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Der Kriegstag im Überblick Kiew sieht russische Ablenkungsmanöver in Charkiw - Scholz fordert "Marshall-Plan" für Ukraine

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Bei Angriffen auf Charkiw wurden mindestens 20 Menschen getötet.

(Foto: IMAGO/Agencia EFE)

Die russischen Truppen verstärken ihre Angriffe auf die Millionenstadt Charkiw. Kiew vermutet, dass sie damit von der Hauptschlacht um Sjewjerodonezk ablenken wollen. Während Kreml-Chef Putin der Bundesregierung "russenfeindliche Hysterie" vorwirft, verspricht Kanzler Scholz der Ukraine Unterstützung beim Wiederaufbau. Der 119. Kriegstag im Überblick.

Charkiw wieder im Visier

Nach wochenlanger relativer Ruhe im Großraum Charkiw nahm Russland die Millionenstadt im Norden der Ukraine wieder ins Visier. Russische Truppen feuerten zahlreiche Raketen auf die Stadt und deren Umgebung. Dabei wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 20 Menschen getötet und 16 verletzt. Die Regierung in Kiew äußerte den Verdacht, dass die Russen ukrainische Kräfte dort binden wollten, um sie von der Hauptschlacht im Donbass um die Stadt Sjewjerodonezk im Osten abzulenken.

"Russische Kräfte gehen gegen die Stadt Charkiw in der Art vor, wie sie gegen Mariupol vorgegangen sind - mit dem Ziel, die Bevölkerung zu terrorisieren", sagte der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowitsch. "Und wenn sie das weiter tun, werden wir reagieren müssen - etwa indem wir unsere Artillerie bewegen müssen", führte er aus. "Die Idee ist, ein großes Problem zu schaffen, um uns abzulenken und Truppen zu verlegen. Ich denke, es wird eine Eskalation geben."

Nach Angaben des Staatsanwalts von Charkiw, Michailo Martosch, haben die russischen Streitkräfte offenbar Mehrfachraketenwerfer eingesetzt. Seit Dienstag werden schwere Angriffe gegen die Millionenstadt geführt. Erst vergangenen Monat hatten die ukrainischen Truppen die russischen Streitkräfte aus der Region zurückgedrängt. In der Stadt war teilweise wieder ein normales Leben möglich. Russland hat sich seitdem auf den Donbass im Osten der Ukraine konzentriert.

Separatisten erleiden Verluste

Vor allem im Gebiet von Luhansk laufen seit Wochen heftige Kämpfe mit großen Verlusten auf beiden Seiten. Teile der ukrainischen Truppen könnten dort bei den Orten Solote und Hirske von russischen Streitkräften eingeschlossen werden, hieß es in einem Bericht des ukrainischen Generalstabs. Nach Einschätzung britischer Experten erleiden die prorussischen Separatisten der selbst ernannten "Volksrepublik" Donezk in der Ost-Ukraine allerdings enorme Verluste. Die Truppen hätten seit Kriegsbeginn rund 55 Prozent ihrer ursprünglichen Kampfstärke verloren, teilte das Verteidigungsministerium in London mit. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, im Süden des Landes im Gebiet um die Stadt Cherson drängten ukrainische Truppen die Russen allmählich zurück.

Präsidentenberater Arestowitsch äußerte die Sorge, dass die russischen Streitkräfte nach der Einnahme der Ortschaft Metjolkine die Städte Lyssytschansk und Sjewjerodonezk von den ukrainisch kontrollierten Gebieten abschneiden könnten. "Die Gefahr eines taktischen russischen Sieges ist gegeben, aber sie haben es noch nicht geschafft", sagte er in einem online veröffentlichten Video.

Scholz rechnet mit langer Eiszeit zwischen Moskau und Berlin

Für den Wiederaufbau der kriegszerstörten Ukraine hat Bundeskanzler Olaf Scholz für einen "Marshall-Plan" gefordert. Die Eindrücke bei seinem Besuch in der Ukraine vergangene Woche hätten ihn an Bilder deutscher Städte nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. "Und wie damals das kriegszerstörte Europa braucht heute auch die Ukraine einen Marshall-Plan für den Wiederaufbau", sagte der SPD-Politiker in einer Regierungserklärung im Bundestag. Um die Hilfe zu organisieren, will er im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft eine internationale Expertenkonferenz einberufen. Mit dem Marshallplan hatten die USA zwischen 1948 und 1952 mit vielen Milliarden US-Dollar den Wiederaufbau in Deutschland und anderen europäischen Staaten finanziert.

Deutschland und Russland werden nach Scholz' Einschätzung wegen des Kriegs in der Ukraine für lange Zeit politisch getrennte Wege gehen. "Eine Partnerschaft mit dem 'aggressiven, imperialistischen Russland' unter Präsident Wladimir Putin sei auf absehbare Zeit unvorstellbar, sagte Scholz. Zugleich warnte er, daraus falsche Schlüsse zu ziehen. "Es wäre unklug, unsererseits die NATO-Russland-Grundakte aufzukündigen", sagte er. Das würde Putin und dessen Propaganda nur in die Hände spielen. Die Grundakte bekräftige genau die Prinzipien, gegen die Putin so eklatant verstoße: den Verzicht auf Gewalt, die Achtung von Grenzen, die Souveränität unabhängiger Staaten. Daran solle Putin immer wieder erinnert werden.

Moskau wirft Berlin "russenfeindliche Hysterie" vor

Moskau hat der Bundesregierung indes das Schüren von Russenfeindlichkeit vorgeworfen. Berlin gefährde "jahrzehntelange Bemühungen Russlands und Deutschlands, die Feindschaft nach dem Krieg zu überwinden", erklärte das Außenministerium in Moskau anlässlich des Gedenktags an den Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion. Deutsche Regierungsmitglieder würden mit fast "täglichen Attacken auf unser Land russenfeindliche Hysterie schüren". In Deutschland werde derzeit eine "antirussische Propagandakampagne" gefahren, erklärte das Ministerium weiter. Dies habe zu einer "grundlosen, an eine Massenpsychose grenzende Aggression" gegen Russen und russischsprachige Menschen in Deutschland geführt.

Russische Ölraffinerie brennt

Auf russischem Gebiet brach russischen Angaben zufolge in der Region Rostow an der Grenze zur Ukraine ein Feuer in einer Ölraffinerie aus. Niemand sei verletzt worden, teilten die örtlichen Katastrophenschutzbehörden mit. Die russische Nachrichtenagentur Tass meldete unter Berufung auf Behördenkreise, eine ukrainische Drohne sei vor dem Brand in den Wärmetauscher-Block der Raffinerie in der Stadt Nowoschachtinsk gestürzt. Insgesamt seien zwei ukrainische Drohnen über der Anlage gesichtet worden, die zweite sei weggeflogen. Laut der Nachrichtenagentur Interfax wurde das Feuer bereits gelöscht.

Türkischer Frachter verlässt ukrainischen Hafen

Im Streit um ukrainische Getreideexporte kamen am Dienstag in Moskau Militärvertreter Russlands und der Türkei zu Gesprächen zusammen. Dies berichteten das russische Verteidigungsministerium und die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu übereinstimmend. Als Resultat habe der türkische Frachter "Azov Concord" den unter russischer Kontrolle stehenden Hafen von Mariupol verlassen, hieß es. Nun solle ein Treffen zwischen ukrainischen und UN-Vertretern folgen, bevor "in den kommenden Wochen" dann alle vier Parteien in der Türkei zusammenkommen sollen, hieß es in dem türkischen Bericht ohne Nennung konkreter Quellen.

Blockierte Ausfuhren führen zu gefährlichen Versorgungsengpässen gerade in ärmeren Ländern. Nach russischen Angaben sitzen derzeit 70 Schiffe aus 16 Staaten in Schwarzmeer-Häfen fest. Die internationale Gemeinschaft fordert von Russland seit Wochen, den Export von ukrainischem Getreide zu ermöglichen. Die Ukraine beklagt, dass ihre Häfen im Schwarzen Meer von der russischen Kriegsmarine blockiert werden. Beide Länder gehören zu den größten Weizenerzeugern und spielen eine wichtige Rolle für die Ernährungssicherheit der Welt. Scholz forderte dringend eine Lösung. "Es kann nicht dabei bleiben, dass Millionen Tonnen in ukrainischen Speichern feststecken, obwohl sie weltweit dringend gebraucht werden", sagte er im Bundestag.

Scholz sagt Litauen Beistand zu

Angesichts des Streits zwischen Russland und Litauen wegen der Ostsee-Exklave Kaliningrad sicherte der Kanzler den östlichen Bündnispartner den vollen Beistand zu. "Wir werden jeden Quadratmeter des Bündnisgebiets verteidigen." Deutschland belasse es nicht bei Worten. Seit Kriegsbeginn seien zusätzliche Soldatinnen und Soldaten ins östliche Bündnisgebiet verlegt worden.

Litauen hat seit Samstag den Bahntransit von einigen Waren wie Baumaterialien und Metallen, die auf westlichen Sanktionslisten stehen, über sein Territorium in das Gebiet um das frühere Königsberg gestoppt. Russland kritisierte das erneut scharf. Man werde nicht näher bezeichnete "praktische" Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa.

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Quelle: ntv.de, chf/dpa/rts/AFP

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