Politik

Tochter hält Pastor für "verrückt" Jones stellt Imam ein Ultimatum

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Im pakistanischen Multan verbrennen Juristen eine US-Flagge.

(Foto: dpa)

Tausende Muslime protestieren weltweit gegen die geplante Koran-Verbrennung in den USA. Die US-Regierung sorgt sich um die Truppen im Irak und in Afghanistan. Und die eigene Tochter ist schockiert über die Pläne von Pastor Jones. Dieser sagt die Verbrennung ab - nicht ohne einem New Yorker Imam ein Ultimatum zu stellen.

Das Hin und Her um die geplante Koran-Verbrennung in Florida geht weiter. Der fundamentalistische Pastor Terry Jones hat ultimativ ein Treffen mit dem Imam des in New York geplanten Islamzentrums mit einer Moschee nahe Ground Zero gefordert. Binnen zwei Stunden müsse der Imam klären, ob er zu einem Treffen und zu Gesprächen über eine Verlegung des Islamzentrums bereit sei, sagte Jones in Gainesville. Er ließ offen, ob er ohne ein solches Treffen die zunächst abgesagte Koranverbrennung am Samstag, dem Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001, doch noch abhalten werde.

"Wir haben einige Fragen an den Imam in New York", sagte Jones. Ein Vertrauter des Pastors, K.A. Jones, sagte auf derselben Pressekonferenz: "Es gibt Verwirrung, und wir müssen Klarheit schaffen. Die Frage ist: Will sich der Imam mit Pastor Jones treffen?" Der New Yorker Imam Feisal Abdul Rauf hatte zuvor die Darstellung von Jones zurückgewiesen, er habe einer Verlegung des Islamzentrums zugesagt. Er ließ auch offen, ob er am Samstag für das von Jones gewünschte Gespräch zur Verfügung steht.

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Pastor Jones sorgt weltweit für Aufregung.

(Foto: AP)

US-Präsident Obama verurteilte erneut Jones' Vorgehen. Derartige Aktionen gefährdeten US-Truppen im Ausland. Mit deren Sicherheit, so Obama, "spielt man nicht". Obama rief die US-Amerikaner zur religiösen Toleranz auf. Er erinnerte an die "kristallklare" Botschaft seines Vorgängers George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September, nach denen sich die USA nicht im Krieg mit dem Islam befänden, sondern mit Terroristen und Mördern. Daran habe sich nichts geändert. "Wir müssen sicherstellen, dass wir uns nicht gegeneinander richten", sagte Obama. "Wir sind eine Nation unter einem Gott, wir mögen diesem Gott verschiedene Namen geben, aber wir sind eine Nation."

"Papa, lass das sein!"

Zuvor hatte Jones noch bekräftigt, dass er seine weltweit kritisierten Pläne zur Verbrennung von Koran-Ausgaben nicht umsetzen will. "Wir ziehen ganz ernsthaft, ernsthaft, ernsthaft nicht in Erwägung, den Koran zu verbrennen", hatte er gesagt. Bereits am Donnerstag hatte er einen Verzicht auf die Koran-Verbrennung mit einer Zusage begründet, dass der Bau der Moschee an anderer Stelle erfolgt. Imam Feisal Abdul Rauf hatte die Aussagen aber deutlich zurückgewiesen.

Jones' Tochter hält ihren Vater für "verrückt". Sie habe ihn in einer E-Mail dazu aufgerufen, seine geplante Koran-Verbrennung aufzugeben, sagte Emma Jones dem "Spiegel". "Ich habe geschrieben: 'Papa, lass das sein!'" Geantwortet habe er nicht. Die in Deutschland lebende Tochter äußerte sich "schockiert" über das Vorhaben ihres Vaters. "Ich wünsche mir wirklich, dass er zur Vernunft kommt. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Ich glaube, er ist verrückt geworden." Zwar sehe sie auch seinen gutmütigen Kern: "Aber ich glaube, dass er Hilfe braucht."

Gewalt bei Protesten

Aus der muslimischen Welt, die das Ende des Fastenmonats Ramadan feierte, kamen Stimmen, die zur Besonnenheit mahnten. Dennoch gab es Gewalt. Bei Protesten gegen die Pläne des Pastors wurde vor dem Bundeswehr-Feldlager im nordostafghanischen Feisabad nach offiziellen Angaben ein Demonstrant erschossen. Jones sagte, er sei dafür nicht verantwortlich. Der Sprecher der Regierung der Provinz Badachschan, Mohammad Amin Sohail, sagte, afghanische Polizisten hätten das Feuer eröffnet, nachdem ein Mob Steine auf das Camp geworfen habe. Ein Demonstrant sei getötet worden, fünf weitere sowie fünf Polizisten hätten Verletzungen erlitten.

