Politik

"Nicht so versöhnt, wie gedacht" Merkel hat Verständnis für Frust im Osten

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Hoffnungen auf eine schnelle Angleichung hätten sich teils schnell zerstoben, sagt die Kanzlerin.

imago/BildFunkMV

In einem langen Gespräch äußert sich Kanzlerin Merkel zu Ostdeutschland, enttäuschte Hoffnungen nach der Wende und Gleichberechtigung. Die Angleichung der Lebensverhältnisse sei mehr denn je eine herausragende Aufgabe der Politik.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Verständnis für Frustrationen in Ostdeutschland geäußert. "Ich finde es nicht so verwunderlich, dass es in Ostdeutschland Frustrationen gibt", sagte sie der "Zeit". Sie tue sich aber schwer, "zu sagen, dass Land sei so gespalten wie nie zuvor. Das Land war vielleicht nie so versöhnt, wie man dachte." Mit Blick auf die im Herbst anstehenden drei Landtagswahlen in Ostdeutschland, wo Erfolge der rechtspopulistischen AfD erwartet werden, sprach Merkel von einer großen politischen Herausforderung.

Hoffnungen, die Angleichung werde schnell gehen, seien "in einigen Bereichen zerstoben", sagte sie weiter. So seien die Erbschaften und auch die Steuereinnahmen geringer, die Menschen könnten zu wenig Vermögen aufbauen. "Deshalb fragen die Leute jetzt: Wie lange soll es denn noch dauern?" Es sei eine herausragende Aufgabe von Politik, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen.

In sehr vielen Bereichen seien die Ostdeutschen unterrepräsentiert, sagte Merkel. Darüber hinaus hätten viele Ostdeutsche beispielsweise lange akzeptiert, weniger als Westdeutsche zu verdienen. "Man hat immer darauf gesetzt, dass sich das eines Tages angleicht. Aber wenn man heute noch immer die erheblichen Lohnunterschiede zwischen Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt sieht, dann ärgert das viele." Für diejenigen, die sich in die neue Welt nicht hätten einbringen können, sei es nun umso bitterer, zu spüren, "dass sich viele für das, was sie in der DDR geleistet haben, oft nicht so interessiert haben".

Wenig überrascht von persönlichen Angriffen

Merkel, die selbst aus Ostdeutschland stammt, zeigte sich wenig überrascht darüber, dass sich Wut dort häufig auch gegen sie persönlich richte. Mit Blick auf die Flüchtlingspolitik sagte sie: "Es hat mich nicht verwundert, dass sich viele Menschen in den neuen Ländern mit einer solchen Entscheidung noch etwas schwerer taten als die in den alten Ländern. Es gab in der DDR zu wenig Erfahrung mit anderen Kulturen." Auch die Euro- und Finanzkrise habe Verärgerung im Osten verstärkt.

Nachdrücklich warb Merkel für mehr Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. "Parität in allen Bereichen erscheint mir einfach logisch", sagte sie. Ihr Blick "für Benachteiligungen, die auf Frauen zukommen", habe sich während ihrer politischen Laufbahn geweitet.

Quelle: n-tv.de, jwu/dpa/AFP

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