Politik

Tunesier reisen nach Frankreich Migranten suchen besseres Leben

Es ist für viele Tunesier die letzte Etappe auf der Suche nach einem besseren Leben: Mit dem Zug vom italienischen Ventimiglia reisen die jungen Migranten nach Frankreich ein. Dort wollen sie Geld verdienen, um irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren.

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Die Migranten leben in der ständigen Angst, festgenommen zu werden.

(Foto: REUTERS)

Die jungen Männer könnten glatt als anreisende Fußballmannschaft durchgehen. Mit den gleichen schwarzen Rucksäcken einer Hilfsorganisation zu ihren Füßen hocken sie als kleine Gruppe im Zug Richtung Frankreich zusammen. Er kommt aus Ventimiglia - dem italienischen Grenzort, in dem sich zurzeit Tausende tunesischer Migranten auf der letzten Etappe ihrer Reise drängen. Als der Zug mit kreischenden Bremsen auf französischer Seite in Menton zum Stehen kommt, steigen vier Polizisten in schwerer Schutz-Montur zu.

Die Gesichter der Reisenden erstarren aus Angst vor einer Festnahme. Mit Blick auf ein begleitendes TV-Team verzichten die französischen Polizisten jedoch auf eine Befragung der Tunesier. Ein paar Stationen weiter verlassen zehn von ihnen im Mittelmeer-Ort Cagnes-sur-mer erleichtert den Zug.

Katz-und-Maus-Spiel

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den französischen Behörden und nordafrikanischen Migranten dauert an, seit die ersten Bootsladungen mit Tunesiern die kleine italienische Mittelmeer-Insel Lampedusa erreichten. Nach dem Fall des autokratischen Langzeit-Herrschers Zine el Abidine Ben Ali Mitte Januar versuchen fast 23.000 Tunesier ihr Glück auf der anderen Seite des Mittelmeers in Europa.

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Flüchtlinge warten im Bahnhof von Ventimiglia auf einen Zug, ...

(Foto: REUTERS)

Obwohl Italien das nächstgelegene europäische Land ist, zieht es die meisten weiter in die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, wo viele von ihnen Verwandte und Freunde haben. Auf knapp 600.000 schätzt das Büro der Auslands-Tunesier die Stärke der tunesischen Gemeinde in Frankreich - weit mehr als in Italien und Deutschland zusammen. "Wenn in Frankreich lebende Tunesier nach Hause kommen, tragen sie elegante Kleidung und bauen große Häuser - das würde ich auch gerne mal machen", sagt der 27-jährige Makram Nasr, der in Ventimiglia auf eine Aufenthaltserlaubnis wartete. Sie soll ihm den Weg nach Frankreich und andere europäische Schengen-Länder ebnen.

"Wir sahen im Wasser treibende Leichen"

Nasr besaß einen Barbierladen in der tunesischen Touristenstadt Gabes. "Es war kein schlechtes Geschäft", meint er. Doch mit dem, was er da verdiente, hätte er noch Jahren benötigt, um endlich eine Familie gründen zu können. Also hat er den Laden verkauft und von seinen Eltern Geld geliehen, um die 2000 Dinar (1025 Euro) für den Bootstrip nach Lampedusa aufbringen zu können.

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... der sie über die Grenze nach Frankreich bringt.

(Foto: REUTERS)

Eigentlich hatte das Boot nur Platz für 100 Passagiere, doch die Menschenschmuggler quetschten dreimal so viele an Bord. "Ich habe um mein Leben gefürchtet", sagt Nasr, "wir sind an Booten vorbeigefahren, die im Wasser zerbrochen waren. Wir sahen im Wasser treibende Leichen, die von den Fischen angefressen waren." In Frankreich hofft er auf Gelegenheitsjobs - "Alles, was anfällt: Von der Gartenarbeit bis zum Anstreichen. Einfach alles!"

Vergangenes Wochenende hatte Italien begonnen, Reisedokumente auszugeben. Sie gelten nach italienischer Ansicht für den gesamten Schengen-Raum - was Frankreichs Mitte-Rechts-Regierung aus Sorge um den heimischen Arbeitsmarkt so nicht akzeptiert.

Italien: Frankreich ist unsolidarisch

Französische Polizisten haben daher bereits Tunesier an der Grenze abgewiesen, die nicht ausreichende Mittel für ihren geplanten sechsmonatigen Aufenthalt in Frankreich nachweisen konnten. Für Italien ein Anlass, das Nachbarland des unsolidarischen, anti-europäischen Verhaltens zu bezichtigen. Die Spannungen zwischen Paris und Rom wuchsen, als Frankreich vergangenen Sonntag stundenlang den Zugverkehr zwischen Ventimiglia und Frankreich unterbrach.

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Italien hat begonnen, Reisedokumente auszustellen.

(Foto: REUTERS)

Der Zwischenfall warf ein Schlaglicht auf die Uneinigkeit Europas bei Streitthemen, die nationale Interessen berühren. Paris steht auf dem Standpunkt, es habe weit mehr Asylbewerber aufgenommen als Italien; es will zudem künftig sowohl die illegale als auch die legale Einwanderung deutlich beschneiden. Deutschland, Belgien und andere Staaten warnen ebenfalls, dass sie die Tunesier ohne weitere Auflagen nicht unbedingt ins Land lassen würden, während die EU über die Entwicklungshilfe Druck auf Tunesien ausübt, damit es seine Jugend im Lande hält.

Aus Sicht der Migranten wirkt das Ganze dagegen eher wie Theaterdonner. "Frankreich und Italien sind sich sehr nahe, wie gute Freunde", meint der 20-jährige Mohammed, bevor er nach dem Verlassen des Zuges in Cagnes-sur-mer von seinem Bruder erwartet wird.

Quelle: n-tv.de, Clare Byrne, dpa

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