Weder die Bundeswehr noch Provinz-Polizeichef Agha Nur Kentus bestätigten, dass es ein Todesopfer gegeben habe. Nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Geltow bei Potsdam wurden bei den Protesten vor dem Feldlager acht Demonstranten und zwei afghanische Polizisten verletzt. Bundeswehrsoldaten seien nicht beteiligt gewesen, sagte ein Sprecher.

Aufruf zur Zurückhaltung

Im Irak rief der schiitische Ajatollah Ali al-Sistani dazu auf, sich von dem Vorgehen des Pastors nicht provozieren zu lassen. "Wir verurteilen diesen Angriff auf den heiligen Koran und betonen die Wichtigkeit, dass diese Aktion nicht ausgeführt wird, aber wir rufen die Muslime auf, höchste Zurückhaltung zu üben", sagte er in Bagdad.

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Afghanen protestieren in der Provinz Nangarhar.

(Foto: REUTERS)

In Singapur warnte der muslimische Führer Abu Bakar Maidin, es dürfe angesichts der Provokation keine "Racheakte" geben. In London protestierten Tausende Muslime beim Freitagsgebet in der Baitul-Futuh-Moschee gegen "religiösen Extremismus" jedweder Art.

Für die evangelikalen Christen in Deutschland distanzierte sich der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Werth, von der geplanten Aktion. Auch die US-Evangelikalen dürften mit dem "Sektenführer" Jones "nicht in einen Topf geworfen" werden.

Pastor Jones, der eine Mini-Gemeinde mit nur 50 Mitgliedern leitet, hatte die Welt mit einem Zickzackkurs in Atem gehalten. Nach einem persönlichen Telefonanruf von US-Verteidigungsminister Robert Gates gab er am Donnerstag bekannt, dass er die Pläne für die Koran-Verbrennung fallengelassen habe. Wenig später sagte er, er wolle die Entscheidung überdenken. Die Verbrennung sei nur ausgesetzt.

Imam gegen Tauschhandel

Das Hin und Her begründete der Pastor damit, dass sich die Voraussetzungen für die Absage der Bücherverbrennung wieder geändert hätten. Sie beruhte nach seinen Angaben auf einer Vereinbarung mit der muslimischen Gemeinde in New York, dass der umstrittene Bau der Moschee nicht in der Nähe vom Ground Zero verwirklicht werden solle, wo am 11. September vor neun Jahren die Zwillingstürme des World Trade Centers von islamistischen Terroristen zum Einsturz gebracht worden waren.

Dieser von Jones proklamierte Kompromiss wurde jedoch unmittelbar nach der Verkündung von allen Seiten dementiert. Imam Feisal Abdul Rauf sagte: "Wir werden nicht mit unserer noch mit irgendeiner anderen Religion spielen. Noch werden wir einen Tauschhandel treiben." Auch die Planer des muslimischen Kulturzentrums "Park51" bezeichneten die Ankündigung als haltlos.

Jones bekräftigte dagegen in einem Interview des Senders ABC, dass es eine Zusage des Imam gebe. Er glaube daran, dass dieser sein Wort halten werde. Die geplante Verbrennung des heiligen Buches der Muslime hatte die US-Regierung zunehmend beunruhigt. Auch Präsident Barack Obama hatte sich eingeschaltet. Er appellierte an Jones, auf den "zerstörerischen Akt" zu verzichten.

EU-Außenminister sorgen sich

Mehrere EU-Staaten warnten beim informellen Außenministertreffen in Brüssel vor gewaltsamen Reaktionen in der muslimischen Welt auf die Verbrennung. Der österreichische Chefdiplomat Michael Spindelegger sagte, er fürchte eine "Eskalation" in der Debatte um den fundamentalistischen Jones. "Was in den USA passiert, kann Auswirkungen auf die ganze Welt haben", sagte Spindelegger.

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn zog eine Parallele zu den umstrittenen Thesen Thilo Sarrazins in Deutschland. "Es gibt vielleicht 20 bis 25 Prozent der Menschen, welche auf fremdenfeindliche Thesen hereinfallen", sagte Asselborn. "Wenn man das verbindet mit diesen anti-islamischen Bewegungen, ist das sehr gefährlich." Der finnische Außenminister Alexander Stubb nannte die Koran-Verbrennungen "abstoßend". Das Recht auf freie Meinungsäußerung müsse verantwortlich genutzt werden, mahnte er.

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP