Politik

Guckt doch weg! Klarer Finger Steinbrück

Sozialdemokratische Merkel-Raute oder Johnny-Cash-Zitat? Mit seiner Pose im SZ-Magazin löst SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück eine heftige Kontroverse aus. Doch die Prediger von Anstand und Würde sollten sich wieder beruhigen. Denn wer wütend ist, darf das auch zeigen.

Die Alben, die Johnny Cash seit Mitte der 1990er Jahre mit dem Produzenten Rick Rubin aufnahm, machten den Country-Star zur Legende. Nur in der Country-Szene blieb die Anerkennung aus, die einschlägigen Radiosender spielten die "American Recordings" einfach nicht. Das ärgerte vor allem Rubin, der es nicht gewöhnt war, ignoriert zu werden.

Für 20.000 Dollar kaufte Rubin eine ganzseitige Anzeige im Branchenblatt "Billboard". Dort platzierte er ein Foto, auf dem Cash der Kamera den erhobenen Mittelfinger entgegenstreckt und augenscheinlich gerade dabei ist, das F-Wort herauszuschleudern. Der begleitende Text war ein wenig subtiler: "American Recordings und Johnny Cash würden sich gern beim Nashville Musik-Establishment und bei den Country-Sendern für ihre Unterstützung bedanken", stand daneben. Cash zeigte der Country-Industrie, was er von ihr hielt.

Das Foto selbst war nicht neu, es war 1969 bei einem Cash-Konzert im Gefängnis San Quentin in Kalifornien entstanden. Nach Cashs Tod erzählte der Fotograf Jim Marshall, wie er den Musiker zu der Geste gebracht hatte. "Ich sagte, John, lass uns ein Foto für den Wärter machen." Doch nicht die Geste gegen den Gefängnisaufseher, erst Rubins Anzeige verlieh der Aufnahme ihren Kultcharakter. Sie zeigt einen Mann, der sich zur Wehr setzt, weil er etwas geleistet hat, das nicht anerkannt wird, obwohl es gut ist. Dieses Foto stellt keinen sinnlosen Fluch dar, sondern ist Ausdruck einer legitimen Frustration.

Klare Geste

Und damit sind wir bei Peer Steinbrück. Man kann von dem SPD-Kanzlerkandidaten halten, was man will. Aber so viel steht fest: Ihm wurde übel mitgespielt. Klar, Steinbrück hat ein paar Dinge gesagt und getan, die nicht so klug waren, zum Beispiel die Sache mit dem Vortrag in Bochum und der Satz über das Gehalt des Bundeskanzlers. Aber er hat nichts getan, das ihn disqualifizieren würde, die Bundesrepublik Deutschland als Kanzler zu vertreten. (Ob man politisch mit ihm übereinstimmt, ist eine ganz andere Frage.)

Politiker aus der Koalition haben dennoch nichts unversucht gelassen, ihm die nötige Würde für das Kanzleramt abzusprechen. Nachdem Steinbrück den früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und den Parteigründer und Kabarettisten Beppe Grillo "Clowns" genannt hatte, sagte FDP-Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger, Steinbrück qualifiziere sich so "fürs Unterhaltungsfernsehen, aber nicht fürs Kanzleramt". Für seinen Spruch von der Kavallerie, die er den Schweizern schicken wollte, gab es ähnliche Kommentare.

Als Kanzlerkandidat hat Steinbrück von Anfang an mit diesem Image kokettiert. "Klare Kante" und "Klartext" sind beliebte Vokabeln im Wahlkampf der SPD. Doch der Erfolg blieb aus. Stattdessen musste er sich mit einem Erpresserbrief herumschlagen und sich von der "Welt am Sonntag" vorwerfen lassen, möglicherweise Stasi-Spitzel gewesen zu sein. (Nur zur Klärung: Die "WamS" behauptete nicht, dass Steinbrück IM war, im Gegenteil: "Beweist all das, dass Peer Steinbrück abgeschöpft wurde oder für die Stasi oder einen anderen Geheimdienst gearbeitet hat?", fragt der "Welt"-Chefredakteur in einem lesenswerten Editorial. "Um es klar und deutlich zu sagen: Nein, das tut es nicht." Ebenso gut hätte die "Welt" eine Geschichte aus der Tatsache machen können, dass Steinbrück kein Kinderschänder ist.)

Mitleid muss man mit Politikern nicht haben, das erwarten sie auch nicht. "Jeder, der Kanzlerkandidat ist, weiß, dass es in der Küche heiß ist", sagt Steinbrück in einem Interview mit n-tv.de. "Diese Hitze muss ich aushalten, wenn ich Chefkoch werden will. Aber ich mache keinen Hehl daraus, dass ich erlebt habe, dass Nebensächlichkeiten und Petitessen zeitweise eine größere Rolle gespielt haben als politische Inhalte."

Mitleid also muss man nicht haben, doch selbst im Wahlkampf dürfen Politiker ein Mindestmaß an Fairness erwarten. Diese Fairness hat zuletzt sogar Wolfgang Schäuble vermissen lassen. Bei n-tv warf Steinbrücks Nachfolger im Amt des Bundesfinanzministers dem SPD-Kanzlerkandidaten vor, "als Mimose durch die Landschaft" zu trippeln. Noch vor einem Monat wäre eine solche Äußerung aus Schäubles Mund undenkbar gewesen.

Eindeutige Antwort

Steinbrück hat nun gezeigt, was er davon hält, wie das - nennen wir es ruhig: - Establishment mit ihm umspringt. Exakt zum zehnten Todestag von Johnny Cash erscheint auf dem Cover des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" ein Foto, das ihn in der San-Quentin-Pose zeigt. Es ist Teil der Interviewreihe "Sagen Sie jetzt nichts", bei der Menschen allein mit Gestik und Mimik auf eine Frage antworten. Die Frage zu Steinbrücks Finger-Foto lautete: "Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi - um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?"

Ausgerechnet die FDP, die mutmaßliche politische Korrektheiten immer mit großer Geste als Angriff auf die Freiheit geißelt, gefällt sich jetzt in staatsmännischer Pose. "Das kann doch wohl nicht der Stil eines Bundeskanzlers sein", kommentiert Gesundheitsminister Daniel Bahr via Twitter. Und Parteichef Philipp Rösler weiß: "Die Geste verbietet sich als Kanzlerkandidat. So etwas geht nicht." Zur Erinnerung: Das ist die Partei, die keine Probleme damit hatte, ihren Koalitionspartner als "Wildsau" zu bezeichnen.

Richtig ist, dass Steinbrück kein Rocker ist und für einen Moment die bürgerlichen Umgangsformen hat vermissen lassen. Zumindest einem Teil der Wähler dürfte Steinbrück jedoch aus der Seele gestikuliert haben. Denn wenn wir ehrlich sind, dann haben wir doch alle jene Politiker satt, die jeden Satz auf die diplomatische Goldwaage legen und jede halbwegs kontroverse Äußerung von ihren Pressesprechern aus Interviews streichen lassen. Was um alles in der Welt ist schlimm daran, wenn ein Politiker endlich einmal andere Gefühle zeigt, als am Wahlabend die geheuchelte Dankbarkeit vor dem Wähler oder beim Großen Zapfenstreich die Ergriffenheit über die eigene Größe?

Es muss erlaubt sein, "Scheiße" zu sagen, wenn man sich entsprechend fühlt. Wohlgemerkt: Dies sollte nicht zur Regel werden. Doch gerade die gezielte oder spontane Regelverletzung kann verhindern, dass soziale Normen zur leeren Hülle werden. Steinbrück will uns mit seinem Tabubruch sagen, dass ihm dieser Wahlkampf gewaltig stinkt, in dem mehr über Halsketten und rautenförmige Hand-Haltungen gesprochen wird als über Eurokrise und Energiewende. Wer sich daran stört, soll einfach weggucken. Er kann ja jemand anders wählen.

Quelle: n-tv.de

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