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"Das Modell Uruguay ist wirklich gut" Legales Kiffen auch bald in Deutschland?

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In Uruguay feiern Legalisierungsbefürworter den Parlamentsbeschluss auf ihre eigene Art.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In Uruguay ist Marihuana jetzt erlaubt. Auch in Deutschland hat die Legalisierungsbewegung viele Befürworter. Einer von ihnen ist der Bremer Kriminologe Lorenz Böllinger. Er argumentiert im Interview mit n-tv.de: Prohibition bringt nichts, außer dass sie ein Umfeld für Kriminelle schafft.

n-tv.de: Uruguay legalisiert Marihuana. Ist das auch ein Modell für Deutschland?

Lorenz Böllinger: Absolut. In Schleswig-Holstein wurde ja auch schon einmal ein solches Apothekenmodell vorgeschlagen …

… das war 1997, als Horst Seehofer noch Bundesgesundheitsminister war …

… richtig, und an dieser gesamtpolitischen Lage ist das dann ja auch gescheitert. Das Experiment wäre damals wie heute rechtlich möglich gewesen. Laut Betäubungsmittelgesetz ist das im öffentlichen und wissenschaftlichen Interesse ausnahmsweise erlaubt. Das wurde damals jedoch als zu gefährlich erklärt und - gegen die Forschungslage - abgelehnt.

Wie sieht das Modell in Uruguay denn konkret aus?

Es handelt sich um ein Apothekenmodell, das mit einer Registrierung der Konsumenten einhergehen wird. Sie erhalten einen Berechtigungsausweis, mit dem sie die Droge dann erwerben können - in einem Umfang, der Normalkonsumenten für gewöhnlich ausreicht. Damit sollen Missbrauch und Kriminalität so weit wie möglich verhindert werden, auch wenn das nicht hundertprozentig vermeidbar ist. Hinzu kommen eine staatlich kontrollierte industrielle Herstellung in Farmen, die die Qualität des Marihuanas gewährleistet, und eine Überwachung des Vertriebs. Das ist im Prinzip wirklich gut gemacht.

Was sind die Vorteile einer liberaleren Politik?

Als Kriminologe habe ich mich mit der Frage beschäftigt, was Strafrecht überhaupt bewirkt - ist eine drohende Strafe eine wirksame Abschreckung? Aus Studien wissen wir, dass das nur sehr begrenzt funktioniert. Es hat eigentlich nur da eine Wirkung, wo es einen Rest an Unrechtsbewusstsein und Einfühlungsvermögen für Opfer gibt. Aber Drogendelikte sind opferlos. Bei Drogenkonsumenten gibt es ein klares Bewusstsein, dass man ohnehin nur sich selbst etwas zufügt. In der Begründung für das Betäubungsmittelgesetz steht etwas von der Schädigung der Volksgesundheit. Aber das ist ja ein diffuser und absurder Begriff.

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Lorenz Böllinger ist Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bremen. Er gehört dem Schildower Kreis an, einem Verbund von Experten, die die Prohibition von Drogen beenden will. Er fordert die Einrichtung einer Enquete-Kommission zur Überprüfung der Strafbarkeit von Cannabis-Konsum.

Aber Kriminalität, die anderen schadet, gibt es als Begleiterscheinung von Drogenkonsum schon, oder?

Ja, aber das ist ja genau der Teufelskreis. Die Kriminalisierung der Droge bewirkt ja erst diese Kriminalität. Wenn man Drogen freigeben und regulieren würde, hätte man diese Probleme nicht. Den Schwarzmarkt gibt es nur durch die Illegalität. Die immensen Mengen Schwarzgeld aus dem Drogenmarkt, die die Volkswirtschaften beeinträchtigt, die Kartelle, die Drogenkriege, die Mafia - das alles ist Folge der Kriminalisierung und der weltweiten Prohibition.

Muss der Staat seine Bürger aber, fernab von der damit verbundenen Kriminalität, nicht vor Drogen bewahren?

Nicht generell, das ist ja eine ziemlich paternalistische Vorstellung eines Staates, die unserem Menschenbild völlig widerspricht. Es besteht die allgemeine Handlungsfreiheit der Bürger. Das bedeutet auch, dass er sich selbst schädigen darf. Er darf zu viel essen, zu viel Zucker zu sich nehmen; er darf nikotin- und alkoholabhängig werden - alles ohne Strafe.

Mit Marihuana käme eine weitere legale Form der Selbstschädigung hinzu …

Ja, aber im verfassungsrechtlichen Sinne muss abgewogen werden. Müssen Dinge, die nicht erwünscht sind, unbedingt über das Strafrecht oder durch die Polizei unterdrückt werden? Ein weiteres Argument sind die Kosten: 30 Prozent aller polizeilichen Ressourcen sind gebunden durch die Verfolgung von Drogendelikten - von opferlosen Delikten. Die Abwägung ist also auch: Lohnt sich das?

Würden denn überhaupt mehr Menschen kiffen, wenn es erlaubt wäre?

Alle Erfahrungen, die es dazu weltweit gibt, deuten darauf hin, dass Prohibition praktisch keinen Effekt hat. Der Drogenkonsum folgt einer eigenen Logik. Es geht eher um Moden und Trends, das hängt vom Image einer Droge ab. Zum Beispiel hatte Heroin lange ein Aussteiger-Image, das viele Menschen angezogen hat. Inzwischen ist Heroin als Loser-Droge stigmatisiert, und das ist ein Grund dafür, dass der Konsum der Droge abnimmt.

Strafrecht wirkt also nicht. Wie ist das Drogenproblem gesamtgesellschaftlich dann in den Griff zu bekommen?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, durch Beratung präventiv einzuwirken, bevor Menschen zu Drogen greifen, gerade bei jungen Leuten. Da wird es dann eine Restgruppe geben, die dafür nicht empfänglich ist - sei es, weil sie dissozial ist oder dumm. Und wenn jemand einmal in das Loch gefallen und abhängig geworden ist, hilft nur Therapie. Eine Strafe bringt Süchtige ja nicht von ihrer Abhängigkeit weg. Das ist alles gut erforscht.

Denkbar ist auch, Drogenkonsum über den Preis zu regulieren: je teurer die Droge, desto unwahrscheinlicher der Konsum. Eine Legalisierung würde Drogen aber doch billiger machen – und dann auch attraktiver für Jugendliche.

Dieser Schluss bestätigt sich nicht. Ich kann nur auf die Untersuchungen in den Ländern verweisen, wo Kiffen für Konsumenten faktisch legal ist – in den Niederlanden seit 40 Jahren, in anderen Ländern seit 10 Jahren. Da hat es keine Ausweitung gegeben. Schwankungen im Konsum sind von anderen Faktoren abhängig. Alles andere nivelliert sich. Es wird vermutlich Menschen geben, die sich freuen, dass die Drogen jetzt leichter und womöglich auch billiger zu kriegen sind. Dafür fällt die Gruppe weg, die zu Drogen greift, weil von ihnen der Reiz des Verbotenen ausgeht.

In Kreuzberg will die Bezirksbürgermeisterin Coffeeshops einrichten. Eine unterstützenswerte Initiative?

Sie ist vor allen Dingen völlig aussichtslos. Es ist nicht mehr als ein politisches Signal. Alle Beteiligten wissen von vornherein, dass das nicht genehmigt werden wird. Aber die Initiative gibt einmal mehr die Gelegenheit, diese Fragen zu debattieren.

Mit Lorenz Böllinger sprach Johannes Graf

Quelle: n-tv.de

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