Politik

Leichenschändung in Afghanistan Niemand ist davor gefeit

"Diese respektlose Tat ist unerklärlich", verurteilt die ISAF das, was auf dem Internetvideo zu sehen ist. Der Gewaltforscher Prof. Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialfoschung weiß es besser: Massive Demütigungen und Leichenschändungen sind in Kriegen an der Tagesordnung. Dass sich daran im Laufe der Jahrhunderte etwas geändert hätte, sieht er nicht.

n-tv.de: Herr Greiner, im Internet ist ein Video aufgetaucht, das US-Soldaten zeigt, die auf Leichen afghanischer Männer urinieren. So etwas ist nicht neu für Sie …

Prof. Bernd Greiner: Nein, so etwas ist nicht neu. Wenn man sich die Kriege seit der Frühzeit anschaut, kommt es immer wieder zu solchen Schändungen von Leichen, die immer wieder begriffen werden als symbolische Erniedrigung des Gegners. Oft trifft es auch Zivilisten.

Steckt ein System dahinter?

Teils, teils. Oftmals sind diese Vorfälle aus einer situativen Dynamik heraus zu erklären. Also aus den Umständen längerer Kriegsführung. Oft geht es zurück auf frustrierte Soldaten, die auf diese Weise ihrem Unmut freien Lauf lassen. Aus der frühen Neuzeit kennen wir etwa Beispiele, dass Truppenführer, die den Sold nicht bezahlen konnten, ihren Soldaten geradezu die Gelegenheit gegeben haben, ihren Zorn an Zivilisten auszulassen. Im Krieg gegen den Terror ist noch ein weiteres Element zu beobachten: Dort wurde die sexuelle Erniedrigung von Gefangenen ganz gezielt als Botschaft an die Bevölkerung eingesetzt. Es wurde signalisiert: Allah kann euch nicht schützen, wir können mit euch machen, was wir wollen. Was im vorliegenden Fall den Ausschlag gab, ist nach dem derzeitigen Stand der Informationen noch nicht zu beurteilen.

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Abu Ghraib: Gelegenheitsräume für Sadisten

(Foto: dpa)

Wer ist es, der diese Methoden einsetzt?

Bei Abu Ghraib kam es aus dem Verteidigungsministerium. Es wurde gesagt: Ihr müsst die Verhörmethoden verschärfen und wir lassen euch im Grunde freie Hand dazu. Das schafft Gelegenheitsräume für Sadisten, sich auszuleben.

Die Voraussetzung dafür ist ja eine gewisse Verrohung. Was sind die Umstände, die es möglich machen, dass Menschen so handeln?

Das vorliegende Video ist ja sehr nüchtern von einem Taliban-Vertreter kommentiert worden, der sagte, dass ihn das gezeigte nicht verwundert und es noch im unteren Spektrum dessen liege, was sich ISAF-Soldaten in Afghanistan zu Schulden kommen lassen. Verglichen mit den Massakern, die derzeit verhandelt werden, ist es tatsächlich harmlos.

Ich würde das auch nicht mit Verrohung durch den Krieg erklären. Verrohung setzt ja voraus, dass sich jemand über längere Zeit unter Umständen befindet, mit denen er nicht zurecht kommt. Aus anderen Kriegen wie Vietnam wissen wir, dass es oft nur wenige Wochen oder Tage braucht, bis ganze Einheiten aus Frustration darüber, dass sie den Krieg nicht gewinnen können, sich dadurch Luft verschafft haben, dass sie Unschuldige massakriert und vergewaltigt haben, dass sie Leichen geschändet und sich an Gefangenen vergangen haben.

Das bedeutet, alles was wir an guter Erziehung und Sozialisation mitbekommen haben, gilt nur, solange wir beobachtet sind?

Krieg öffnet einen Gelegenheitsraum in dem es in der Tat sehr leicht möglich ist, Normen, Werte und alles, was wir als zivilisatorische Standards begreifen, über Bord zu werden. Wir erfahren es immer wieder, egal, um welche Streitkräfte es sich handelt, dass diese Gelegenheit zur Ausübung von Gewalt wahrgenommen wird. Das ist etwas, was wir in allen Zeiten beobachten.

Das bedeutet, keiner ist davor gefeit?

Keiner ist davor gefeit und das gehört zu den ernüchterndsten Befunden der langjährigen, internationalen Forschungen auf diesem Gebiet.

Nun kommt dazu, dass Leute diese Taten filmen.

Auch das ist nicht neu. Denken Sie an die fotographischen Dokumentationen im Zweiten Weltkrieg. Dort haben in tausenden Fällen Landser Berge von Leichen, das Hängen von Geiseln und das Erschießen von Juden abgelichtet, als wären sie auf einem Sonntagsspaziergang.

Sind Kriege heute durch Technik und Kontrolle nicht sauberer und zivilisierter? Ist das alles Illusion?

Das ist grandioser Unfug. Zu behaupten, man könnte durch Technik den Krieg zivilisieren, ist ein normativer Selbstbetrug derer, die das in die Welt setzen.

Kann das die diplomatischen Kontakte schädigen?

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Guantanamo: Die Bilder nagen an der Strahlkraft der USA.

(Foto: AP)

Die Bilder von Abu Ghraib haben sich tief in das Bewusstsein der arabischen Welt eingegraben. Daran wird man sich noch in Ge nerationen erinnern. In der Summe wird das Bild der USA in diesem Kulturraum nachhaltig belastet. Und da ist das aktuelle Video nur ein weiteres Mosaiksteinchen in diesem viel größeren Bild.

Sie haben mal gesagt, die Stärke der USA liege in der Attraktivität ihrer Ideale. Gilt das immer noch?

Die sogenannte Soft-Power der USA war lange Zeit ihre Stärke. Aber beachten Sie, was in den letzten zehn Jahren in der Summe passiert ist: Abu Ghraib, Guantanamo, die geheimen Gefängnisse und solche Videos wie das aktuelle. Diese Ereignisse nagen nachhaltig an der kulturellen Strahlkraft Amerikas. Das Bild, dass die USA für Recht und Freiheit einstehen, ist beschädigt.

Mit Prof. Bernd Greiner sprach Christoph Herwartz.

Quelle: ntv.de

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