Politik

Nachruf auf "Charlie Hebdo"-Chef Charb Keine Angst vor Geschmacklosigkeit

Seine Arbeit brachte ihn vor Gericht und auf die Todesliste von Al Kaida. Doch der Chefredakteur der "Charlie Hebdo" machte weiter, um die "Geschmacklosigkeit der Aktualität anzuprangern".

Er war ein unerbittlicher Verfechter der Pressefreiheit, mit seinem Zeichenstift hat er religiöse Fanatiker aller Konfessionen ebenso angegriffen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz. An diesem Mittwoch ist der Chefredakteur und Herausgeber der französischen Satire-Zeitung "Charlie Hebdo", Stéphane Charbonnier, genannt Charb, im Alter von 47 Jahren getötet worden. Er ist eines von mehreren Opfern, die in den Redaktionsräumen von "Charlie Hebdo" von kaltblütigen Attentätern mit Maschinengewehren erschossen wurden. Insgesamt wurden zwölf Menschen bei dem Überfall getötet.

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Stéphane Charbonnier alias Charb wurde bei einem Anschlag auf seine Zeitung "Charlie Hebdo" getötet.

(Foto: AP)

Der am 21. August 1967 in der Normandie geborene Journalist und Karikaturist übte während der Mathestunden in der Schule zeichnen, wie er selbst einmal erzählte. Schon als Jugendlicher brachte er seine ersten Karikaturen in einer regionalen Zeitschrift unter.

"So weit, wie es das Gesetz erlaubt"

Seit 2009 leitete Charb das Wochenblatt "Charlie Hebdo", er zeichnete aber auch für andere Satireblätter und die kommunistische Tageszeitung "L'Humanité". Politisch stand Charb klar links, während der Präsidentschaftswahl 2012 engagierte er sich für die Linksfront "Front de Gauche".

Mit seinem Zeichenstift unterstützte er auch Anti-Rassismusorganisationen. Eine seiner Karikaturen für die französische "Bewegung gegen Rassismus und für die Freundschaft unter Völkern" (MRAP) zeigt einen weißen Chef, der einem schwarzen Bewerber eine Abfuhr erteilt. "Ich würde Sie ja gerne einstellen, aber ich mag die Farbe Ihrer ... öh ... Krawatte nicht", hieß es dazu.

In Interviews verteidigte er die bissigen, oft auch derben und respektlosen Karikaturen, mit denen sich "Charlie Hebdo" immer wieder zornige Reaktionen und Klagen einhandelte. Er schrecke vor keinem geschmacklosen Witz zurück, wenn es darum gehe, "die Geschmacklosigkeit der Aktualität anzuprangern", sagte er einmal. Ihm und seinen Kollegen würde oft vorgeworfen, zu weit zu gehen. "Wir gehen so weit, wie es das Gesetz erlaubt." Viele Journalisten in Frankreich wagten es nicht, die Pressefreiheit voll auszuschöpfen - aus Angst vor einem Prozess.

Polizeischutz hatte er bereits

Charb hatte keine Angst vor Prozessen - und meistens wurde er freigesprochen. Etwa, als eine rechtsextreme Organisation 2010 gegen eine Sonderausgabe zum Thema Papst vor Gericht zog. Auch Klagen der Pariser Moschee und einer islamischen Organisation gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen, die "Charlie Hebdo" von der dänischen Zeitung Jyllands-Posten übernommen hatte, wurden abgewiesen.

Die Übernahme dieser Karikaturen im September 2011 hatte wütende Proteste von Muslimen ausgelöst, es gab damals auch Morddrohungen gegen Charb. Presseberichten zufolge gehörte der Franzose zu elf Menschen, zu deren Tötung wegen "Verbrechen gegen den Islam" die Extremistenorganisation Al-Kaida aufgerufen hatte.

Charb und seine Kollegen hätten seit Jahren mit Drohungen leben müssen, bestätigt der Anwalt von "Charlie Hebdo", Richard Malka. Das Pariser Innenministerium habe sie daher unter Polizeischutz gestellt. Doch "gegen Barbaren, die mit Kalaschnikows kommen, ist nichts zu machen".

Quelle: ntv.de, Jutta Hartlieb-Braun, AFP

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