anderen aber wirft das Treffen auch ein Schlaglicht auf das Verhältnis der beiden Staaten zueinander. Der Aufsteiger aus dem fernen Osten trifft auf die alternde Supermacht, die Machtverschiebung zwischen beiden Staaten ist unübersehbar. Und nicht nur in den USA fragt man sich, welche Folgen diese tiefgreifende Veränderung im globalen Kräfteverhältnis wohl haben mag.

China bald die Nummer eins

(Foto: AP)

Wie ein Katalysator hat die Finanz- und Wirtschaftskrise diese Entwicklung noch beschleunigt. Auf der einen Seite die USA, die Weltmacht auf dem wirtschaftlich absteigenden Ast. Nicht einmal drei Prozent Wirtschaftswachstum, ein Staatsdefizit von rund 14 Billionen Dollar, ein gigantisches Handelsdefizit und eine Währung, die wegen dieses doppelten Defizits unter enormem Druck steht. Auf der anderen Seite der wirtschaftliche Shootingstar mit Währungsreserven von fast drei Billionen Dollar, gewaltigen Exportüberschüssen und Wachstumsraten im zweistelligen Bereich. Etwa ein Fünftel des globalen Wachstums geht auf Chinas Konto.

Zwar liegt die Wirtschaftskraft der USA noch immer weit vor der des asiatischen Konkurrenten. Noch produzieren die USA dreimal so viele Waren und Dienstleistungen wie China. Doch Ökonomen erwarten, dass bereits in 10 Jahren das Bruttoinlandsprodukt Chinas vor dem der USA liegen wird. Spätestens in 20 Jahren dürfte das Reich der Mitte zur stärksten Wirtschaftsmacht des Planeten aufgestiegen sein, China liegt bereits auf Platz zwei. Bezieht man die unterbewertete chinesische Währung mit ein, ist China für einige Experten bereits jetzt schon Spitzenreiter. Und waren bislang die über 300 Millionen US-Bürger mit ihrem Konsum Garant des weltweiten Aufschwungs, dürfte diese Rolle ebenfalls bald den mehr als 1,3 Milliarden Chinesen zufallen.

Politische Folgen

Währungsstreit: Im Vergleich zum US-Dollar, so der Vorwurf, soll der chinesische Yuan unterbewertet sein.
Währungsstreit: Im Vergleich zum US-Dollar, so der Vorwurf, soll der chinesische Yuan unterbewertet sein.(Foto: dpa)

Die wirtschaftliche Stärke des Aufsteigers hat zudem in einem immer größeren Maße politische Folgen. Nicht nur, dass China beim Weltklimagipfel in Kopenhagen alle Verhandlungen torpedierte, um seinen Aufschwung nicht zu gefährden. Peking ließ US-Präsident Obama bei einem Treffen mit seinem Vize-Außenminister verhandeln. Ein Jahr später, in Cancún, führten die Chinesen dann die Amerikaner noch einmal vor: Mit ihrer plötzlichen Kompromissbereitschaft ließen sie die klimapolitisch blockierten USA umso älter aussehen.

Das Selbstbewusstsein ist gestiegen - ohne Rücksicht auf Verluste setzen die Chinesen ihre Interessen durch. Und je größer wirtschaftlicher Erfolg und Einfluss sind, desto stärker treten die autoritären Machthaber für ihre Interessen ein. Atomkonflikt mit Iran oder Nordkorea, Inselstreit im chinesischen Meer, Sudan, Verleihung des Friedensnobelpreises, Kampf um Rohstoffe oder Währungsstreit – die kommunistische Führung lässt immer deutlicher ihre Muskeln spielen und zeigt den bisherigen (westlichen) Führern der Welt, wie groß ihr Einfluss bereits ist.

Dankbarer Partner

Besonders im Kreis der Entwicklungs- und Schwellenlänger macht sich die Machtverschiebung bemerkbar. China hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten seinen Einfluss in Afrika, Südamerika und Asien kontinuierlich ausgebaut. Vor allem in Afrika hatten die Kommunisten leichtes Spiel, weil die USA und die Europäer den Kontinent als Wirtschaftspartner weitestgehend ignoriert haben. Und weil Chinas Führung keinerlei Rücksicht auf die Situation von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte nimmt. Das knüpft die Zusammenarbeit an nichts anderes als wirtschaftliche Interessen und wird deshalb auch von den Partnern des Südens gerne akzeptiert. Zumal sich die Entwicklungsländer gegenüber den Chinesen nicht als Bittsteller, sondern als Wirtschaftspartner fühlen dürfen. In den vergangenen beiden Jahren hat China gar mehr Kredite an sie vergeben als die Weltbank, rund 110 Milliarden Dollar. Und auch in Europa tritt China zunehmend als Helfer auf, etwa um Staatsanleihen von Schuldenstaaten wie Portugal zu kaufen.

Wirtschaftsmacht: Was die Exporte angeht, ist China bereits jetzt weltweit die Nummer eins.
Wirtschaftsmacht: Was die Exporte angeht, ist China bereits jetzt weltweit die Nummer eins.(Foto: REUTERS)

Präsident Hu kann in Washington also mit einem breiten Kreuz auftreten. Zumal er auch um die Abhängigkeit der USA weiß. In den ersten elf Monaten 2010 verzeichnete China im Handel mit den Amerikanern einen Überschuss von 252 Milliarden Dollar. In den Währungstresoren Pekings liegen mehr als eine Billion US-amerikanischer Dollar – China ist zum wichtigsten Bankier der USA aufgestiegen. Der wichtigste Absatzmarkt für US-Produkte sind sie sowieso. Ohne die Mittel aus dem Fernen Osten würde die US-Wirtschaft zusammenfallen wie ein Kartenhaus.

Nimmt China die Verantwortung an?

Doch daran haben die Chinesen keinerlei Interesse. Nicht nur, dass auch die USA für sie der wichtigste Handelspartner sind und sie mit dem Geld aus Amerika ihr Wachstum finanzieren. China hat wegen seiner gigantischen Währungsreserven ein ureigenes Interesse an der Stabilität der amerikanischen Wirtschaft und des Dollars. Peking will die USA auf keinen Fall in eine Krise zu stürzen.

Deshalb wird beim Gipfel in Washington vor allem eines deutlich werden: Wie abhängig die USA und China voneinander sind. Präsident Obama und Staatschef Hu, sie werden heftig Streiten um Fragen der Währungsaufwertung, Handelsschranken, Subventionen, Zugang zu Rohstoffen und den Umgang mit Iran und Nordkorea. Am Ende aber werden sie Handelsverträge schließen und sich um Lösungen bemühen. Denn auch, wenn sich beide Seiten mit Misstrauen begegnen – an dauerhaftem Streit ist ihnen nicht gelegen.

Wie lange das noch so bleiben wird, ist nicht abzusehen. Momentan scheint China in der weitaus günstigeren Position zu sein. Die USA müssen erst einmal ihr Defizit abbauen, ihre Exporte steigern und wieder Schwung in ihre Wirtschaft bringen, wollen sie nicht auf Dauer ins Hintertreffen gegenüber den Chinesen geraten. Nichts spricht dafür, dass Pekings Weg zur wirtschaftlichen Nummer eins überhaupt noch aufzuhalten ist. Auch wenn dieser Weg nicht ohne Sprengkraft ist, führt man sich die gewaltigen sozialen Verwerfungen in China, seine skrupellose Ausbeutung der Natur sowie die kühlen Machtinteressen im globalen Wettbewerb vor Augen. Bislang wollten die Machthaber in Peking noch nicht allzu viel von der Verantwortung wissen, die aus einer Position als Weltmacht erwächst.

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Quelle: n-tv.de

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